
Neue Diakonie-Direktorin Moser: Österreich armutssicherer machen
Die neue Direktorin der evangelischen Diakonie Österreich, Maria Katharina Moser, wünscht eine verstärkte Diskussion darüber, "wie wir Österreich armutssicherer machen können". Angesichts der derzeitigen Budgetüberschüsse wäre momentan der beste Zeitpunkt dazu, erklärte die seit 1. September im Amt befindliche Nachfolgerin von Michael Chalupka am Sonntag in der ORF-"Pressestunde". Die evangelische Sozialexpertin und Pfarrerin forderte zugleich mehr Einbindung der Zivilgesellschaft bei Gesetzesänderungen.
Die im Raum stehenden Kürzungen und Deckelungen der Mindestsicherung bezeichnete Moser als großes Problem. Kürzungen dieses "letzten Auffangnetzes", welches die Menschenwürde absichere, würden besonders die Schwächsten treffen wie etwa Kinder und Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen. Momentan sei jedoch nach einigen vagen Ankündigungen der Regierung völlig ungewiss, was tatsächlich kommen werde.
Von der Politik forderte Moser, statt Einzelmaßnahmen ein "großes und gesamtes Paket" für die Armutsprävention zu schnüren. Dazu gehörten u.a. der Zugang zu leistbarem Wohnen, gezielte Förderungen von Brennpunktschulen durch einen "Chancenindex" und besondere Unterstützungen für junge Familien durch "Frühe Hilfen". Die Indexierung der Familienbeihilfe, die etwa Kräfte in der 24-Stunden-Betreuung betrifft, sah Moser kritisch: Dies gehe zu Lasten sowohl der hier tätigen Frauen und ihrer Kinder als auch der alten Menschen und der Qualität der Pflege.
Skeptisch äußerte sich Moser auch zu den von der Regierung geplantem Kopftuchverbot für Mädchen in Volksschulen und Kindergärten, das "kontraproduktiv" sei. Sie lehne "Zwangsbefreiungen und Zwangsfreiheiten" ab, so die Diakonie-Direktorin, und weiter: "Was wir wirklich tun müssen ist, die Mädchen zu stärken." Es sei falsch zu tun, als hätte nur der Islam ein Problem mit der Geschlechterfrage, gäbe es Gewalt gegen Frauen doch regelmäßig verteilt in allen Bevölkerungsschichten und bei Angehörigen aller Religionen und ethnischen Gruppen.
Kreuz nicht zur Abgrenzung missbrauchen
Zum Kreuz im öffentlichen Raum meinte Moser, es handle sich dabei um ein "tiefes religiöses Symbol, mit dem wir sehr ernsthaft umgehen müssen". Die Frage sei aber: "Wird das Kreuz missbraucht, um christlich-abendländische Kultur gegenüber anderen abzugrenzen?" Schließlich handle es sich dabei um "viel mehr als um ein kulturelles Symbol".
Pragmatisch äußerte sich die neue Diakonie-Chefin zum Mitgliederschwund in den christlichen Kirchen. Der Austritt aus der institutionalisierten Religion sei ein "europäisches Phänomen", in anderen Teilen der Welt sehe dies anders aus. Als Verlust sehe sie die immer geringere Bedeutung der Kirchen in Europa vor allem deshalb, da dadurch "Knotenpunkte" der Inklusion, des Zusammenkommens und der Begegnung von Menschen aus verschiedenster Herkunft und sozialen Schichten verloren gingen.
Keine Urteile am "grünen Tisch"
In ethischen Streitfragen vertrat Moser eine liberale Position: Abtreibung etwa sei eine "offene Wunde" und "nie eine gute Lösung", dennoch solle ein "Spielraum für das Gewissen" möglich sei, weshalb die Diakonie die derzeit gültige Fristenregelung befürworte. Wichtig sei aber, schwangere Frauen besser zu begleiten, besonders rund um die pränatalen Untersuchungen. Die Diakonie habe eine Beratungsstelle insbesondere für Diagnosen mit Verdacht auf Behinderung des Kindes eröffnen wollen, um den Müttern Unterstützung zu vermitteln, berichtete die Direktorin. "Der Druck auf Frauen ist jedoch so groß, dass viele es gar nicht in die Beratung schaffen."
Ähnlich erklärte Moser beim Thema Sterbehilfe, der in einigen Staaten mögliche assistierte Suizid sei "keine gute Lösung" und dürfe zudem auf keinen Fall Versäumnissen bei Hospiz und Palliativwesen vorgeschoben werden. "Das ist eine große Gefahr", so die Diakonie-Direktorin. In konkreten dramatischen Einzelfällen solle es aber "straffreie Wege" geben. "Wir haben so viele Situationen in unserem Leben, die wir nicht am grünen Tisch entscheiden können, auch nicht in moralischer Hinsicht. Bei derartigen Entscheidungen müssen wir sagen: Wir treffen sie unter Umständen auch um den Preis, sündig zu werden."
Quelle: Kathpress