"Dies facultatis" über Bedeutung des Alten Testaments
Welche Bedeutung kommt im Christentum dem Alten Testament zu? Beschreibt es nur eine dem christlichen Bekenntnis vorausgehende religiöse "Vorstufe" oder bietet es einen religiösen Gehalt, eine Vision, die vom Neuen Testament nicht zur Gänze erfüllt wird und damit seinen Verbleib im Kanon der biblischen Schriften rechtfertigt? Diese Frage, die zuletzt durch Thesen des Berliner Theologen Notger Slecnczka im deutschen akademisch-theologischen Kontext diskutiert wurde, steht im Zentrum des heurigen "Dies facultatis" der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Den Festvortrag wird am 13. Oktober der renommierte Züricher Bibelwissenschaftler Konrad Schmid zum Thema "Christentum ohne Altes Testament?" halten.
Im Gespräch mit "Kathpress" verwies der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück auf die Relevanz der Frage nach der Rolle des Alten Testaments für die gesamte Theologie. So habe die Frage nicht nur eine biblische Stoßrichtung, sondern sie verweise die christliche Theologie - auch die Dogmatik - zurück auf die zentrale Frage, wie sie selbst Jesus Christus versteht und deutet.
Ausgehend vom historischen Jesus bestehe kein Zweifel, dass dieser selbst nach den Vorgaben der Thora gelebt habe, so Tück. Außerdem könne man das Neue Testament "aufgrund seiner vielen Bezüge zur alttestamentlichen Überlieferung nicht ohne das Alte Testament verstehen", zeigte sich der Dogmatiker überzeugt. "Es gibt im Alten Testament einen Verheißungsüberschuss, eine Hoffnungs- und Gerechtigkeitsvision, die mit dem Christentum noch nicht erfüllt ist." Insofern bleibe das Alte Testament "ein Stachel im Fleisch" des Christentums.
Bei seinem Vortrag im Rahmen des "Dies facultatis" werde Schmid die These Slenczkas einer intensiven Prüfung unterziehen, so Tück weiter. Die These, dass das Alte Testament nicht zum Kanon christlicher Schriften gezählt werden sollte, basiere auf den beiden Grundannahmen, dass zum einen eine solche Kanonisierung einer christlichen "Enteignung" des Alten Testaments entspreche; und zum anderen, dass die alttestamentliche Prophetie nicht von Jesus spricht und diese Verbindung zwischen messianischer Hoffnung und neutestamentlicher Erfüllung in Jesus kurzschlüssig sei. Schmid werde in seinem Vortrag beide Grundannahmen kritisch prüfen, kündigte Tück an.
Der Festvortrag zum "Dies facultatis" findet am 13. Oktober ab 16.30 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien statt. Im Anschluss lädt die Fakultät zu einem Empfang. Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien wurde am 21. Februar 1384 gegründet und ist die älteste Theologische Fakultät im deutschsprachigen Raum. Zurzeit studieren an der Fakultät rund 1.200 Studierende aus rund 30 verschiedenen Ländern. Das Studienangebot umfasst elf verschiedene Studienrichtungen. (Infos zum "Dies facultatis": http://ktf.univie.ac.at)
Quelle: kathpress