Mehr Balance zwischen Arbeit und Freizeit
"Erwerbsarbeit macht immer häufiger krank und verursacht Stress, Depressionen und Burn-out. Deswegen muss die Politik gegensteuern und die psychosoziale Gesundheit der Menschen am Arbeitsplatz durch geeignete Rahmenbedingungen fördern": Das hat der Linzer Bischof Ludwig Schwarz eingemahnt. Der in der Österreichischen Bischofskonferenz für Sozialfragen zuständige Bischof, der auch Sprecher der Allianz für den freien Sonntag ist, äußerte sich anlässlich einer Tagung im Europäischen Parlament in Brüssel, die die steigenden psychosozialen Risiken im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit und das EU-Rahmenprogramm für Gesundheit und Soziale Sicherheit zum Thema hatte.
Angemessene Arbeitszeiten, ausreichende Ruhephasen und wöchentlich gemeinsame freie Zeit seinen notwendige Elemente einer Rahmenordnung, für die die Politik zu sorgen habe, forderte Schwarz.
Zu dem Treffen der "Interest Group" im Europäischen Parlament hatten Abgeordnete der Europäischen Sozialdemokraten und der Europäischen Volkspartei gemeinsam mit der "European Sunday Alliance" eingeladen. Als Schlüsselelemente des EU-Rahmenprogramms wurden eine faire Work-Life-Balance, ausreichende Ruhezeiten und ein gemeinsamer freier Tag pro Woche diskutiert.
Einem aktuellen Bericht des Europäischen Parlaments (2015) zufolge sind Stress und psychosoziale Risiken im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit bereits für die Hälfte der Krankenstandstage in der EU verantwortlich, wie die Allianz für den freien Sonntag in einer Aussendung mitteilte. Psychosoziale Risiken - neben Stress auch Depressionen und Burnout - seien bereits der zweitwichtigste Grund für Krankenstände, die mehr als drei Tage dauern. Darauf wies beim Brüsseler Treffen Brenda O´Brian von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (EU-OSHA).
Neue Technologien wie Smartphones und Social Media sowie die damit verbundene Erwartung an Arbeitnehmer, rund um die Uhr verfügbar zu sein, wurden von den einladenden Parlamentariern und Organisationen ebenfalls als aktuelle Herausforderungen benannt. So arbeiten laut der 6. Eurofound-Umfrage zu Arbeitsbedingungen 45 Prozent der Beschäftigten in den letzten 12 Monaten in ihrer Freizeit, um ihr Arbeitspensum erfüllen zu können. Befragt wurden dazu EU-weit 35.765 Personen.
Sinnerfüllte "Work-Life-Balance"
Konkrete Gegenmaßnahmen ergreift die Diözese Eisenstadt, die vom 24. Dezember 2015 bis 6. Jänner 2016 einem Gutteil der kirchlichen Mitarbeiter einen Betriebsurlaub und somit "einen ausgedehnten zeitlichen Freiraum für das Weihnachtsfest, die Familie, Freunde, Muße und die eigene innere Ruhe" ermöglicht, wie es in einer Aussendung am Dienstag hieß. Gerade kirchliche Einrichtungen müssten beispielgebend vorangehen, wenn es darum gehe, eine sinnerfüllte "Work-Life-Balance", eine Balance zwischen Arbeit und freier Zeit, zwischen Stunden der Produktivität und jenen der Ruhe zu bewahren, so Bischof Ägidius Zsifkovics. Die Maßnahme wird in Eisenstadt bereits zum vierten Mal durchgeführt.
Menschliche Freiräume dürften nicht den Idolen jener "turbokapitalistischer Verirrungen" geopfert werden, "die gute Arbeit als gestalterischen, kreativen, sich selbst und in der Gemeinschaft verwirklichenden Sinnvollzug zu Formen der Ausbeutung, der Entfremdung und Verdinglichung pervertieren", betonte der Bischof.
Untersuchungen zeigten eindeutig, dass Gestaltungsfähigkeiten, Arbeitspotenziale, die Selbstverwirklichung durch eigene Leistungen und die mit eigenen Handlungsleistungen verbundene Freude durch mangelnde Ausgleichs-, Ruhe- und Freiräume deutlich abnehmen. "Ein gesunder Betrieb braucht gesunde Menschen und Gesund-Sein betrifft den leibseelischen Selbst- und Weltbezug im Ganzen", so der Bischof. "Atemlosigkeit und die Illusion eines ruhelosen 'Immer-Mehr' sind keine gute Grundlage für das Entfalten und Verwirklichen von Potenzialen. Und das betrifft das Arbeits- und Wirtschaftsleben genauso wie die Gestaltung von Freizeit, die sich etwa durch einen überbordenden und übersteuerten Konsum selbst um die Chance einer eigentlichen Sammlung, einer Freilegung eigener Daseinsmöglichkeiten bringt."
Die seit Jahren gepflegte Betriebskultur der Diözese, die Erholung und Zuwendung an Familie und Freunde ermöglicht, sei somit auch allgemeine gesellschaftliche Einladung zum Entdecken und Wiederentdecken von "Arbeit als tatsächlicher Sinnressource", aber auch als "Stachel im Fleisch fehlgeleiteter Tendenzen". In der Zeit vom 24. Dezember 201 bis 6. Jänner 2016 werden daher alle Dienststellen der Diözese geschlossen sein. Ausgenommen sind Mitarbeiter im seelsorglichen Dienst.
Quelle: kathpress