Schönborn würdigt Zulehner für Loyalität zur Kirche
Der em. Dekan Prof. Zulehner sei auch in schwierigen Zeiten stets verlässlicher Partner gewesen, so Kardinal Schönborn beim Dies Facultatis der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien
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Kardinal Christoph Schönborn, Bischof Fritz Lobinger, Prof. Paul Zulehner
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Die Sozialethikerin und Vizerektorin der Universität Wien, Prof. Christa Schnabl, würdigte Zulehners Leistungen insbesondere im Bereich der Vermittlung zwischen Kirche und Welt. Zulehner habe sein Denken selbst einmal in der Frage auf den Punkt gebracht: "Woran liegt es eigentlich, dass die überkommenen Traditionen der Kirche von den Menschen heute nicht mehr verstanden werden? - Und wie kann es gelingen, dass umgekehrt die Erfahrungen der Menschen heute, ihre Ängste und Hoffnungen, in der Kirche zum Thema gemacht werden?"
Um dieser Frage nachzugehen, bedürfe es eines "doppelten Wohnsitzes - ganz in der Kirche und ganz in der Welt", so Schnabl. Zulehner sei es auf Grund dieser doppelten Beheimatung auch immer wieder gelungen, weltliche Veränderungen wahrzunehmen und sie innerkirchlich zu
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Christa Schnabl Vizerektorin Uni Wien |
Prof. Zulehner betonte in seiner Ansprache, dass er sich stets um "kritische Loyalität" mit der Kirche bemüht habe. Dies sei auch die Haltung der gesamten Katholisch-Theologischen Fakultät, der hin und wieder vorgeworfen werde, sie betreibe eine "sitzende, fast schon rationalistische Theologie" und vergesse dabei die "kniende Theologie". Diesen Vorwurf könne er nicht gelten lassen.
König gab Hinweis auf Osteuropa
Zugleich erinnerte sich Zulehner im Rückblick auf seine Tätigkeit an der Universität Wien an einen Antrittsbesuch Anfang der achtziger Jahre bei Kardinal Franz König. Dabei habe ihm König den Rat gegeben, sich in seiner pastoraltheologischen Arbeit auf Ostmittel- und Osteuropa zu konzentrieren. Damals sei es "unter Pastoraltheologen fast selbstverständlich" gewesen, den Blick auf die Aufbrüche in Lateinamerika zu richten, so Zulehner, die damals noch unter kommunistischer Herrschaft stehende Osthälfte des europäischen Kontinents sei für viele theologisches Neuland gewesen.
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Kardinal Franz König |
Schließlich dankte Prof. Zulehner Kardinal Schönborn für dessen "wissenschaftsfreundliche und zurückhaltende Art" während der Zeit seiner Dekanstätigkeit. Das gegenseitige Vertrauen habe letztlich in der Übereinkunft gegipfelt, keinen Konflikt oder Disput innerhalb der Fakultät an die Öffentlichkeit zu tragen, so lange er nicht ausgeräumt worden sei.
Paul Michael Zulehner wurde 1939 in Wien geboren. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Religionssoziologie in Innsbruck, Wien, Konstanz und München wurde er 1964 in Wien zum Priester geweiht. Neun Jahre später habilitierte sich Zulehner an der Universität Würzburg in Pastoraltheologie und -soziologie. Nach diversen Lehrtätigkeiten in Deutschland und Österreich hatte Zulehner seit 1984 an der Universität Wien den Lehrstuhl für Pastoraltheologie inne; von 2000 bis 2007 war er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät. Zu seinen primären Forschungsgebieten zählen vor allem die Religions- und Kirchensoziologie sowie die Pastoraltheologie.
Der Wiener Pastoraltheologe ist Mitglied der Europäischen und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Für seine Forschungen wurde er mit dem "Kunschak-, dem "Renner- und dem "Innitzer-Preis" ausgezeichnet. Im aktuellen Wintersemester hält er am Institut für praktische Theologie weiterhin Vorlesungen, einen Lehrstuhlnachfolger gibt es noch nicht.
Beim Festvortrag des "Dies academicus" trat der aus Deutschland stammende emeritierte südafrikanische Bischof Fritz Lobinger für eine Überwindung des Priestermangels durch die Weihe von "Ältesten" aus den Gemeinden - auch von "bewährten verheirateten Männern" - ein. Lobinger ging von den Verhältnissen in seiner südafrikanischen Diözese aus. Eine kleine Anzahl von Priestern sei dort für zahlreiche und große Gemeinden zuständig. Hier liege der Ansatz für Modelle nicht-klerikaler Formen des Amtes, die auch für die europäischen Diözesen anwendbar seien. In den jungen Kirchen des "Südens" habe im Gegensatz zu den Kirchen Europas stets Priestermangel bestanden, der die regelmäßige sonntägliche Eucharistiefeier in vielen Gemeinden unmöglich mache.
Lobinger zitierte einen afrikanischen Erzbischof, der 1971 ein Mehr an Priestern der europäischen Art als für die Kirche nicht finanzierbar bezeichnet hatte. Diese "durchaus heikle Überlegung" sei jedoch nirgendwo weiterverfolgt worden, aus "Angst, dass eine Veränderung der Zulassungsbedingungen zum priesterlichen Amt die jetzt tätigen Priester verunsichert". Schließlich würde eine mögliche "viri probati"-Regelung zu ungleichen Voraussetzungen für die gleiche Rolle des priesterlichen Amtes führen.
Ansätze für die Lösung dieser Frage existieren für Lobinger bereits in den Gemeinden des "Südens", im Begriff der "Self Ministering Community" (selbstsorgenden Gemeinde), der das Konzept des Amtes und der Gemeinde vereint. Durch die Schaffung neuer Arten priesterlichen Dienstes werde eine Gefährdung der jetzigen Priester abgewandt.
Kreis von "Gemeindeältesten"
Grundlage dafür sei das Zweite Vatikanische Konzil, das mit der Formulierung der "geschenkten Charismen" aus dem Notstand des Mangels eine Tugend geschaffen habe; aus einem bedauernswerten Zustand sei so plötzlich eine positive Entwicklung geworden. Die Ordinierung eines Kreises von "Gemeindeältesten" würde den Sonntagsgottesdienst zur "ureigensten Sache der Gemeinde" machen, so Lobinger.
Aber schon jetzt gebe es in den Ländern des "Südens" eine Explosion der Beteiligung der Laien in den Gemeinden. 10 bis 20 Gemeinden bildeten ein Netzwerk um einen gemeinsamen hauptamtlichen, zölibatären Priester, der sie etwa monatlich besuche. Für diesen bedeute die Idee des Gemeindeverbandes eine neue Rolle, in der sein Leben neuen Sinn erlange: Er sei nun nicht mehr "Versorgerpfarrer", sondern mobiler Ausbilder der Laien, geistlicher Motor und Spiritual des Leitungsgefüges. Sein Streben gehe nun dahin, so Lobinger, unter den Laien möglichst viele Charismen zu entdecken und sie für ihr Amt zu befähigen.
Für die geweihten Mitglieder des Leitungskreises in den Gemeinden plädierte Lobinger für den Ausdruck "Gemeindeälteste", um sich nicht an den Ausdruck "Priester" anzulehnen. Auch wenn eine Form des priesterlichen Amtes gemeint sei, müsse der Beigeschmack eines "Notbehelfes, einer tröstenden Nachahmung der Priesterrolle" verhindert werden.
Durch die Bildung von Kreisen statt der Befähigung einzelner entstehe mehr Gemeinsamkeit und gemeinschaftliche Verantwortung. Das Blockdenken in Laien und Kleriker wie auch der Klerikalismus selbst werde überwunden, zudem sei damit das Ende einer ungünstigen Versorgungsmentalität der Gemeinde erreicht.
"Selbst tragende Gemeinden"
Voraussetzungen für dieses Modell seien "sich selbst tragende Gemeinden, Priester als Ausbilder, ständige Weiterbildung der Laien und Stützung durch die Diözesanleitung", betonte Lobinger. Die Hälfte der Gesamtkirche erfülle diese Vorbedingungen heute schon oder sei nahe daran, während in den Diözesen des "Nordens" dieses Modell als eher unrealistisch eingeschätzt werde.
Angesichts des auch in Europa spürbaren Priestermangels sei dieses Gemeindemodell jedoch auch hier anwendbar, statt einer allgemeinen Durchsetzung empfählen sich anfangs Erstlingsprojekte in
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Prof. Martin Jäggle Dekan kath.-theol. Fakultät Wien |
Bischof Fritz Lobinger wurde 1929 in Passau geboren und 1955 in Regensburg zum Priester geweiht. Er ging als einer der ersten "fidei donum"-Priester nach Südafrika, "in jeder Hinsicht seiner Zeit voraus", wie Prof. Martin Jäggle, Dekan der Katholisch-theologischen Fakultät, in seiner Hinführung zum Vortrag feststellte. 1986 wurde Lobinger zum Bischof der Diözese Aliwal North berufen und wirkte in dieser Funktion 22 Jahre lang. Er machte sich auch in Europa durch die Umsetzung des Bibel-Teilens sowie durch den Aufbau kleiner christlicher Gemeinschaften einen Namen. Die Zusammenarbeit und gegenseitige Inspiration zwischen Fritz Lobinger und dem Wiener Theologen Paul Michael Zulehner sei Beispiel gemeinsamen Lernens von "Süden" und "Norden" in der Kirche, so Jäggle abschließend.
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