Jesuiten-Generaloberer tritt ab
Vatikanstadt, 8.1.08 (KAP) 24 Jahre lang hat der Niederländer Peter- Hans Kolvenbach den größten katholischen Männerorden, die Gesellschaft Jesu, geleitet. Als Generaloberer der Jesuiten war er eigentlich auf Lebenszeit gewählt. Aber der fast 80-jährige, der viele Jahre im Libanon orientalische Sprachen und ostkirchliche Theologie doziert hat, fühlte sich ausgebrannt und amtsmüde. So bat er den Papst um Erlaubnis zum Rücktritt - und Benedikt XVI. signalisierte grünes Licht. Mit einer Messe in der römischen Jesuitenkirche Il Gesu' begann am Montagmorgen die Generalkongregation der Gesellschaft Jesu. In einem ihrer ersten Tagesordnungspunkte dürfte sie den Rücktritt P. Kolvenbachs annehmen und dann einen Nachfolger wählen.
Der aus der Umgebung von Nijmegen stammende Kolvenbach bedient nicht die Vorstellungen vom "Schwarzen Papst", die in der populären Vorstellungswelt aus dem 19. Jahrhundert noch gegenwärtig sind. Der polyglotte Niederländer, dem man immer wieder mit seiner Baskenmütze in den Straßen zwischen Jesuitenkurie im Borgo Santo Spirito und Petersplatz begegnen konnte, tritt bescheiden und ruhig auf. Und er hat die Gesellschaft Jesu mit Erfolg aus den Schlagzeilen der turbulenten sechziger und siebziger Jahre in ein ruhigeres Fahrwasser geführt.
P. Kolvenbach wurde 1983 zum Nachfolger des schwer erkrankten Pedro Arrupe gewählt. Zwei Jahre zuvor hatte Johannes Paul II. persönlich in die Belange der Gesellschaft Jesu eingegriffen und - ein Novum in der Ordensgeschichte - eine "Übergangsregierung" unter dem damals 80-jährigen Gregoriana-Professor P. Paolo Dezza installiert. Vorausgegangen waren längere Spannungen zwischen dem Orden unter Arrupe und dem Vatikan. Der Kurie und manchen Bischöfen ging das Engagement der meist gut ausgebildeten Jesuiten im konziliaren Aufbruch zu weit - wie sie sich etwa bei der Befreiungstheologie in Lateinamerika oder beim interreligiösen Kontakt mit asiatischen Religionen nach vorne wagten. Hier versuchte P. Dezza, unterstützt von seinem Ordensbruder P. Giuseppe Pittau, einen behutsamen und vermittelnden Leitungsstil.
Als dann aber nach der zweijährigen Übergangsphase ein neuer General gewählt werden sollte, traf es weder Dezza noch Pittau. Schon im ersten Wahlgang am 13. September 1983 einigten sich die 220 Wahlmänner aus den 87 Ordensprovinzen auf den weltgewandten P. Kolvenbach. Die Wahl des damals 54-jährigen war eine gewisse Überraschung, allerdings war auch sein Name vor der konklave-ähnlichen Wahl im Umlauf. Johannnes Paul II. war am 13. September 1983 gerade auf seinem ersten Österreich-Besuch in Mariazell. Als ihm dort ein Zettel zugesteckt wurde, auf dem der Name des gewählten Jesuiten-Generals stand, überzog ein Lächeln das Gesicht des polnischen Papstes.
Einen großen Teil seines Lebens hatte der neue General im Orient verbracht. 1958 kam er zum Studium in den Libanon, empfing dort die Priesterweihe und spezialisierte sich auf orientalische Sprachen. Er promovierte über armenische Literatur, wurde Professor für Sprachwissenschaften an der katholischen St. Joseph-Universität in Beirut und war 1974 bis 1981 Provinzialoberer für den Nahen Osten. In diesen Jahren lernte er das Nebeneinander von Christen und Muslimen kennen. Dann wurde er aber auch Zeuge des Zerfalls dieser Bindungen und der erbitterten Auseinandersetzungen im Rahmen des von außen - aus Washington, Damaskus, Riad und Jerusalem - angeheizten Libanon-Krieges. Ein Sprengsatz zerstörte sein Arbeitszimmer und all seine Forschungsunterlagen.
P. Kolvenbach leitete den Orden mit Umsicht und Weitsicht. Als eine der bestinformierten Personen wurde er in Rom rasch zum gefragten Ratgeber. Regelmäßig vertrat er die Ordensgemeinschaften bei den Treffen der Weltbischofssynoden. Dabei hielt er sich jedoch stets unaufdringlich im Hintergrund.
Prognosen sind schwierig, wer im 478. Jahr der Gesellschaft Jesu zum 29. General gewählt wird. Das strenge Reglement verbietet Kandidatenlisten, Fraktionen oder einen Wahlkampf. Stattdessen gibt es viel Gebet, Meditation - und einen informellen Austausch unter den 217 Wahlmännern.