Schulreform: Schlagabtausch über neue Gesamtschule
Wien, 15.11.07 (KAP) Eine heftige Diskussion über die "Neue Mittelschule" gab es im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Katholischen Familienverbandes der Erzdiözese Wien (KFVW). Die Bildungssprecherin der ÖVP Wien, Katharina Cortolezis-Schlager, äußerte sich kritisch zur Gesamtschule. Sie ortete die Gefahr der Zerschlagung der AHS. Die Schere zwischen unterschiedlich begabten Kindern solle sich schließen - "aber nicht durch Nivellierung nach unten".
Ganz anders der Ansatz des sozialdemokratischen Lehrergewerkschaftlers Michael Zahradnik: "Als Sozialdemokrat kann ich mir eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen gut vorstellen", erklärte Zahradnik und erwähnte das Beispiel Finnland. Er gebe jedoch zu, dass es unter den Ländern mit Gesamtschule auch Länder gäbe, die beim PISA-Test sehr weit hinten liegen. "Ganz 'gute' und ganz 'schlechte' Länder haben ein Gesamtschulsystem", so Zahradnik. Es komme daher auf die gute Ausstattung der Schulen mit Schulpsychologen, Legastheniebetreuern, Förderlehrern an. Zahradnik bedauerte auch, dass beim aktuellen Regierungskompromiss der Kindergarten ausgespart geblieben ist: "Ein verpflichtendes Kindergartenjahr als Vorschuljahr gratis wäre eine Chance gewesen".
Für "Wahlfreiheit" und ein "vielfältiges Angebot", das ganztägige Angebote ebenso einschließe wie Horte und den Kindern bekannte Tagesmüttern am Nachmittag sprach sich schließlich die Christgewerkschaftlerin Eva Scholik aus. Zur Gesamtschule äußerte sie sich kritisch. Sie sei Realistin genug um zu wissen, dass eine Gesamtschule große Schulstandorte verlange, um eine innere Differenzierung überhaupt verwirklichen zu können. Soziales Lernen sei keine Begabungsförderung. "Leistungsstarke Schüler sollen nicht Hilfslehrer für schwächere Schüler sein", so Scholik.
Das Beispiel Finnland dürfe nicht überstrapaziert werden meinte Scholik zu Zahradnik. Dieses Schulsystem bringe auch viel Stress für die Schüler: "Sie sitzen so lange beim Förderlehrer bis sie wieder zurück in die Großgruppe dürfen". Außerdem bestehe die Klasse nur mehr in den Bereichen Freizeit, soziales Lernen und Sport. Damit sei die Klassengemeinschaft auch wieder nicht gegeben. Und wenn man jetzt immer von "Zweitlehrern" rede, so lehre die politische Erfahrung: "Es wird höchstens manchmal einen Zweitlehrer oderZweitlehrerin geben", so Scholik.
Aus Elternsicht wies der Geschäftsführer des Wiener Katholischen Familienverbands, Andreas Cancura, darauf hin, dass die Nachmittagsbetreuung ein freiwilliges Angebot darstellen muss, das die Wahlfreiheit der Eltern garantiert. Eine sinnvolle Differenzierung, Individualisierung oder Personalisierung des Unterrichts sei zudem ressourcen- und personalintensiv.
Der Familienverband fordert eine offene Ganztagsschule, die man mittags verlassen oder in der man bis 16 oder 17 Uhr bleiben kann - und das je nach den Bedürfnissen der Familien auch an einzelnen Tagen der Woche. Cancura sprach sich damit dezidiert für die Freiwilligkeit der Nachmittagsbetreuung aus.
Dieser Forderung des Familienverbandes schloss sich auch Cortolezis-Schlager an und plädierte für "freiwillige offene Angebote". Freilich müsse man früh mit der Förderung der Kinder beginnen, weshalb sich die Stadträtin für Wiener Gratiskindergärten ab dem 4. Lebensjahr aussprach. Zudem müsse man sich fragen, warum die Kenntnisse und Fertigkeiten der Volksschüler so unterschiedlich seien, weshalb sich Cortolezis-Schlager für verlässliche Bildungsstandards in der dritten und vierten Schulstufe sowie daraus resultierende Fördermaßnahmen aussprach. (ende)