Republik ehrt evangelischen Bischof Herwig Sturm
Wien, 10.10.07 (KAP) Der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm (der zugleich auch Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich ist) wurde am Mittwoch von Bundespräsident Heinz Fischer mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen mit dem Stern für seine Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Der Bundespräsident würdigte Sturms soziales, karitatives und gesellschaftspolitisches Engagement, "das nicht nur für die Kirche, sondern für das ganze Land von großer Bedeutung und Nutzen ist". Konkret nannte Fischer etwa Sturms Engagement für die von ihm initiierte Notfallseelsorge, aber auch die Polizei- und Gefangenenseelsorge als Bereich, in dem Staat und Kirche vorbildhaft zusammenarbeiten. Weiters erinnerte der Bundespräsident an Sturms maßgeblichen Einfluss auf das Zustandekommen der "Donaukirchen-Konsultation". Bemerkenswert sei auch Sturms Engagement für eine energie- und umweltbewusste Baupolitik in den Kirchen und seine Mitarbeit beim Österreich-Konvent.
In der Gesellschaft, so Fischer, sei eine Kirche nicht an ihrer Größe zu messen, sondern daran, "welchen Beitrag sie zur politischen Entwicklung des Landes leistet". So betrachtet stelle sich die evangelische Kirche in Österreich "als große Kirche" dar, sagte Fischer in seiner Laudatio. Bei Sturm sei das soziale Engagement, wie etwa die Sensibilität für Flüchtlinge, nicht nur in Einzelfällen, die mediale Aufmerksamkeit finden, zu bemerken, sondern zur "Grundhaltung" geworden.
"Ökumene ist Herzensanliegen"
Wie Bischof Sturm in seinen Dankesworten betonte, verstehe er die Auszeichnung in erster Linie als Würdigung der Arbeit der evangelischen Kirchen in Österreich. Ausdrücklich dankte Sturm den anwesenden Vertretern der Ökumene in Österreich, darunter Weihbischof Helmut Krätzl und Oberin Christine Gleixner, für eine "wirklich großartige Zusammenarbeit", wie sie u.a. im gemeinsamen Ökumenischen Sozialwort der Kirchen und zuletzt im Aufbau der Wiener kirchlichen Pädagogischen Hochschule gelungen ist. Die Ökumene sei ihm immer ein "Herzensanliegen" gewesen, so Sturm, und zugleich "ein wesentlicher Ausdruck dessen, was Kirche heute ist". Es gebe keine Alternative zum ökumenischen Dialog, da "wir als Christen immer stärker in dieser Weltzusammen gesehen und gewogen werden". Zu den zentralen "Aufgaben des Tages wie der Zukunft" zähle außerdem das interreligiöse Gespräch u.a. mit dem Islam, so Sturm.
Herwig Sturm wurde am 15. August 1942 in Lilienfeld (Niederösterreich) geboren. Nach dem Studium in Wien, Heidelberg und Zürich war Sturm als Vikar in Zell am See und Lienz tätig. In Lienz übernahm er auch seine erste Pfarrstelle, die er 13 Jahre innehatte, bevor er im Jahr 1980 als Pfarrer nach Klagenfurt wechselte. 1988 wurde Herwig Sturm zum Superintendenten der evangelischen Diözese Kärnten/Osttirol gewählt. Am 2. Oktober 1995 wählte ihn die Synode zum Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich. Der Amtsantritt erfolgte am 1. Jänner 1996. Sturm ist auch Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich. Zu seinem Nachfolger im Bischofsamt wurde am 1. Juni Oberkirchenrat Michael Bünker gewählt, der das Leitungsamt am 1. Jänner 2008 antreten wird. Sturm ist verheiratet und hat drei Kinder.
Krätzl: "Großer Anteil an der Ökumene"
Im Gespräch mit "Kathpress" würdigte der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl das ökumenische Engagement Sturms. Insbesondere als Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) habe der evangelische Bischof "einen ganz großen Anteil" an der "vorbildhaften ökumenischen Situation in Österreich", so Krätzl. Er sei überzeugt, dass die Ökumene auch mit Bischof Michael Bünker "in genauso gutem Stile weitergehen wird" und dass der neue Bischof als "Vertreter einer jüngeren Ökumene-Generation zahlreiche neue Aspekte in den Dialog einbringen" werde. Bünker tritt sein Amt am 1. Jänner 2008 an. Bischof Sturm geht mit Jahresende 2007 in Pension.
Angesichts der Sorge, dass die Ökumene in Österreich sich von einer Konsens- zu einer Differenzökumene entwickle, mahnte Krätzl zu einer größeren Gelassenheit und zu einer neuen Konzentration auf die bereits erreichten und offiziell dokumentierten Konsenspapiere. Hervorzuheben sei dabei insbesondere die 1999 in Augsburg unterzeichnete "Gemeinsame Erklärung" von katholischer und lutherischer Kirche über die Rechtfertigungslehre. Es sei "zutiefst bedauerlich", so Krätzl, dass Dokumente wie diese bisher so wenig rezipiert worden seien. Man habe im theologischen Dialog bereits einen ökumenischen Standard erreicht, dem man auf Seiten der Kirchenleitungen "oftmals hinterherlaufe", so Krätzl.
Amtsfrage, Petrusdienst, Kirchenverständnis
Dabei dürfe ökumenische Einheit nicht als Aufruf zur Aufgabe eigener kirchlicher Identitäten missverstanden werden. Es gelte vielmehr, Einigung in zentralen theologischen Streitpunkten zu erzielen und - wie es im Augsburger Papier gelang - einander gegenseitig zuzusagen, dass die verbleibenden Unterschiede nicht mehr kirchentrennend wirksam seien. Weitere theologische Einigungen seien vor allem bei den Fragen des Amtsverständnisses, des Petrusdienstes sowie im Hinblick auf das Kirchenverständnis notwendig, so Krätzl.
Im Hinblick auf die Interkommunion verwies Krätzl auf die von Kardinal Walter Kasper, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, geäußerte Hoffnung, dass ein ähnliches Papier wie die "Gemeinsame Erklärung" von Augsburg auch zur Frage der gemeinsamen Eucharistie möglich sei. Wörtlich sagte Krätzl: "Die Leute können es einfach nicht verstehen, dass wir zwar durch die Taufe in den einen Leib Christi eingegliedert sind, diesen Leib in der Eucharistie aber nicht miteinander teilen dürfen". (ende)