
Caritas sucht Alternativen zu unersättlichem Lebensstil
Ist Genügsamkeit reiner Verzicht oder nicht vielmehr eine Bereicherung für das Leben? Mit dieser Frage beschäftigten sich in vielfältigen Aspekten die 14. Caritasgespräche im Bildungshaus St. Arbogast in Götzis, zu dem die Caritas der Diözese Feldkirch geladen hatte. Der Grundimpuls des Lebensstils der Menschen sei in den meisten Fällen ein "es ist nie genug", formulierte der Feldkircher Caritasdirektor Walter Schmolly die Ausgangslage. Dieser Lebensstil erschöpfe aber sowohl den Menschen als auch den Planeten Erde. "Wir erleben dies in unserer Arbeit in der Caritas tagtäglich - von den Angeboten für langzeitarbeitslose Menschen bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten in Äthiopien", so Schmolly.
Dass Verzicht nicht nur im Sinne eines schlechteren Lebens gesehen werden dürfe, sondern auch viel Lebensqualität mit sich bringe, davon zeigte sich der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell überzeugt: "Verzicht führt auch dazu, dass man nicht abhängig von gesellschaftlichen Normen und Formen ist, das kann auch befreiend sein."
Die Politologin Kathrin Stainer-Hämmele griff das Thema "Verzicht" in Zusammenhang mit den Menschenrechten auf. "Diese sind der Prüfstein einer jeden Demokratie." Die Gesellschaft sei diesbezüglich nicht nur erschöpft, sondern auch ängstlich; keiner wolle etwas hergeben.
Als Beispiel nannte sie die Debatte um die Mindestsicherung. Es gehe dabei oftmals nicht um Zahlen und Relationen, vielmehr würden Menschen instrumentalisiert. "Es wird hier über etwas diskutiert, das hauptsächlich jene Menschen betrifft, die kaum eine Lobby haben. Ich sehe dabei auch die Gefahr, dass wir über Menschenrechte diskutieren, die bis vor kurzem außer Frage gestanden sind."
Der - so wie Kathrin Stainer-Hämmerle - ebenfalls aus Vorarlberg stammende Soziologe und Theologe Ferdinand Sutterlüty regte an darüber nachzudenken, an welchen Gerechtigkeitsprinzipien sich die Gesellschaft orientieren solle. Sutterlüty: "Bei uns gilt das Prinzip: Wer mehr leistet, soll mehr bekommen." Das stete Wachstum sei aber nicht der "Heilsbringer", so der Theologe: "Wenn Menschen das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten verlieren, dann nistet sich das Gefühl ein, der Zuneigung durch andere unwürdig zu sein - und umgekehrt." Gerade die Caritasgespräche seien aber ein Ort, wo er sehr viel Menschlichkeit erlebe.
Der evangelische Theologe und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Nikolaus Schneider, brachte eine weitere Dimension in die Diskussion ein, jene des Vertrauens. "Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung für ein gutes Leben, und das bezieht sich auch auf das Selbstvertrauen. Erst dadurch kann ich mich auch frei machen von Druck und bin nicht mehr Knecht von Wünschen und Hoffnungen", so Schneider. Nur wenn man auch bereit dazu sei, etwas zu verpassen, führe Genügsamkeit auch zu einem Freiheitsgewinn.
Bernhard Gut als federführender Organisator der Caritasgespräche fasste in einem Satz zusammen, was die Gespräche in St. Arbogast auch heuer wieder gezeigt hätten: "Es gibt keine Garantie und Sicherheit, es gibt aber die Garantie einer gestaltbaren Zukunft." Die 14. Caritasgespräche in St. Arbogast gingen Dienstagmittag zu Ende.
Quelle: kathpress