Dreikönigsaktion unterstützt hungerstreikenden Bischof
Wien-Brasilia, 10.12.07 (KAP) Die österreichische Solidaritätsbewegung mit dem brasilianischen Bischof Dom Luiz Flavio Cappio wächst; der Bischof befindet sich im Hungerstreik gegen das "gigantomane Flussumleitungsprojekt" des Rio Sao Francisco. Außer der Katholischen Männerbewegung (Cappio ist Träger des "Romero-Preises") unterstützen auch die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar und die "Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Mission und internationale Entwicklung" (KOO) sowie das Grazer "Welthaus" den Protest gegen das Großprojekt. Der Rio Sao Franciso, eine der Lebensadern des Trockengebietes im Nordosten des Landes ("sertao"), soll abgeleitet werden. Kritiker wie Bischof Cappio warnen davor, dass dadurch nicht - wie von der Regierung behauptet - die Wasserversorgung der Bevölkerung gesichert würde, sondern dass im Gegenteil die Lebensgrundlage Tausender Menschen zerstört würde.
Angelo Neri und Benedita Varjao Barbosa, zwei Mitarbeiter des "Regionalen Instituts für angepasste kleinbäuerliche Landwirtschaft" (IRPAA), das seit Jahren mit der Dreikönigsaktion zusammenarbeitet, zeichneten in einem "Kathpress"-Gespräch ein authentisches Bild von der Situation: Dom Luiz Flavio Cappio befinde sich im Hungerstreik, er faste gemeinsam mit vier anderen Geistlichen in einer Franziskus-Kapelle in Sobradinho am nördlichen Abschnitt des Rio Sao Francisco. Es gehe ihm gut, er sei eine starke Persönlichkeit und von guter Konstitution, und "der Glaube gibt ihm Kraft", wie Angelo Neri sagte. Der Bischof sei bereit, "notfalls bis zum Tod zu hungern", um ein ökologisches Desaster zu verhindern. Unterstützung bekomme er von vielen einfachen Menschen aus dem ganzen Nordosten Brasiliens, aber auch von den Kirchen und internationalen Bewegungen.
Der Bischof der Diözese Juazeiro, Dom Jose Geraldo da Cruz, habe seinen Amtsbruder besucht, der austrobrasilianische Bischof Dom Erwin Kräutler habe ebenso seine Solidarität bekundet wie der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel. Bei einer Messfeier habe Dom Luiz vor mehr als 300 Gläubigen gesagt, er wolle nicht sterben, er faste aus "viel Liebe zum Leben", aus Liebe zum Fluss und zur Bevölkerung der Region.
Regierung schaltet auf stur
Von der Regierung - Dom Luiz hatte Luiz Inacio "Lula" da Silva bei dessen Präsidentschaftskandidatur noch unterstützt - fühlen sich der Bischof und seine Mitstreiter hintergangen. Der nach seinem ersten Hungerstreik 2005 versprochene Dialog mit allen Betroffenen sei bald wieder versandet, eine ernsthafte Suche nach Alternativprojekten zu Gunsten der Bevölkerung nie wirklich betrieben worden.
Entgegen den Versprechungen der Regierung wird die Umleitung des Flusses keinesfalls den Durst von Mensch und Tier im "sertao" stillen, so Angelo Neri. Das Wasser werde hauptsächlich für Obstplantagen und Garnelenzucht für den Export eingesetzt. Tausende Kleinbauern müssten abgesiedelt werden, Fischarten würden aussterben. Die Regierung zeige sich aber bisher uneinsichtig und negiere die durch zahlreiche Expertisen aufgezeigten Probleme des Großprojekts. Internationaler Druck soll aber - so die Hoffnung der Aktivisten - ein Einlenken bewirken.
Schon beim - 1972 begonnenen - Bau des Sobradinho-Damms im Norden des Bundesstaats Bahia, durch den der Rio Sao Francisco auf einer Länge von 400 Kilometern aufgestaut wurde, verloren rund 70.000 Kleinbauern- und Kleinfischer-Familien ihre Existenz. Wasser und Strom des Sobradinho-Stausees kommen nur den neuen agro-industriellen Betrieben zugute, die für den Export in alle Welt produzieren. Arbeitskräfte werden dabei in den voll mechanisierten Betrieben relativ wenige gebraucht.
Diejenigen unter den vertriebenen Kleinbauern, die nicht in die Städte abgewandert sind, haben sich im "sertao" niedergelassen. Die Diözese Juazeiro versucht den Vertriebenen auf vielfältige Weise beizustehen. Die Hilfe umfasst Ausbildungsprogramme und die Vergabe von Kleinkrediten ebenso wie politische Bildung und gewerkschaftliche Organisation. Auch in Juazeiro ist die wichtigste Einrichtung der diözesanen Entwicklungsarbeit das IRPAA. In mehrtägigen Kursen können Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aus dem gesamten Nordosten lernen, mit der Trockenheit des "sertao" zurecht zu kommen. Spezialisierte Lehrerinnen und Lehrer vermitteln u.a. den Bau von Zisternen und Regenrückhaltebecken, Methoden des Trockenfeldbaus und klimatisch angepasster Tierhaltung.
Die durchschnittliche Niederschlagsmenge im "sertao" ist mit 580 Millimetern im Jahr höher als in machen Teilen Mitteleuropas. Doch der Regen kommt sehr unregelmäßig, und die Verdunstung ist außerordentlich hoch. Die regenfreie Zeit dauert mindestens sechs Monate, immer wieder gibt es Jahre ganz ohne Niederschlag. Deshalb gilt es Wasser zu sammeln und zu sparen.
Petition im Internet
Die Dreikönigsaktion stellt 2008 Brasilien ins Zentrum ihrer alljährlichen "Hilfe unter gutem Stern" und unterstützt ihre Partnerorganisation IRPAA bei ihrem, Widerstand gegen die Umleitung des Rio Sao Francisco.
Und auch die KOO veröffentlichte nach ihrer jüngsten Vollversammlung eine Resolution, in der sie zum Widerstand gegen die Flussumleitung aufruft und auf "bessere Alternativen" hinweist: Die von der Nationalen Wasserbehörde (ANA) vorgeschlagenen Bauvorhaben wären ausreichend, um 1.300 Gemeinden mit Trinkwasser zu versorgen - und das um die Hälfte der Kosten der Flussumleitung, so die KOO. Sogar ein Gutachten der Weltbank habe die Wirksamkeit der Flussumleitung im Hinblick auf Armutsbekämpfung bezweifelt und eine Teilfinanzierung des Projekts abgelehnt.
Die KOO rief dazu auf, die laufende Unterschriftenaktion in Solidarität mit Dom Luiz Flavio Cappio zu unterstützen und bekanntzumachen. (Internet: www.petitiononline.com/Cappio/petition.html). (ende)