
Polak warnt vor totalitären Zügen
Der aktuelle Umgang mit Flüchtlingen durch eine "Politik der Angst" kann durchaus an totalitäre Zeiten in der europäischen Geschichte erinnern. Wie die Wiener Theologin Regina Polak in einer ausführlichen Analyse der gegenwärtigen Flucht- und Migrationsbewegungen und der Reaktionen darauf erinnerte, stelle die "Lösung" internationaler politischer, ökonomischer sowie sozialer Probleme mittels menschenfeindlich-rassistischer Politik ein für Europa "vertrautes Gefilde" dar. Polaks besorgte Frage im Blick auf das Erstarken konservativer, rechtspopulistischer und sogar neofaschistischer Einstellungen und Parteien in Europa und darüber hinaus: "Wiederholen sich politische Prozesse, die Europa im 20. Jahrhundert in den Abgrund geführt haben, nunmehr auf globalem Level?"
Geschichte wiederhole sich zwar niemals eins zu eins, aber aktuell entstehe der Eindruck, dass "auf die neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit Denkformen und Methoden des 20. Jahrhunderts reagiert" wird, was laut Polak "fatale Folgen" haben könne. Faschismus und Totalitarismus seien im vergangenen Jahrhundert die Reaktion auf die Weltwirtschaftskrisen und Armutsproblematik der 1930er-Jahre gewesen, erinnerte die Theologin, die derzeit ein Forschungssemester in Israel absolviert und sich seit Jahren mit einer "Theologie der Migration" befasst. Die politischen und gesellschaftlichen Eliten seien diesen Krisen gegenüber "ignorant, widerwillig, ohnmächtig und erschöpft" gegenübergestanden.
Ob sich diesmal die entscheidenden Kräfte in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik zusammentun und für die Neuartigkeit der Herausforderungen auch neue Lösungen suchen, die dem Überleben und Leben der Menschheit dienen, ist für Polak fraglich. Aus historischer Sicht gebe es wenig Grund zu Optimismus. "Denn in solchen Krisen- und Transformationszeiten, wie sie die Welt derzeit auf globaler Ebene erlebt, wurde zumeist der Angst der Vorrang gegeben und haben sich die autoritären Kräfte der Reaktion, der Gewalt und des Krieges durchgesetzt."
Christliche Gegenperspektive
Aus christlicher Perspektive dagegen gebe es Anlass zu Hoffnung, so Polak. Eine Hoffnung allerdings, die ungeeignet sei, "von der Dramatik einer Situation abzulenken oder sie schönzureden". Exil und Diaspora, Aufbruch und Vertreibung, Fremdheit, Armut und Ungerechtigkeit seien biblische Grunderfahrungen, die sich im Rückblick als Ausgangspunkte von Befreiung und Rettung, von Entstehung neuen Lebens und Sinns erwiesen. Die Adressaten der Frohbotschaft seien dabei in erster Linie die Notleidenden, denen Gott Beistand zusichere. Das ist laut Polak "keine bruchlose Geschichtstheologie des 'Alles wird wieder gut'", in der die unzähligen Opfer dieser Katastrophen ausblendet oder verleugnet werden. "Im Gegenteil", so die Theologin: "Täter und Opfer werden benannt, Strukturen und Prozesse der Gewalt dargestellt und selbstkritisch schonungslos offengelegt."
Auch Migration könne so zum "Segen" werden: Als "Ort der Gotteserkenntnis" sei sie zuinnerst verbunden mit dem Erkennen und Erlernen menschengerechter Sozialordnungen. Flucht und Migration ermöglichten eine Selbstkritik der eigenen europäischen Lebensverhältnisse und die "globalhistorische Chance zu lernen, dass die Menschheit eine ist und alle Menschen einander benötigen". Polak zitierte Papst Franziskus, der den Flüchtlingen auf Lesbos gesagt habe: "Ihr werdet als Problem behandelt und seid in Wirklichkeit ein Geschenk."
"Europa kann nicht mehr wegschauen"
Freilich: Derzeit herrsche in Europa Angst als gesellschaftliche Grundstimmung vor. Laut dem Politologen Dominique Moisi stellen die Länder des Westens "Regionen der Angst" dar, wies die Theologin hin. Nach jahrhundertelanger Welthegemonie fürchteten sie die Wirtschaftskraft "aufholender Länder" wie China, Indien, Brasilien oder Russland. Andererseits fürchteten sie das "Ressentiment" jener zum Teil muslimischen Länder, die sich gegen den Wirtschaftskolonialismus von EU und USA wehren. Mit diesen Herausforderungen seien die europäischen Gesellschaften schon seit langem konfrontiert, die sie bis zum Ausbrechen der Flüchtlingskrise jedoch ebenso ausgeblendet hätten wie die eigene Verantwortung dafür.
Mit der Ankunft von schutzsuchenden Menschen in einem bisher noch nicht da gewesenem Ausmaß werde Europa "mit allen Weltproblemen auf einen Schlag konfrontiert", erklärte Polak. "Europa kann nicht mehr wegschauen."
Das führe zu einem hohen Ausmaß an fremdenfeindlichen Einstellungen, die weniger mit der Anzahl der Migranten als vielmehr mit dem Vordringen des Rechtspopulismus in die Mitte der Gesellschaft zusammenhängt, "der die Ängste der Menschen instrumentalisiert". Konkrete Begegnungen mit Flüchtlingen, die ein Gesicht, einen Namen und eine Lebensgeschichte bekommen, sind laut Polak das beste "Gegengift". Wer jedoch "pseudo-ethisch appelliert", die "Ängste der Menschen ernstzunehmen", trage dazu bei, dass diese "politisch benützt und verstärkt" werden, warnte Polak.
Rassismus nach wie vor präsent
Sie ortet in der gegenwärtigen europäischen Politik eine Form von Rassismus, die jene Menschen als minderwertig klassifiziere, die keinen ökonomischen Nutzen bringen oder die Gesellschaft ökonomisch belasten. Polak wörtlich. "Statt die tatsächlichen politischen und ökonomischen Ursachen zu suchen und Lösungen zu finden, lenkt der Rassismus hervorragend von unangenehmen Fragen wie ungleicher Verteilung von Macht und Ressourcen ab". Eine vergleichbare Geisteshaltung habe im 19. und 20. Jahrhundert zur Unterdrückung und sodann systematischen Ermordung von Menschengruppen, allen voran der Juden geführt. Derlei rassistische Deutungs- und Handlungsmuster befänden sich nach wie vor im kollektiven Gedächtnis.
Das äußert sich nach der Einschätzung der Wiener Theologin u.a. darin, dass aktuell kaum über Fluchtursachen oder die Verweigerung, diese entschlossen zu bekämpfen, diskutiert wird. Die fossile Wirtschaft und die Abhängigkeit Europas von Regimen im Nahen Osten sei ebensowenig Thema wie der europäische Wirtschaftsimperialismus, der den westlichen Lebensstil und dessen Konsumismus erst ermögliche. Gleiches gelte für den Solidaritätsmangel zahlreicher EU-Staaten, für die kaputtgesparten Sozialsysteme und die innereuropäische Armut, die "Phantasielosigkeit und moralische Dekadenz zahlreicher Parteipolitiker", kritisierte Polak. Der Sicherung der EU-Außengrenzen und der Abwehr von Flüchtlingen werde ungleich höhere Aufmerksamkeit gewidmet als etwaigen Konsequenzen aus den regelmäßigen Finanz-Skandalen, "die die Sezession der Reichen von der Verantwortung für das Gemeinwohl dokumentieren", und generell den globalen ökonomischen Macht- und Besitzverhältnissen. "Ebenso wenig reflektiert man die steigende Zahl brennender Flüchtlingsheime oder stellt die Frage, was gegen rechtsextreme Gruppierungen unternommen werden könnte."
Und noch etwas vermisst die Wiener Theologin völlig: Die Angst der Flüchtlinge spiele weder in politischen, medialen noch auch wissenschaftlichen Debatten eine Rolle. Dabei erlebten diese "hautnah" existenzielle Bedrohung, die Zerbrechlichkeit des Lebens, Abhängigkeit vom guten Willen und der Macht anderer. "Relativiert das nicht das Getön der Angst-Politik in Europa?", fragte Polak.
Quelle: kathpress