Kardinal Schönborn: Beten für Frieden im Nahen Osten
Wien, 3.8.06 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat zum Gebet für den Frieden im Nahen Osten aufgerufen. "Es kann nicht Frieden auf einem Weg zu Stande kommen, der so viel Hass, so viele körperliche und seelische Verwundungen hinterlässt", sagte der Wiener Erzbischof im Hinblick auf die jüngsten dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten bei einem Sommergespräch mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" und dem Wiener Diözesansender "Radio Stephansdom". Die Frage des Rechts in diesem Konflikt sei inzwischen dermaßen "unentflechtbar", dass jede Seite endlose Listen von Gerechtigkeitsforderungen formulieren kann.
"Ich gestehe eine große Ratlosigkeit und menschlich gesehen fast eine Ausweglosigkeit, wenn es nicht die Hoffnung gäbe, dass früher oder später doch Vernunft, Menschlichkeit und Barmherzigkeit die Oberhand gewinnen", betonte Kardinal Schönborn in dem Interview. Man dürfe diese Hoffnung nicht aufgeben, so der Wiener Erzbischof.
Kardinal Schönborn erinnerte auch an die schwierige Lage der Christen im Nahen Osten, die dort seit Jahrhunderten in einer oft sehr bedrängten Situation leben. Jahrhunderte hindurch hätten so genannte christliche Mächte eine gewisse Schutzfunktion für die Christen des Orients wahrgenommen. So war Frankreich lange die Schutzmacht für die Maroniten, die Habsburger-Monarchie Schutzmacht für die Melkiten. "Dieses Bewusstsein, auch speziell den Christen helfen zu müssen, scheint im heutigen politischen Alltag im Westen weitgehend verloren gegangen zu sein", bedauerte der Wiener Erzbischof. Darauf sei auch gerade im Libanon die große Trauer und Bitterkeit der Christen zurückzuführen, die sich von ihren Brüdern und Schwestern im Westen verlassen fühlten.
Die Zuspitzung des Konflikts habe die Christen in dieser Region noch mehr in eine Minoritätssituation gebracht, so Schönborn, der exemplarisch auf die Massenflucht der Christen aus dem Irak - dort ist die Zahl der Christen seit dem Irak-Krieg von rund 1,5 Millionen auf derzeit etwa 700.000 zurückgegangen - hinwies. Diese Entwicklung mache auch vor heiligen Stätten nicht halt. "Die Tendenz ist ganz deutlich, dass die Christen selbst aus Bethlehem verschwinden", so der Wiener Erzbischof.
Konkreter Dialog mit dem Islam
Im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen erneuerte Kardinal Schönborn seine Forderung nach einem "konkreteren Dialog": "Wir müssen über die Kernfragen des Dialogs sprechen - die freundlichen Worte, die wir untereinander austauschen, sind schön und gut, aber auch nicht sehr glaubwürdig angesichts der realen Schwierigkeiten". Man müsse zum Beispiel die Frage stellen: "Was bedeutet für uns Christen, was bedeutet für den Islam die Tatsache, dass die biblische Verheißung des Alten Testaments dem Land Israel, 'Eretz Israel', dem Gelobten Land, eine besondere Rolle zuspricht?". Auch über die Frage der weltweiten Mission, die für beide Religionen kennzeichnend sei, müsse man miteinander sprechen, da dies indirekte und auch direkte Folgen auf politischer Ebene habe.
"Solange diese Fragen ausgeklammert werden, ist unser Dialog vielleicht freundlich, aber langfristig wird er nicht die Resultate erbringen, die wir brauchen", betonte der Wiener Erzbischof. Er plädiere für einen "starken" Dialog, in dem ganz ausdrücklich das Grundverständnis der drei abrahamitischen Religionen thematisiert werde, die wohl gemeinsame Wurzeln, aber sehr unterschiedliche Standpunkte hätten.
Dammbruch im Lebensschutz
In dem Interview äußerte sich der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz auch zur Debatte um den jüngsten umstrittenen OGH-Spruch. Der Oberste Gerichtshof hatte befunden, ein Gynäkologe, der eine werdende Mutter nicht "ausreichend" über erkennbare Anzeichen einer drohenden Behinderung aufklärt, habe grundsätzlich für den gesamten Unterhaltsaufwand für das behinderte Kind aufzukommen. Kardinal Schönborn sieht darin eine "tragische und fatale" Entwicklung, die letztlich dazu führe, dass Behinderung als etwas "Lebensunwertes" gesehen werde. "Wir sind hier in großer Gefahr, Menschen einzuteilen in Gesunde und Behinderte - und letzteren das Lebensrecht abzusprechen", sagte Kardinal Schönborn. Er lehne alle Versuche, so genannte eugenische Praktiken zu legitimieren, auf das Entschiedenste ab: "Hier wird wirklich die 'Büchse der Pandora' geöffnet und es werden Dammbrüche riskiert, die eine Überflutung ohne Ende nach sich ziehen können".
Wie in den Vereinigten Staaten, wo diese Entwicklung bereits groteske Ausmaße angenommen habe, sei auch hierzulande die ärztliche Praxis immer mehr von Schadenersatzforderungen bedroht. Diese Situation bringe Ärzte in schlimme Gewissenskonflikte und führe dazu, dass Mediziner in Versuchung kommen, schon beim leisesten Verdacht einer möglichen Behinderung zur Abtreibung zu raten, um ja nicht später einmal geklagt zu werden, so Schönborn. "Der Arzt soll zum Leben raten und nicht zum Töten. Er soll ermutigen, zu heilen und zum Leben 'Ja' zu sagen und nicht zum Todesboten werden", betonte der Wiener Erzbischof.
Legale Spätabtreibung ist Schandfleck
Die in Österreich legale Spätabtreibung behinderter Föten bis zur Geburt (sofern "eine ernste Gefahr besteht, dass ein Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde", Paragraf 97 StGB), bezeichnete Kardinal Schönborn als "Schandfleck in der österreichischen Gesetzgebung". Dieser Schandfleck müsse im Sinne des Schutzes der Behinderten dringend beseitigt werden: "Wir kommen in die tragische Situation, dass es auf der einen Seite eine 'Tötungslizenz' bis zur Geburt gibt, auf der anderen Seite eine ärztliche Kunst, die bis in die Frühstadien der kindlichen Entwicklung im Mutterschoß bereits helfen kann". Ziel müsse sein, "dass die medizinische Kunst auf dem Stand, auf dem sie heute ist, voll zum Einsatz kommt und nicht Kinder getötet werden dürfen, nur weil sie behindert sind", stellte der Kardinal klar.
Breitere Basis für Sozialpartnerschaft
Befragt zur Krise um den Österreichischen Gewerkschaftsbund, betonte Kardinal Schönborn, dass er nicht kompetent sei, Ratschläge zu geben, wie die Gewerkschaften ihre Reform durchzuführen hätten. Die Kirche sehe seit dem späten 19. Jahrhundert die organisierte Vertretung der Interessen der Arbeitnehmer als etwas "Richtiges, Notwendiges und Wünschenswertes" an. Das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Kirche habe sich in Österreich in den letzten Jahrzehnten sehr gut entwickelt, so Schönborn, der den legendären Auftritt Kardinal Königs vor dem ÖGB-Präsidium 1973 als Markstein in dieser Entwicklung hin zu einer größeren Partnerschaft bezeichnete. Die jetzige Krise zeige aber, dass die Gewerkschaftsbewegung in mancher Hinsicht zu wenig auf die dramatischen Veränderungen in der Arbeitswelt eingestellt sei.
Für die Zukunft der österreichischen Sozialpartnerschaft regt Kardinal Schönborn eine breitere Basis an, die alle Kräfte im Sinn des Gemeinwohls einbezieht, auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften, vor allem mit ihren sozialen Organisationen, sowie die NGOs.
Sorge um soziale Lage vorrangig
Für die bevorstehenden Nationalratswahlen wünscht sich Kardinal Schönborn, "dass möglichst viele Bürgerinnen und Bürger unseres Landes von ihrem Recht und damit auch von ihrer bürgerlichen Pflicht Gebrauch machen, das politische Leben unseres Landes mitzugestalten". Für die kommende Regierung müsse laut Schönborn die soziale Entwicklung in Österreich und Europa in den Prioritäten ganz oben stehen. "Wir sind ein reiches Land, aber wir stellen fest - was in vielen Ländern der Fall ist -, dass die Schere zwischen den sehr gut Verdienenden und denen, die sozial abrutschen, leider stärker auseinander geht", so der Wiener Erzbischof. Es sei eine zu Recht immer wieder gestellte Frage, ob diese globale Entwicklung aufgehalten werden könne oder ob es sich dabei um Sachzwänge handle, denen man nicht entkomme, was aber nur bis "zu einem gewissen Grad" gelte. Alles zu tun, um negativen sozialen Entwicklungen gegenzusteuern, sei "sicher prioritärer Wunsch an die künftige Bundesregierung".
"Ja" zum Leben fördern
Als weiteren Wunsch für die kommende Legislaturperiode nannte Kardinal Schönborn die Förderung des Lebensschutzes. "Es ist - Gott sei Dank! - in unserem Land gelungen, einen starken politischen Konsens in der Ablehnung der Euthanasie als Weg für Österreich zu finden. Wir sind leider noch immer nicht in der Lage, auf der Seite des Lebensanfanges zu einem größeren politischen Konsens zu kommen für lebensschützende, lebensfördernde Maßnahmen". Der Wiener Erzbischof erinnerte in diesem Zusammenhang an die seit Einführung der Fristenregelung in den siebziger Jahren immer wieder angesprochenen "flankierenden Maßnahmen" zum Lebensschutz. Schönborn: "Hier besteht immer noch eine schwer verständliche Blockade von manchen Seiten, als ginge es hier darum, Rechte der Frau einzuschränken, Freiheitsrechte zu beschränken, wo es doch darum geht, das 'Ja' zum Leben, zum Kind, zur Familie zu fördern". Dies sei besonders wichtig in einer Zeit, in der europaweit alle Experten von den Dächern rufen, dass der Schutz und die Förderung der Familie, die Förderung des "Ja" zum Kind höchste Prioritäten darstellen für ein immer älter werdendes Europa.