
"Kirche und ORF sind Partner in Flüchtlingsfrage"
Kardinal Christoph Schönborn hat am Dienstagabend beim Vorweihnachtsempfang der Erzdiözese Wien für Direktion und Redakteure des ORF für die sensible Behandlung des Flüchtlingsthemas gedankt und zu einer Einstellung auf "härtere Tage" aufgerufen. Der Wiener Erzbischof nahm Bezug auf ein entsprechendes lyrisches Werk von Ingeborg Bachmann und äußerte die Vermutung, dass die Jahre bis 2015 in einem Jahrzehnt noch als Teil der "guten alten Zeit" eingestuft sein könnten. Denn die Zeichen der Zeit seien dramatisch. "In 2.000 Jahren hat es noch keine Zeit gegeben, in der so viele Christen - und so brutal - verfolgt wurden", so Schönborn.
In Folge der globalen Konflikte seien auch in Österreich Erschütterungen zu spüren. "Die Kindergartendebatte zeigt: Unser Nachkriegskonsens, dass Religion etwas Gutes ist, dass die Religionen ihren berechtigten Platz im Staat, in der Bildung und Erziehung, in der Kultur haben, ist brüchig geworden. Das Erstarken des Islam, dessen fundamentalistische Strömungen auch bis in unser Land hinein spürbar werden, ist dabei, den Blick auf die Religion überhaupt zu verändern", sagte der Wiener Erzbischof. Vielleicht sei die Zeit eines "geradezu biedermeierlich problemlosen Miteinander und Füreinander" von Staat, Kirche und ORF nur "bis auf Widerruf gestundet".
Im Rückblick auf 2015 äußerte Schönborn Anerkennung über die Arbeit des ORF; "es fällt mir diesmal nicht irgendetwas ein, was ich wirklich kritisieren müsste". Eine Verbindung zwischen Kirche und ORF, "sozusagen auch eine gemeinsame Mission", sei der aufklärerische Auftrag. "Papst Benedikt XVI. hat immer wieder darauf verwiesen, dass der jüdisch-christliche Glaube aufklärerisch wirkt. Dies zeigt sich im beispielsweise im Kampf der Propheten gegen Pseudokult und Götzen", erinnerte der Kardinal. Es sei wichtig, dass es ein Leitmedium gebe, das mit Religion fair, neugierig, kompetent, einfühlsam umgehe.
Information, Moderation, Motivation
Dazu komme als neue große Herausforderung für die Medien die Flüchtlingsfrage: Angesichts "diffuser Ängste und einer sehr komplexen Thematik" habe der öffentlich-rechtliche Rundfunk" drei Aufgaben: umfassend und objektiv zu informieren; Menschen ins Gespräch miteinander zu führen; sowie schließlich sie zum Engagement zu motivieren.
Der Kardinal definierte Information als "Kunst der Wissensvermittlung, die aufklärt, das Verstehen fördert und neue Sichtweisen öffnet". Menschen miteinander wieder ins Gespräch zu führen wiederum bedeute, "beispielsweise jene, die helfen, mit denen, die nicht helfen wollen", zusammen zu bringen. "Es geht dabei um die Kunst der Moderation der öffentlichen Meinung. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk steht im Dienste des Dialogs und muss selbst ein Ort des Dialogs über die großen Themen sein." Im Blick auf die "Kunst der Motivation" sagte Schönborn, mit den Aktionen "Nachbar in Not", "Licht ins Dunkel" und "Helfen wie wir" habe der ORF "eindrucksvoll bewiesen, wie man als öffentlich-rechtliche Institution beim Helfen hilft, ohne dabei aus der eigenen Rolle zu fallen". Die katholische Kirche werde dabei mit ihren Einrichtungen wie beispielsweise der Caritas immer ein verlässlicher Partner sein.
Der Wiener Erzbischof äußerte sich im Blick auf die Erfüllung der aufgestellten Kritierien zur Behandlung der Flüchtlingsfrage wie auch anderer Themen dankbar über den ORF, "auch dafür, dass der ORF in bewundernswerter Weise eine humanistische Grundlinie in diesen Fragen" gehalten habe. Der ORF leiste damit seinen Beitrag dafür, dass es ein gutes zivilgesellschaftliches Echo und die Bereitschaft zum Helfen quer durch die Gesellschaft gebe und habe damit seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag "in vorbildlicher Weise wahrgenommen".
Wrabetz: Religionsberichterstattung ausgebaut
"Die Zeit scheint aus den Fugen zu sein", konstatierte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und verwies im Blick auf das Jahr 2015 auf die Griechenland- und Flüchtlingskrise. Umso mehr "suchen Menschen nach vertrauenswürdigen Informationen und Institutionen die Orientierung geben. Das haben ORF und Kirche gemeinsam".
Vor diesem Hintergrund sei die "Religionsberichterstattung ein persönliches Anliegen der ORF-Geschäftsführung" und wurde in den letzten Jahren "deutlich ausgebaut". Mit der Einführung des Spartenkanals ORF III, der inzwischen täglich rund 500.000 Zusehern hat, gibt es insgesamt 2,5 Stunden mehr Religionsprogramm im ORF. Allein die Sendung "kreuz und quer" erreichte 2015 4,4 Millionen Zuseher, was einer Steigerung um 500.000 gegenüber früher bedeute. Spitzenreiter dabei war die im September gesendete Dokumentation "Krisenmanager Kardinal Schönborn". Ein weiteres Highlight war die Sendung "Feierabend" am Karfreitag, das sich mit dem Turiner Grabtuch befasste und 700.000 Zuseher hatte.
Wrabetz verwies auf die insgesamt 15 Sendungsformate im Hörfunk, für die die Religionsabteilung verantwortlich ist. Spitzenreiter dabei sind die wöchentlichen Radiogottesdienste auf dem Regionalprogramm mit bis zu 700.000 Hörern am Sonntag.
Schließlich sei es mit der ORF-Aktion "Helfen wie wir" gelungen, zahlreiche Quartiere für Flüchtlinge und vielfältige Möglichkeiten des konkreten Engagements zu vermitteln und dabei auch noch Spenden zu sammeln. Ausdrücklich dankte Wrabetz der kirchlichen Caritas für die "gute und enge Zusammenarbeit" in diesem und in anderen Projekten.
Zur Adventbegegnung waren seitens des ORF neben Generaldirektor Wrabetz der Kaufmännische Direktor Richard Grasl und die Wiener Landesdirektorin Brigitte Wolf sowie die für Religion zuständigen Leiter im Fernsehen und Hörfunk, Gerhard Klein und Doris Appel, gekommen. Weitere Teilnehmer waren u.a. ORF-Stiftungsrat Franz Küberl und Alfred Trendl, der die katholische Kirche im ORF-Publikumsrat vertritt.
Eröffnet wurde der Abend mit einer adventlichen Meditation in der Franziskanerkirche, der der Wiener Generalvikar Nikolaus Krasa vorstand. Für die musikalische Gestaltung zeichnete ein Ensemble unter der Leitung von Johannes Ebenbauer verantwortlich.
Quelle: kathpress