Europa ist "müde", aber es gibt viele "Frischzellen"
Graz-Salzburg, 1.1.08 (KAP) Die doppeldeutige Situation Europas hat der steirische Diözesanbischof Egon Kapellari in den Mittelpunkt seiner Predigt bei der Silvesterandacht im Grazer Dom gestellt. Viele Kultur- und Sozialdiagnostiker seien sich einig, dass Europa "müde" geworden ist. Indikatoren dieser Müdigkeit seien der katastrophale Mangel an Kindern, aber auch das weitreichende Vergessen "oder sogar feindselige Verdrängen jenes spirituell-ethischen Erbes, das Europa durch Jahrhunderte geformt und beseelt hat". Auch Papst Benedikt XVI. habe in seiner Zeit als Kardinal etwa in seinen öffentlichen Dialogen mit agnostischen Denkern wie Jürgen Habermas oder Marcello Pera auf diese Müdigkeit Europas verwiesen - "aber nicht, um Resignation zu fördern, sondern um zu einem alternativen Denken und Handeln herauszufordern". Gerade die Christen wüssten um die "vielen Frischzellen" im Sozialgefüge des Kontinents und insbesondere auch in den christlichen Kirchen.
Bischof Kapellari erinnerte an die "sehr bedenkenswerte Analyse" des amerikanischen Kulturphilosophen George Weigel, eines "streitbaren Katholiken", der von zwei "Kulturkriegen" spreche, die nach seiner Überzeugung in Europa seit längerem im Gang sind. Der erste "Kulturkrieg" werden von radikalen Verfechtern und Förderern der Säkularisierung geführt. Sie wollten, so Weigel, alle Spuren der jüdisch-christlichen Kultur in Europa beseitigen, "indem sie unter dem Deckmantel der Höflichkeit die Meinungsfreiheit einschränken und unter dem Deckmantel der Toleranz wesentliche Aspekte der Religionsfreiheit außer Kraft setzen". Hier gehe es besonders um den umfassenden Schutz des Lebens und um das Prinzip Ehe und Familie.
Der zweite "Kulturkrieg" gehe von radikalen Muslimen aus, die die westliche Welt verabscheuen und ihr als ersten Schritt zur Islamisierung Europas islamische Tabus aufzwingen wollen. George Weigel stelle die Frage, ob nicht die Laizisten mit ihrem "Kulturkampf" es den Kräften wahrer Toleranz äußerst schwer machen, sich im anderen "Kulturkampf" gegen einen Islam intoleranter Ausprägung zu behaupten, zitierte Bischof Kapellari. Über diese Fragen müsse ein "tabuloser Diskurs" in Gang kommen; Papst Benedikt XVI. habe in vielen seiner Schriften zu beiden Herausforderungen Stellung genommen und zur Überwindung der Sprachlosigkeit entscheidend beigetragen.
Wenn die Christen "kompetent und hellsichtig" über das heutige Europa sprechen wollen, dann dürften sie auch den "neuen militanten Atheismus" nicht übersehen, der sich in Großbritannien und Frankreich, schwächer auch in den USA, zu Wort melde. Der steirische Bischof nannte als Beispiel den britischen Biologen Richard Dawkins und dessen auch im deutschsprachigen Raum verbreitetes Buch "Der Gotteswahn". Dieses aggressive und auch von nichtchristlichen Kritikern massiv abgelehnte Buch und ähnliche Produkte hätten allerdings auch einen positiven Effekt: "Sie wecken viele intellektuell begabte Christen aus einer denkerischen Bequemlichkeit auf und sind darüber hinaus für alle Christen eine produktive Herausforderung zu einem entschiedenen, engagierten, fröhlichen, wetterfesten und missionarischen Glauben".
Im Blick auf die Europäische Union erinnerte Bischof Kapellari - der auch Europa-Referent der Österreichischen Bischofskonferenz ist - daran, dass die Kirchen in den jetzt 27 Mitgliedsstaaten den Prozess zunehmender Integration generell mit Hoffnung und mit allerdings kritischer Solidarität begleiten, obwohl Tendenzen zur Verdrängung, Marginalisierung und Privatisierung des Christentums im Integrationsprozess unverkennbar gegeben seien. Auch die Österreichische Bischofskonferenz habe die Katholiken des Landes wiederholt aufgefordert, auf dem Bauplatz Europa "mitgestaltend tätig" zu sein.
Was Österreich und die Kirche im Land angeht, "so sind wir im Europavergleich gewiss weitaus besser situiert als viele andere Länder und ihre Ortskirchen", unterstrich Bischof Kapellari. Das erlaube aber kein Ruhen auf einem Faulbett und kein Verschweigen von Defiziten und Sünden: "Es sollte aber ein generelles Schlechtreden und Klagen verbieten". Die Welt sei kein Paradies und das bleibe so, so lange es Geschichte gibt. Und auch die Kirche sei im Auf und Ab ihrer Geschichte immer ein Miteinander von Weizen und Spreu, wie Christus selbst es vorausgesagt habe. Aber jeder Christ stehe "heute und jederzeit" vor der Chance und Herausforderung, das Gute und Schöne um einiges, sogar um vieles zu vermehren. Die Kraft dazu sei im Blick auf Jesus Christus zu gewinnen. (ende)