
Handbuch liefert "neue Narrative" über Flucht und Integration
Flucht und Migration können Lernorte sein, Konflikte und Erfahrungen damit Impulse für Weiterentwicklung: Das legt ein Handbuch nahe, das die Theologin Regina Polak herausgegeben und am Montagabend zum "Welttag der Menschenrechte" (10. Dezember) in Wien präsentiert hat. Bei dem Werk unter dem Titel "Migrationskompass: Von Angst bis Zuversicht - Leben und Lernen von und mit geflüchteten Menschen" sei es darum gegangen, "Gegen-Narrative zum unsolidarischen Trend" aufzuzeigen, erklärte die Professorin vom Institut für Praktische Theologie der Universität Wien am Rand der Veranstaltung gegenüber "Kathpress". "Es ist wichtig zu zeigen, dass es möglich ist, bestehende Probleme anders zu lösen als durch Stigmatisierung und Ausgrenzung."
Das Handbuch richtet sich vor allem an Lehrer, Engagierte in der Flüchtlingsarbeit sowie alle politisch interessierten Personen. Enthalten sind Grundlagenwissen, Lernimpulse sowie Praxishinweise zur methodisch angeleiteten Reflexion der Integrationspraxis. Dazu gibt es persönliche Erfahrungsberichte mit den Themen Flucht, Migration und Integration, 50 alphabetisch geordnete Schlüsselbegriffe (von "Angst" über "Fremd", "Gutmensch", "Leitkultur", "Werte" bis "Zuversicht"), zehn "Visionen einer inklusiven Gesellschaft", literarische Texte sowie weiterführende Links, Leitfäden und Literaturhinweise. Für das am Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien erhältliche Buch startet demnächst auch ein begleitendes Webprojekt.
Die derzeitige Stimmungslage der österreichischen Bevölkerung in Bezug auf Flucht, Migration und Integration skizzierte Polak gegenüber "Kathpress" als "Mischung zwischen Angst und Zuversicht". Zu einem großen Teil wollten die Menschen nicht nachdenken, seien des Themas überdrüssig geworden oder blickten sorgenvoll in die Zukunft.
Denn jedem muss klar sein, dass Migration ein globales Thema ist, bei dem angesichts der Armut und Krisen anderswo noch vieles auf Europa zukommt.
Auch Stimmungen wie Neid oder Fremdenfeindlichkeit seien präsent. Andere Teile der Gesellschaft hielten die Herausforderungen hingegen sehr wohl für lösbar, sofern man sich nur dafür entscheide, sie "anzupacken".
Die Politik und auch die Medien hätten in dieser Situation einen "riesigen Einfluss, vielleicht sogar den entscheidenden", mahnte die Theologin. Die politischen Parteien führten die Diskurse, die Medien deuteten sie - "und je nachdem, was man in den Vordergrund stellt, dominieren Probleme und Katastrophen oder die positiven, den Fakten entsprechende Erfahrungen". Der Eindruck herrsche vor, bei allen Phänomenen der Zuwanderung handle es sich um "Störungen", wobei "alles in einen Topf geworfen" werde. Die Situation und Fluchtgründe der Betroffenen, die ihre Heimat meist nur begrenzt freiwillig verließen, bleibe dabei außer Acht - wie auch, "dass in einer Gesellschaft ohne Migration Stillstand droht und Innovation kaum mehr möglich ist".
Lernen von Flüchtlingen
Es sei wichtig, hier auch "Gegen-Narrative" zu liefern, betonte die Wiener Universitätsprofessorin, und machte dies am Beispiel von Konflikten rund um Migration fest. Diese würden oft als Beweise herangezogen dafür, dass Integration nicht funktioniert.
Dabei kann jedoch die Diskussion darüber auch als Zeichen dafür gesehen werden, dass Integration voll im Gange ist und ausverhandelt wird.
Gesellschaftliche Konflikte, bei denen es vorrangig um Ausgrenzung, Ausschluss und Wahrung kultureller Dominanz gehe, seien nicht zielführend, urteilte Polak. Wohl aber treffe dies zu, wenn Konflikte darauf hinwirkten, "miteinander friedlich in einer heterogen gewordenen Gesellschaft zu leben".
Ein ähnlicher Perspektivenwechsel findet sich auch bei der im Handbuch ausgeführten Feststellung, wonach nicht nur die Flüchtenden Lernende sind, sondern auch diejenigen, denen sie begegnen. "Aus der begleitenden Forschung können wir schließen, dass das auf die Engagierten in der Flüchtlingsarbeit besonders zutrifft. Die Konflikte, Fragen und Unterschiede lösen eine kulturelle Selbstreflexion aus über eigene Wertvorstellungen; darüber, wie selbstverständlich bei uns die Religionsfreiheit ist oder wie es bei uns um die Menschenrechte steht", berichtete Polak.
Bereits die Grundhaltung der Flüchtlinge bringe viele Österreicher zum Nachdenken:
Viele sind traumatisiert, doch viele andere haben eine erstaunlich große Hoffnungskraft, auch wenn sie buchstäblich mit nichts ankommen. Dies zu erfahren hinterlässt oft die Frage: Was ist nur los mit unserer Wohlstandskultur, dass es bei uns so wenig Hoffnung gibt, wo wir doch alles haben?
Ein weiterer Effekt sei die politische Sensibilisierung. Polak:
Viele werden durch Flüchtlingsbegleitung gezwungen, sich mit rechtlichen Fragen auseinanderzusetzen und ihre Verantwortung als Staatsbürger wahrzunehmen. Flüchtlinge werden so zum Trigger, der schlafende Fragen weckt.
Hilfsbereitschaft nicht gesunken
Bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Buchvorstellung erinnerte Franz Karl Prüller von der Erste-Stiftung die Politik an ihre Aufgabe, "nicht nur kurzfristig zu denken, sondern langfristige Visionen für die Entwicklung der Gesellschaft zu formulieren". Dabei sei es sinnvoll und auch notwendig, Migration als Normalität anzuerkennen. Ähnlich forderte die Theologin Andrea Lehner-Hartmann vom Institut für Praktische Theologie eine Grundbereitschaft, "plurales Leben als gesellschaftliche Norm anzuerkennen, nicht als Störung". Caritas-Flüchtlingsexperte Rainald Tippow betonte, die politischen Parteien müssten nicht alles selbst erledigen, sondern könnten auf das Engagement der Zivilgesellschaft zählen und mit einer weiterhin "hohen Hilfsbereitschaft" der Bevölkerung rechnen.
Dass diese Hilfsbereitschaft tatsächlich weiterhin vorhanden ist, berichtete bereits zuvor Günter Ogris vom SORA-Institut. Immer schon sei Österreich erfolgreich gewesen, wenn es Flüchtlinge aufgenommen, unterstützt und integriert habe, erklärte Ogris in seiner Keynote. Ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg der "Erstimpuls" der Bevölkerung und der Regierung stets die Hilfsbereitschaft gewesen und diese Grundhaltung auch unter den Flüchtenden selbst verbreitet war, sei dies auch 2015 der Fall gewesen. 2016 habe sich dann die Politik verändert, wobei laut Ogris "mit der Zeit der Wert der Hilfsbereitschaft stets weiter gestiegen" sei.
Das Interesse an Integration sei heute laut dem empirischen Meinungsforscher in der Bevölkerung weiter vorhanden, wie auch die Zuversicht, dass sie gelingen werde. Seit 2015 sei die Arbeitslosigkeit gesunken, 80.000 zusätzliche Arbeitsplätze würden jährlich geschaffen und 30 Prozent der Zugewanderten würden bereits in das Sozialsystem einzahlen. Die Migration sei ein "Gottesgeschenk", auch da manche Branchen wie die Pflege, Tourismus oder der Bau ohne ihr zusammenbrechen würden, meinte Ogris. Dennoch werde die Integration von der derzeitigen Regierung "bewusst schwer gemacht" durch das Streichen diverser Integrationsmaßnamen. Was dabei geschehe, sei eine "Entsolidarisierung" des Sozialsystems.
Quelle: kathpress