Kirche engagiert gegen Menschenhandel
Wien, 15.2.08 (KAP) Auf die zahlreichen kirchlichen Initiativen für die Opfer des Menschenhandels hat der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Migrantenseelsorge, Erzbischof Agostino Marchetto, bei der UN-Konferenz "Global Initiative to Fight Human Trafficking" (UN-GIFT) in Wien hingewiesen. An der Konferenz im "Austria Center" nahmen mehr als 1.200 Delegierte teil, darunter Vertreter großer kirchlicher Organisationen wie der brasilianischen Kommission für Landseelsorge (CPT) und des von der deutschen Ordensfrau Lea Ackermann gegründeten Anti-Prostitutions-Netzwerks "Solidarity with Women in Distress" (Solwodi).
"Katholische Organisationen und Institutionen in verschiedenen Ländern sind in der Betreuung der Opfer involviert. Dazu gehört die Anhörung ihrer Berichte, die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen, die Hilfe, aus sexueller Gewalt zu fliehen, die Schaffung sicherer Häuser, die Vermittlung von Beratung mit dem Ziel der Reintegration, die Ausbildung zur Sicherung eines Einkommens sowie die Bewusstseinsbildung", sagte Erzbischof Marchetto. Wegweisende Pastoraldokumente zu dem Problemkreis seien etwa von den Bischofskonferenzen Spaniens, Irlands und Nigerias erstellt worden, so der Kurienerzbischof. Wichtig sei ein breit angelegter Ansatz zur Bekämpfung des Menschenhandels, der einerseits die sozioökonomischen Bedingungen in den Herkunftsländern, anderseits aber die "Nachfrageseite" für Dienste versklavter Frauen bzw. Kinder in den wohlhabenden Ländern im Auge haben müsse.
Allerdings müsse allen klar sein, dass es keine "einfachen Lösungen" gibt, um den Menschenhandel zu bekämpfen, so Marchetto. Vielmehr müsse die internationale Gemeinschaft sich des Problems noch bewusster werden.
Die Fortdauer einer De-facto-Sklaverei in manchen Teilen Brasiliens kritisierte der französische Dominikaner P. Xavier Plassat, der für die CPT arbeitet. Die Umsetzung des brasilianischen Regierungsplans zur völligen Abschaffung der Sklavenarbeit stocke; nötige Mittel würden nicht freigegeben, was auch den Aktionsradius der Bundespolizei stark beschränke. Viele Haftbefehle würden nicht vollzogen. Er selbst sowie andere Mitarbeiter der Landseelsorge hätten wiederholt Morddrohungen erhalten.
Nach den Worten des Dominikaners werden insbesondere mutige Richter und Bundesanwälte "von Killern der Großgrundbesitzer" regelrecht verfolgt. Dadurch sollten ihre Ermittlungen in Fällen von Sklaverei behindert oder gar unmöglich gemacht werden; Täter und Hintermänner würden allerdings nicht bestraft.
Die landlosen Bauern seien durch ihre Hilflosigkeit leichte Beute für die Anwerber der Großgrundbesitzer. Ihnen werde ein hoher Lohn versprochen, aber tatsächlich verschulden sie sich. Gegen die bewaffneten Leute der Großgrundbesitzer könnten sie sich nicht wehren. Auch ihr Verständnis von Ehre hindere sie daran, um Hilfe zu bitten. So würden sie ihr restliches Leben lang ausgebeutet. Die Aufklärung über diesen Teufelskreis, in den jährlich etwa 25.000 Menschen geraten, ist eine der Hauptaufgaben der CPT, durch deren Engagement allein 2007 mehr als 3.000 De-facto-Sklaven befreit wurden, so Plassat.
Mädchenhändler werben ihre Opfer immer häufiger über das Internet an. Darauf machte Marina Starcevic von "Care International" aufmerksam. "Das geschieht über Job-Angebote ebenso wie in Chatrooms", sagte die in Serbien eingesetzte Mitarbeiterin des Büros Nordwest-Balkan der Hilfsorganisation.
Was verlockend klingt - Jobs als Kellnerin oder Rezeptionistin werden in Aussicht gestellt - kann in der Zwangsprostitution enden. In den Balkanstaaten sei die Armut vielfach noch so groß, dass junge Leute unseriösen Angeboten leicht auf den Leim gehen. "Unsere Partnerorganisationen veranstalten Workshops in den Pflichtschulen, um die Mädchen und Burschen auf die Gefahren aufmerksam zu machen", erläuterte Marina Starcevic.
Aufgabe der Religionsgemeinschaften sei es auch, "den Menschen die Geschichte über das Unglück und den Weg zur Befreiung zu erzählen", sagte der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Wiener UN-Organisationen, Msgr. Michael Banach, unter Verweis auf ein Wort von Elie Wiesel. Banach und der israelische Rabbiner Levi Lauer sprachen die große Verantwortung der Medien und der Werbewirtschaft an. Medien müssten sich bewusst sein, für was in Anzeigen geworben werde und wer die Opfer seien. Ebenso wie in der Karikaturen-Frage gehe es auch hier um ein "Erkennen der Grenzen der Freiheit".
Der für Menschenrechtsfrage zuständige Referent des Moskauer Patriarchats in Moldawien, Erzpriester Vasile Ciobanu, berichtete über die Struktur des Menschenhandels in seinem Land. Insgesamt seien 26 große kriminelle Gruppen am Werk. Ein kirchliches Rehabilitationszentrum müsse ständig seinen Standort ändern, weil es Drohungen gebe, die ernst genommen werden müssten.