Europa bekommt missionarische Impulse der Weltkirche
Salzburg, 11.1.08 (KAP) Für ein neues Verständnis von Mission als "Lernvorgang, als Such- und Fragebewegung" mit hoher "Bereitschaft zu Veränderung nach innen und außen" plädierte die Chefin des Instituts für Praktische Theologie an der Universität Wien, Prof. Regina Polak, am Freitag bei der Pastoraltagung 2008 im Salzburger Bildungszentrum St. Virgil. Das Modell Volkskirche als sozioreligiöser "Normalfall" in Österreich gehe unwiderruflich zu Ende. Durch diese Erosion herkömmlicher Religiosität eröffneten sich aber auch neue Chancen, vor allem die Entdeckung, dass Glaube in erster Linie Gott verdankt wird.
Bei der Einschätzung der religiösen Gegenwartssituation in Österreich komme es - je nach dem dahinterliegenden Religionsbegriff - zu recht unterschiedlichen Diagnosen, sagte Polak. Die einen redeten von einem "Megatrend" Religion und argumentierten mit einer steigenden Zahl spirituell Sinnsuchender; dieser Trend zeige sich auch in der Therapieszene, im Sport und in der Unterhaltungskultur. Die anderen - skeptisch gegenüber einem derart weiten Verständnis von Religion - orteten einen weitgehenden Substanz- und Bedeutungsverlust von Glauben und Kirche.
Zwei Studien aus jüngerer Zeit belegen zumindest eine große Kluft zwischen den Generationen, verwies Polak auf den "Religionsmonitor 2008" der "Bertelsmann"-Stiftung und auf die Österreichische Jugendwertestudie 2006/07. Nach dem weltweit durchgeführten "Religionsmonitor" ist Österreich als überdurchschnittlich religiöses Land einzustufen: Fast drei Viertel könnten als "religiös" gelten, 20 Prozent sogar als "intensiv religiös". Bei den unter 30-jährigen dagegen gebe es lediglich 5 Prozent "intensiv Religiöse". Dennoch habe der Glaube insgesamt in Österreich "hohe Alltagsrelevanz", so Polak in ihrer Beurteilung der Daten. Mehr als die Hälfte der Befragten beten, 57 Prozent halten sich an religiöse Gebote, in der Familie und im Umgang mit der Natur bzw. Schöpfung sei vielen der Glaube wichtig - weit mehr als in Arbeit und Politik. Glaube in Österreich sei "individualisiert und familiarisiert".
Und laut der Jugendwertestudie ist Gott für Jugendliche zwar wieder zunehmend ein Thema (69 Prozent glauben an ihn), die Kirchen seien aber weitgehend unattraktiv. Die Gotteskrise in Österreich ist laut Polak vor allem eine "Praxiskrise"; die Lernorte praktizierten Glaubens würden immer mehr verschwinden.
Vor diesem Hintergrund müsse die Frage, ob Österreich ein Missionsland ist, mit Ja beantwortet werden. Dabei müssten die Kirchen Sinnsuchenden Orientierung anbieten, ohne die Freiheit der Menschen in Frage zu stellen. Die Theologin rief den Missionserfolg der jungen Kirche im Römischen Reich in Erinnerung, der in dreifacher Hinsicht als Vorbild tauge: Es gehe um eine intellektuelle Präsenz in einer religiös vielfältigen Situation; es brauche diakonales Engagement für jene, um die sich sonst niemand kümmert; und notwendig seien auch egalitäre Gemeinschaften als Praxisorte des Glaubens, in denen die Herkunft sekundär ist.
Weg von "eurozentrischer" Mission
Auf das lange Zeit "eurozentrische" Verständnis von Mission mit einer klaren Rollenverteilung zwischen "Erster" und "Dritter" Welt wies Arnd Bünker vom Institut für Missionswissenschaft in Münster (Deutschland) am Donnerstagabend hin: Europa war in diesem - historisch nicht haltbaren - Verständnis Ausgangsort der Mission, der "Süden" Empfänger. Nach der sogenannten "Entkolonialisierung" sei der Begriff "Mission" dann "peinlich" geworden, man habe ihn vermieden, sagte Bünker. Jetzt allerdings erlebe er geradezu eine Renaissance, werde freilich mancherorts als Krisenreparaturwerkzeug und Balsam für eine in Frage gestellte Identität instrumentalisiert. Der deutsche Theologe forderte ein ganzheitliches, vom Zweiten Vaticanum grundgelegtes Missionsverständnis ein. Dieses Verständnis verlange nach "Einsicht in die Bedürftigkeit der Kirche, das Evangelium selbst immer wieder neu zu hören", aber auch die Anerkennung der Tatsache, dass Europa der Mission bedarf.
Inspirationen aus den Kirchen des "Südens"
Konkrete "Inspirationen aus den Kirchen des 'Südens'" stellte der Innsbrucker Pastoraltheologe und frühere Brasilien-Missionar Prof. Franz Weber am Freitag vor. Er gestand ein, am Beginn seiner eigenen missionarischen Begeisterung von Bildern "zwischen Heidenmission und Urwaldabenteuern" geprägt gewesen zu sein, die er durch reale Erfahrungen mit der "Lerngemeinschat Weltkirche" gründlich revidiert habe. Und auch das vielfach resignative und perspektivenarme Christentum in Europa könne durch die Kirchen im "Süden" nur lernen.
Ein bleibender Anstoß aus Lateinamerika sei z.B. die beim kontinentalen Bischofstreffen in Medellin 1968 formulierte "Option für die Armen"; damals sei es gelungen, das Konzil in die konfliktreiche soziale und kulturelle Wirklichkeit Lateinamerikas zu übersetzen und Jesu Vorrang für die Bedürftigen in Erinnerung zu rufen. Weber nannte auch neue Formen des Gemeindelebens in Afrika als möglichen Impuls für Europa: Lange Zeit sei Mission auf dem Schwarzen Kontinent zu individualistisch erfolgt und dadurch oberflächlich geblieben. Erst die Berücksichtigung der engen sozialen Bindungen in Afrika durch die Bildung von "small Christian communities" innerhalb der Pfarren vor allem in Ost- und Südafrika sorge für Nachhaltigkeit. Der permanente interreligiöse Dialog ist nach Weber ein wertvoller Impuls aus den Kirchen Asiens. Auch dort gebe es sogenannte "Basisgemeinden", in denen sich Anhänger verschiedener religiöser Traditionen mit konkreten Initiativen für eine "Kultur des Lebens und der Liebe" einsetzen.