
Sehr unterschiedliche Zugänge zum Spenden in den Religionen
Wohltätigkeit und Nächstenliebe werden von den einzelnen Weltreligionen teils ganz unterschiedlich beurteilt: Das wurde am Dienstag bei einem Podiumsgespräch im Rahmen des vom Fundraisingverband in der Wiener Diplomatischen Akademie veranstalteten "Spendentags" deutlich. Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sowie aus Judentum, Islam und Buddhismus tauschten sich dabei über gesellschaftliche Werte im Wandel aus. Die "Hilfe zur Selbsthilfe" sowie der Wert der Bildung wurden in den Beiträgen als gemeinsame Nenner sichtbar.
Nach den Worten des Wiener Dompfarrers Toni Faber hätten Christen als biblische Richtschnüre beim Spenden einerseits die Aufforderung Jesu an den reichen Jüngling, alles zugunsten der Armen zu verkaufen und ihm nachzufolgen - was dieser dann nicht befolgte -, und andererseits die arme Witwe, die ihren wenigen Besitz als Tempelopfer darbrachte. "Zwischen der Bereitschaft der beiden muss sich jeder das Seine suchen", so der katholische Priester.
Auch die Direktorin der evangelischen Diakonie, Maria Katharina Moser, griff auf das Bild der Witwe im Evangelium zurück: Dass selbst Arme etwas geben und teilen könnten, sei ein wichtiger Bestandteil von Menschenwürde, "und wir erleben auch in den Spendenorganisationen, dass Menschen, die nur wenig haben, oft sehr großzügig sind", berichtete Moser. Mildtätigkeit solle nach evangelischem Verständnis die Eigenverantwortung des Empfangenden stärken, weshalb die Bildung als Armutsprävention besonders im Fokus stehe.
Hinter einer Spende stehe im Christentum besonders der Gedanke, schon zuvor von Gott beschenkt worden zu sein, führte Moser näher. Martin Luther habe eine "Wurzel des modernen Sozialstaates" geschaffen, als er den sogenannten "gemeinen Kasten" einführte - eine Spendenbox in der Kirche, deren Erträge von den Ratsvertretern bedürftigen Menschen zugeteilt wurde. Der Reformator habe sich damit gegen die damals gebräuchlichen Almosen, bei denen der Geber das Gebet des Begünstigten für sein Seelenheil erhoffte, gewandt - "da die Liebe und Vergebung Gottes geschenkt werden, also nicht verdienbar sind", sagte Moser.
Gerechtigkeit, Solidarität und Mitgefühl
Juden sind von der Thora angehalten zu Abgaben an wohltätige Zwecke in der Höhe von zehn bis 20 Prozent ihres Einkommens, was jedoch nicht eine Frage der persönlichen Einstellung, sondern der Gerechtigkeit sei, erklärte Willy Weisz von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Eine Obergrenze gebe es dabei insofern, als dass der Gebende nicht selbst verarmen und dann der Gesellschaft zur Last fallen solle. Wichtig sei es auch aus jüdischer Sicht, durch Zuwendungen Menschen zu ermöglichen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. "Dass Sprachkurse für Migranten nicht vom Staat finanziert werden, ist aus dieser Sicht eine Katastrophe", so Weisz.
Bei den Muslimen gibt es einerseits die Pflichtabgabe Zakat von üblicherweise 2,5 Prozent des Vermögens, die eine der fünf Säulen des Islam darstellt, sowie darüber hinaus die Möglichkeit der freiwilligen Spende, verdeutlichte Adis Candic von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Bei Zuwendungen letzterer Art gehe es darum "Solidarität zu zeigen und Gemeinschaft auszudrücken" - habe doch Mohammed dazu aufgerufen, wenigstens "mit einer halben Dattel" einen Beitrag zu leisten, berichtete Candic.
Keine verbindlichen Vorschriften, jedoch implizite Vorgaben und Haltungen in Sachen Spenden gibt es in der Buddhistischen Religionsgesellschaft, sagte deren Vertreter Gerhard Weißgrab.
Zentral sind Mitgefühl - auch mit Tieren - und die Allverbundenheit, da sich alles gegenseitig bedingt und Reich und Arm nicht voneinander abgekoppelt sind.
Auch wenn niemand so viel spenden solle, dass er dadurch selbst in Notsituationen gelangt, sei das Geben eine Übung, sich von Angehaftetem - beispielsweise Geld und Reichtum - loszulösen.
Kampf gegen "Misstrauensvorschuss"
Aus der eigenen Erfahrung als Fundraiser - der etwa erst am Montag den ersten bargeldlosen Spendenterminal im Stephansdom enthüllt hatte - äußerte Dompfarrer Faber am "Spendentag" seine Enttäuschung über "Menschen aus der vermögenden Gesellschaft, die oft sehr wortreich erklären, warum Spenden an NGOs nicht bei den Betroffenen ankommen und deshalb nicht spenden". Fabers Antwort darauf:
Wenn du nicht den Mut hast, mit dem Geben zu beginnen, wirst du keinen Sinn im Leben finden.
Um gegen diesen "Grundverdacht und Misstrauensvorschuss" anzukämpfen, stelle er sich regelmäßig als Testimonial für Spendenorganisationen zur Verfügung - "um damit den Menschen zu sagen: Du kannst mir das Ohr ausreißen, wenn deine Spende nicht gut ankommt."
Die Notwendigkeit von Spenden an die wohltätigen NGOs - darunter auch die kirchlichen - verdeutlichte Diakoniedirektorin Moser. Hilfswerke wie Caritas und Diakonie handelten zwar zu einem großen Teil im Auftrag der öffentlichen Hand, Spenden brauche es dennoch, "besonders dort, wo die öffentliche Hand kürzt, und dort, wo innovative und neue Arbeitsfelder entstehen und die öffentliche Hand erst durch Pilotprojekte angeregt werden muss". Oft sei es allerdings so, dass die Zurücknahme öffentlicher Verantwortung "dramatische Auswirkungen" auf die betroffenen Gruppen hätten, veranschaulichte Moser am Beispiel von Menschen mit Behinderungen in Oberösterreich: "Wenn beim Personal für die Betreuung von schwer Behinderten gespart werden muss, ist dies oft für ein ganzes Wohngefüge schlimm", so die Direktorin der evangelischen Diakonie.
Quelle: kathpress