"Auch Atheisten beginnen sich für Gott zu interessieren"
Köln, 20.12.07 (KAP) Der Mediziner und katholische Theologe Manfred Lütz sieht neue Chancen für eine gesellschaftliche Debatte über Religion. "Wir stehen vor einer fundamentalen Wende", sagte er am Mittwoch in einem Interview mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA in Köln. Das Bedürfnis nach einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema sei groß. Es gebe inzwischen auch unter Atheisten ein "wirkliches Interesse an der Frage nach der Existenz Gottes", so Lütz weiter: "Darüber brauchen wir einen echten Dialog". Lütz ist Autor des Buches "Gott. Eine kleine Geschichte des Größten", das im Herbst 2007 erschienen ist und seither in mehreren Bestsellerlisten auf vorderen Plätzen geführt wird. Es sei ihm darum gegangen, ein Buch zu schreiben, das alle wesentlichen Argumente für und gegen die Existenz Gottes enthält, aber allgemeinverständlich, unterhaltsam und nicht zu dick ist, sagte Lütz. Er habe das Buch von einem Handwerker und von einem Philosophen lesen lassen und beidehätten es gut gefunden. Lütz: "Die Frage nach Gott ist eine existenzielle Frage, die alle angeht. Dabei sind Gottesbeweise wie Liebesbeweise. Sie sind nicht zwingend, aber es sind die wichtigsten Beweise unseres Lebens".
Ein "paar Jahrzehnte" habe man sich in Europa den Luxus geleistet, hemmungslos mit Klischees auf der christlichen Tradition herumzuprügeln, sagte Lütz in dem KNA-Interview: "Dadurch haben wir uns von unserer eigenen Geschichte abgeschnitten und unserer geistlichen Wurzeln beraubt. Wer Teile seiner Lebensgeschichte verleugnet und abspaltet, ist eigentlich ein Fall für den Therapeuten".
Zugleich habe diese Entwicklung zu einer tiefen Verunsicherung geführt: "Wer nicht mehr an Gott glaubt, glaubt alles". So sei der "Erfolg" esoterischer Heilsversprechen zu erklären. Zudem werde deutlich, dass es ohne die christliche Sorge um den Nächsten, ohne Gott, in der Gesellschaft "kälter" wird.
Bei der Vorstellung seines Buches in Berlin habe ihm der Politiker Gregor Gysi gesagt, er als Atheist habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhanden kommen könne, berichtete Lütz. Natürlich sei Religion aber nicht bloß für eine "erhöhte soziale Betriebstemperatur" einer Gesellschaft da, so der Arzt und Theologe. (ende)