
Theologe: In kultloser Zeit auf innerliche Spiritualität setzen
Aus der coronabedingt gottesdienstlosen Gegenwart gilt es das Beste zu machen, indem neue Spiritualitätsformen entdeckt oder alte wiederbelebt werden. Dazu hat der Salzburger Theologe und Erwachsenenbildner Andreas G. Weiß in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Furche" (13/2020) ermutigt. Phasen ohne gemeinsame Kulthandlungen habe es in der Geschichte häufig gegeben. Jahrhundertelang sei es für Nicht-Kleriker sogar die Ausnahme gewesen, die Kommunion empfangen zu können, erinnerte Weis: "Es war insbesondere das persönliche Gebet, mit dem sie sich in die Gemeinschaft, in das Handeln der gesamten Kirche einklinken konnten."
Die gegenwärtig weltweit abgesagten Gottesdienste, Priester, die die Messe alleine oder im Kreis einer ausgewählten Gruppe feiern, der Ausschluss der Gläubigen von allen sakralen Handlungen während der Kar- und Ostertage in Rom - all das wirft nach den Worten des Theologen ein völlig neues Licht auf das Selbstverständnis kirchlicher Existenz. Nach Alternativen werde gesucht - in Form von "Verlegungen" ins Internet, durch Radio- und Fernsehgottesdiensten oder zur privaten Andacht zu Hause.
Zeiten, zu denen ein öffentlicher Kultbetrieb ebenfalls nicht möglich war, gab es laut Weis bereits in alttestamentlicher Zeit in der "Babylonischen Gefangenschaft" (597-538 v. Chr.), Jahrhunderte später durch Gruppen, die den Tempelkult in Jerusalem ablehnten und ihren religiösen Alltag abseits größerer Zusammenkünfte gestalteten. In zahlreichen angloamerikanischen Gemeinden des 19. Jahrhunderts sei es zum "Holiness"-Movement gekommen - mit dem Ziel eines gesellschaftlich ausstrahlenden religiösen Lebens abseits großer Inszenierung.
Mit der gegenwärtigen Unmöglichkeit gemeinsamer Gottesdienstrituale eröffne sich so etwas wie die "Entdeckung spiritueller Vermittlung in der scheinbaren Banalität", verwies der Salzburger Theologe auf diesbezügliche Impulse des Befreiungstheologen Leonardo Boff und seiner "Kleinen Sakramentenlehre": Religiöse Identität werde zurzeit besonders als etwas sichtbar, das weit über den direkten zwischenmenschlichen Kontakt hinausgeht: Weis verwies auf das Gebet einzelner Personen, das für die Kirche auch immer Ausdruck ihres gemeinsamen Betens sei.
Jeder Mensch kann einstimmen, selbst wenn er körperlich nicht in der Lage ist, an den Gottesdiensten teilzunehmen.
Die gegenwärtigen Umstände forderten auf, "den Blick nach Innen zu wenden, gleichzeitig aber auch die Augen für die besonderen Formen persönlicher Spiritualität offenzuhalten", schrieb Weis. Die Konzentration auf "basale Vorgänge zwischenmenschlichen Lebens und religiösen Glaubens" betreffe die kleinen Dinge, insbesondere aber auch das Verhältnis zu den Mitmenschen, die möglicherweise gefährdet sind. Rücksicht werde dabei noch mehr als sonst zu einer wahren christlichen Tugend.
Kein "Verrat am Auftrag der Kirche"
Absagen von Gottesdiensten trafen freilich einen empfindlichen Nerv einer Religionsgemeinschaft, die sich in weiten Teilen auf genau diese Feiern konzentrierte, wies der Theologe hin. Manche sähen dies als "Kleingläubigkeit" oder gar "Verrat am Auftrag der Kirche". Dem hielt Weis entgegen: Schlagworte in der Art von "Mehr Weihwasser gegen das Virus!" oder "Die Eucharistie kann nicht infiziert werden!" seien nicht nur theologisch falsch. Sie seien auch für eine Glaubensgemeinschaft enorm gefährlich, "die die Achtsamkeit gegenüber Mitmenschen, besonders den Älteren, Benachteiligten und Kranken hochhalten will".
Quelle: kathpress