
Scheuer kritisiert zunehmende Aggression in öffentlicher Debatte
In Zeiten, in denen der Ton in öffentlichen Auseinandersetzungen immer polemischer und aggressiver wird, braucht es dringend wieder mehr Augenmaß und Dialog. Das hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer eingemahnt. Zwar gebe es gegenwärtig starke solidarische Kräfte, die Verantwortung übernehmen, andererseits aber eben auch "Kräfte, die in die andere Richtung wirken", so der Bischof im Interview mit der Kirchenzeitung der Diözese Linz.
Seit einigen Jahren schon gebe es eine Entwicklung zur Individualisierung. Dimensionen wie Gemeinschaft, Gemeinwohl und Verantwortung füreinander seien dabei eher in den Hintergrund getreten, zeigte sich der Bischof besorgt. Komme in der politischen Auseinandersetzung dann auch noch die Religion ins Spiel, gehe es oft gar nicht mehr um Grundhaltungen und Grundwerte, nicht mehr um Gott selbst, sondern darum, "Stimmen zu gewinnen oder andere lächerlich zu machen", kritisierte der Bischof.
Es brauche wieder eine grundsätzliche Wertschätzung füreinander: "Das ist die Voraussetzung, dass es den Frieden gibt. Da hat es viele schöne Zeichen gegeben im Umgang miteinander, nur wird das manchmal zugedeckt, lächerlich gemacht und auch karikiert - wenn etwa Flüchtlingshelferinnen und -helfer als naiv hingestellt werden", so der Linzer Bischof.
Scheuer rief dazu auf, Grundhaltungen und Grundwerte konkreter Solidarität zu leben: "Wie können zum Beispiel Flüchtlinge integriert werden? Wie sind die konkreten Schritte im Hinblick auf Arbeit, Wohnung und kulturelle Integration?" Bei diesen Fragen sei es freilich auch notwendig, Schwierigkeiten nicht auszublenden.
Papst Franziskus habe in den vergangenen drei Jahren einige Wege aus den "Sackgassen der Resignation" heraus gezeigt, betonte Bischof Scheuer. Was der Papst im Bereich Ökumene und im Bereich Solidarität getan habe, gebe Hoffnung, "nicht, weil er damit Revolutionen ausgelöst hätte, sondern weil er eine andere Atmosphäre und Grundausrichtung hereingebracht hat". Auch die Enzyklika "Amoris laetitia" des Papstes sei ein wichtiger Schritt gewesen, so Scheuer: "Wie wir im Bereich Ehe und Familie von einer Fixierung auf bestimmte Fragen wegkommen, hin zu einer größeren inneren Freiheit, zu einer größeren Freude. Darum geht es - und nicht um Disziplin."
Auf den kommenden 8. Dezember und damit auf die Frage des Umgangs mit den arbeitsfreien Sonn- und Feiertagen angesprochen, meinte der Bischof wörtlich: "Ich halte den arbeitsfreien Sonntag für eine Errungenschaft der Kultur. Er ist ganz entscheidend für das, was man heute die Work-Life-Balance nennt: für das persönlich gelingende Leben und für das gemeinsame Leben." Wenn es keine gemeinsamen freien Zeiten gibt, "vereinzelt sich die Gesellschaft zunehmend". Das wäre eine fatale Entwicklung, warnte Scheuer.
Quelle: kathpress