Märtyrer und Familienvater
Linz, 26.10.07 (KAP) Ein Bild von der Seligsprechung des Märtyrers Franz Jägerstätter im Linzer Dom wird unvergesslich bleiben: Das seiner 94-jährigen Witwe Franziska, deren Antlitz Ernst, Würde und innere Helligkeit ausstrahlte. Als der Linzer Bischof Ludwig Schwarz am Beginn des Gottesdienstes Franziska Jägerstätter begrüßte, brandete stürmischer Applaus im Mariendom auf. Vielleicht hatte der Applaus auch damit zu tun, dass diesem Seligsprechungsgottesdienst in doppelter Hinsicht dramatische Bedeutung zukam: Einerseits wurde hier ein Laie und Familienvater zur Ehre der Altäre erhoben, der vieles vorweg genommen hatte, was dann beim Zweiten Vatikanischen Konzil kirchliches Allgemeingut werden sollte; andererseits wurde am österreichischen Nationalfeiertag jenes "andere Österreich" in Erinnerung gerufen, das beim deutschen Einmarsch 1938 nicht gejubelt, sondern geweint hatte.
Die Präsenz von Franziska Jägerstätter erinnerte daran, dass der Märtyrer, der sich den Angriffskriegen des Nationalsozialismus verweigert hatte, zugleich ein zärtlicher Gatte und Vater war. Er war - wie es der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer ausdrückte - ein Vater, der sich sehr liebevoll um seine Kinder kümmerte, lange bevor es üblich wurde, dass junge Väter den Kinderwagen schieben oder Windeln wechseln.
Ein Christ zu sein, war für den Märtyrer nach seinen eigenen Worten "der höchste Beruf, den es auf dieser Welt gibt", zitierte der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz beim Gottesdienst aus den Schriften Jägerstätters. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil unterstrichene Berufung aller Christen zur Heiligkeit habe Jägerstätter schon Jahrzehnte zuvor erkannt. "Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod können uns von der Liebe Christi trennen", schrieb Franz Jägerstätter in seinem Abschiedsbrief, als tatsächlich seine Hände schon gefesselt waren und ihm der gewaltsame Tod vor Augen stand.
Es war ein berührender Augenblick, als Franziska Jägerstätter vor der Übergabe an Bischof Schwarz das schlichte Reliquiar küsste, das einen Knochensplitter des Märtyrers umschließt. Die antiken Hymnen über den "Triumph der Märtyrer" kamen in den Sinn - angesichts der Tatsache, dass die Knochen jener "Richter", Henker und Gefängnisschergen, die Franz Jägerstätter 1943 mit 36 Jahren aus dem Leben gerissen hatten, heutein Vergessenheit dahinmodern.
Jägerstätter hatte die "Zeichen der Zeit" richtig gedeutet. Kardinal Christoph Schönborn brachte es prägnant in der Wiener Katholikenzeitung "Der Sonntag" zum Ausdruck: "Man kann nur staunen, mit welcher Sicherheit dieser einfache Mann die geistige und auch politische Situation seiner Zeit erfasste, Lüge von Wahrheit unterschieden hat".
Wer war dieser Franz Jägerstätter? Er wurde am 20. Mai 1907 geboren und am folgenden Tag in der Pfarrkirche von St. Radegund im Innviertel getauft - der 21. Mai wird nun auch sein kirchlicher Gedenktag sein. Er war der Sohn der ledigen Bauernmagd Rosalia Huber und des Franz Bachmeier und hieß ursprünglich Franz Huber. Da die Eltern zu arm waren, um zu heiraten, wurde Franz von seiner Großmutter Elisabeth Huber aufgezogen. Am 19. Februar 1917 heiratete seine Mutter den Bauern Heinrich Jägerstätter, der Franz adoptierte. Die Freude am Lesen weckte bei ihm sein Stiefgroßvater, Matthäus Jägerstätter, der zahlreiche Bücher besaß.
Er arbeitete im Sommer 1927 auf einem Bauernhof in Teising und danach bis 1930 als Bergarbeiter in Eisenerz. Als sein Stiefvater am 8. Mai 1933 kinderlos starb, erbte Franz den Bauernhof. 1933 wurde er Vater seiner unehelichen Tochter Hildegard. 1936 heiratete er Franziska Schwaninger; gemeinsam konnten sie sich über drei Töchter freuen. Franziska regte ihren Mann zur Bibellektüre und zum gemeinsamen Beten an. Seit der Hochzeit ging Franz Jägerstätter häufig zur Kommunion. Durch das Studium religiöser Literatur, regelmäßige Bibellesung und häufige Gottesdienstbesuche war für ihn ab Jänner 1938 klar, dass seine katholische Weltanschauung mit dem Nationalsozialismus unvereinbar sei. Er berichtete mehrmals, dass er 1938 durch einen Traum vor dem Nationalsozialismus gewarnt worden sei.
Bei der "Volksabstimmung" über den "Anschluss" am 10. April 1938 gab er die einzige Nein-Stimme in seinem Ort ab. Die Wahlbehörde unterschlug diese Gegenstimme und meldete eine hundertprozentige Zustimmung für den "Anschluss". Diesen Tag bezeichnete Jägerstätter später als den "Gründonnerstag Österreichs", dort habe sich die Kirche Österreichs gefangennehmen lassen.
Sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus zeigte sich zunächst darin, dass er sich aus dem öffentlichen Leben seiner Gemeinde immer mehr zurückzog, Vergünstigungen durch die NSDAP nicht in Anspruch nahm und nichts für die Partei spendete, obwohl er sonst sehr freigebig war. 1940 wurden zehn Ortsbewohner, unter ihnen auch Franz Jägerstätter, in einem Brief als Gegner des Nationalsozialismus denunziert. Der Bürgermeister leitete dieses Schreiben jedoch nicht weiter.
Im Sommer 1940 wurde er im Alter von 33 Jahren zur Wehrmacht einberufen, konnte aber durch Intervention des Bürgermeisters nach wenigen Tagen auf seinen Hof zurückkehren. Im Oktober 1940 wurde er erneut zur Grundausbildung nach Enns einberufen. Mit einem weiteren Soldaten wurde er am 8. Dezember 1940 in Enns in den Dritten Orden des Heiligen Franziskus aufgenommen. Er wurde auf Ansuchen seiner Heimatgemeinde im April 1941 wieder als "unabkömmlich" eingestuft, konnte zu seiner Familie zurückkehren und war als Mesner in seiner Heimatpfarre tätig.
Die negativen Erfahrungen beim Militär und das sogenannte Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, von dem er um diese Zeit erfuhr, festigten seinen Entschluss, nicht wieder zum Militär einzurücken. Er erklärte auch öffentlich, dass er als gläubiger Katholik keinen Kriegsdienst leisten dürfe, da es gegen sein religiöses Gewissen wäre, für den nationalsozialistischen Staat zu kämpfen. Seine Umgebung versuchte ihn umzustimmen und wies ihn auf die Verantwortung seiner Familie gegenüber hin, konnte aber seine Argumente nicht widerlegen. Sogar den Bischof von Linz Josef Fließer suchte er auf; auch dieser riet ihm von einer Kriegsdienstverweigerung ab. Seine Frau Franziska unterstützte ihn, obwohl sie sich der Konsequenzen bewusst war.
Obwohl der Druck von seinen Freunden und Bekannten, auch Priestern, groß war, entschied sich Jägerstätter für einen konsequenten Weg des Widerstandes. Er betete und fastete, meditierte die Heilige Schrift und kam zum Schluss: "Keiner irdischen Macht steht es zu, die Gewissen zu knechten". Die Kraft zur Gewissensentscheidung verspürte er zusehends mehr als Gnade, für die er dankbar war. Täglich nahm er an der Feier der Heiligen Messe teil.
1943 wurde er neuerlich einberufen, woraufhin er sich weigerte, für Hitler in den Krieg zu ziehen. Er wurde in das Gefängnis in Linz überstellt. Zwei Monate Haft, Folter und Schikanen folgten. Als er sich von der Kraft des Glaubens verlassen fühlte, erinnerte er sich an das erfahrene Glück in der Ehe mit seiner Frau Franziska und deutete dieses Glück als einen bleibenden Hinweis auf die Gegenwart Gottes. Anfang Mai 1943 wurde Franz Jägerstätter nach Berlin überstellt. Sein Antrag auf Sanitätsdienst wurde abgelehnt. Am 6. Juli verurteilte ihn ein das sogenannte "Reichskriegsgericht" zum Tod. Gefängnisseelsorger berichteten ihm von weiteren Blutzeugen, unter anderem vom Pallottinerpater Franz Reinisch; das gab ihm Halt und Trost.
Er und seine Frau Franziska fühlten sich verbunden mit dem leidenden Jesus, der ihnen Kraft gab. In der Gefängniszelle vertraute Franz darauf, dass "Christus nicht nur die leidende Knechtsgestalt des Karfreitags ist, sondern auch der Todesüberwinder des Ostermorgens". Am 9. August 1943 wurde Franz Jägerstätter von Berlin nach Brandenburg an der Havel gebracht und dort um 16 Uhr enthauptet. Der Priester Albert Jochmann, der ihn begleitete, bekannte unmittelbar nach der Hinrichtung: "Ich bin heute dem einzigen Heiligen in meinem Leben begegnet".
Österreichweit bekannt wurde das Schicksal Franz Jägerstätters erst durch das 1971 ausgestrahlte TV-Dokudrama von Axel Corti über den Märtyrer. Cortis Werk löste damals noch heftige Kontroversen aus. Dabei hatte Jägerstätter nie ein Wort der Verurteilung über jene gesagt, die der Einberufung zur deutschen "Wehrmacht" Folge leisteten. Gerade die Erzählungen der Soldaten auf Heimaturlaub dürften seine Meinung noch gefestigt haben, dass er als gläubiger Christ nicht den Angriffskriegen des nationalsozialistischen Regimes dienen könne.
Aber die Funktionäre der Verbände einstiger Wehrmachtssoldaten fühlten sich trotzdem herausgefordert. Ausgeblendet blieb, dass die meisten Österreicher, die "zu den Fahnen gerufen" worden waren, einfach Wut im Bauch auf das Regime der Clowns in der braunen Uniform hatten, das ihnen die besten Jahre ihrer Jugend gestohlen hatte. Alle, die alt genug sind, können sich an diese verbreitete Stimmung aus den fünfziger Jahren noch gut erinnern.
Heute gehören diese Erinnerungen der Vergangenheit an. Bischof Ludwig Schwarz sagte es deutlich bei einer Pressekonferenz am 18. Oktober: Die Seligsprechung des Kriegsdienstverweigerers und Märtyrers Franz Jägerstätter müsse "unter dem Vorzeichen des Verzeihens, der Versöhnung, der Entgiftung und der Entfeindung" verstanden werden. (ende)