Theologin fordert mehr Mut zur Begegnung mit Tauernden
Zur stärkeren Wahrnehmung und Pflege der "Solidargemeinschaft" bei Todesfällen hat die Theologin Sabine Holzschuh aufgerufen. Wenn Verwandte, Freunde, Nachbarn oder Gemeindemitglieder den Mut entwickelten, Trauernden zu begegnen, Teilnahme zu bezeigen und Trost zu spenden, tue sich ein "Sozialraum" auf, erklärte die Regensburger Pastoraltheologin und Sozialpädagogin laut einer Mitteilung der Diözese St. Pölten vom Montag. Sie äußerte sich in einem Impulsreferat beim diözesanen Studientag zum Thema "Trauer in der Pfarre" im Bildungshaus Stift Zwettl.
Auf dem "Ritualmarkt" sei heute die Individualität und persönliche Überzeugung vorrangig, so die Beobachtung Holzschuhs. Bestattungsinstitute kümmerten sich zunehmend im Komplettangebot und innerhalb kurzer Zeit um den "Todesfall", wodurch Waschen, Anziehen, Aufbahren und Einsargen von unbeteiligten Dritten verrichtet werden, während traditionelle Gebete und die Totenwache oft ersatzlos entfallen. Blumen und Kränze würden meist direkt ans Grab geliefert, der Sarg werde selten von Freunden oder Nachbarn getragen und häufig nicht mehr im Beisein der Trauergemeinde in die Erde gelassen, "um starken Emotionen vorzubeugen", wie die Theologin kritisch darlegte.
Das Christentum gewichte jedoch Gemeinschaft und Individuum gleich, betonte die Expertin. Der verblassende rituelle Raum mit tradierten Verhaltensweisen und Bräuchen rund um Tod und Trauer - wie etwa das Trauerjahr, das Sechswochen- und Jahresamt sowie andere Riten und Gebete - sei durchaus "hilfreich": Sterbegebete und der Rosenkranz hätten beruhigende Wirkung, könnten doch Trauernde so noch etwas für den Verstorbenen tun und somit u.a. Schuldgedanken vorbeugen, sagte Holzschuh. Das Begreifen, dass der Verstorbene wirklich tot ist, beginne zudem mit den Sinnen - beim Anschauen und Berühren des Leichnams. Ähnlich sei auch die Totenwache ein "konfrontativer Umgang mit dem Tod".
Die "Solidargemeinschaft" gebe es heute zwar weiterhin zumindest kurzfristig - in Todesanzeigen, Danksagungen und in der Teilnahme an der Bestattung, womit Zugehörigkeit zum Verstorbenen und zu den Hinterbliebenen ausgedrückt wird. Danach würden jedoch viele Trauernde allein bleiben. "Menschen wissen kaum noch, wie sie sich Trauernden gegenüber verhalten sollen", so Holzschuh.
Besonders "heilsam" seien für Trauernde "Menschen, die sich in 'Mit-Leidenschaft' ziehen lassen, sich in die Untröstlichkeit einfühlen und dabei ohne kluge Worte und hilflose Floskeln widerspiegeln: 'Du hast allen Grund, so traurig zu sein'", erklärte die Pastoraltheologin. Trost lasse sich gar nicht erzeugen, sondern stelle sich ein - "aber Menschen könnten einen Raum eröffnen, in dem er möglich wird". Bezeichnend sei hier das lateinische Wort für trösten, "consolare", das wörtlich "mit dem Einsamen sein" bedeute. Schweigen sei ein guter Weg, um Anwesenheit auszudrücken, Einsamkeit behutsam aufzulösen und auch einen Raum für Begegnung zu schaffen, sagte Holzschuh.
"Trauernde brauchen Begleiter, die mit ihnen auf die Suche nach Gott und Sinn geben", so die Regensburger Expertin weiter. Gefragt sei ein persönlicher Austausch über Glauben und Vertrauen, könnten doch besonders "Erfahrungen, die nicht beim Tod stehen bleiben" den Menschen eine neue Lebensperspektive eröffnen. Sehr eindrucksvoll werde dies in der biblischen Begegnung der Emmaus-Jünger mit dem auferstandenen Jesus deutlich, bei der Trauer sehr nachhaltig gewendet und getröstet worden sei. Holzschuh: "Trauernde können sich wieder ihrem Alltag stellen, wenn sie sich angenommen erfahren, und wenn sie ihre Verstorbenen 'aufgehoben' wissen."
Quelle: kathpress