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Assmann: "fake news" zerstören Vertrauen in einer Gesellschaft
Nicht Heterogenität, sondern Unaufrichtigkeit - also "fake news", "alternative facts", falsche Wahlversprechen, Korruption und Intransparenz - zerstören das Vertrauen in einer Gesellschaft. Das betont der deutsche Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann in einem "Presse"-Interview am Dienstag. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2018 äußerte sich anlässlich eines Besuchs in Wien, wo er am Mittwoch abends an einer Podiumsdiskussion an der Technischen Universität Wien (19 Uhr) über Zusammenhalt und Integration teilnehmen und zuvor am Vormittag auch beim Salzburger "Tag der Universität" zu Gast ist.
Zugehörigkeit entstehe durch Erinnerung und Imagination bzw. durch gemeinsame Herkunft und gemeinsame Ziele, so Assmann:
Integration muss vor allem auf gemeinsame Ziele setzen, die sich auch Einwanderer mit ganz anderen Herkünften zu Eigen machen können.
Mehr als die gemeinsame Anerkennung übergeordneter rechtlicher und Anstands-Regeln zivilen Zusammenlebens sei zunächst von Zuwanderern nicht erforderlich. Auf dieser Grundlage könne dann eine graduelle und partielle Identifikation mit den Werten und der Kultur der Aufnahmegesellschaft entstehen, die man aber nicht im Sinne einer "Leitkultur" voraussetzen könne.
Zur Frage, was die Aufnahmegesellschaft und Zuwanderer tun sollten, um das Zugehörigkeitsgefühl zu fördern, sagte Assmann:
Was der Staat tun kann, ist, Programme der menschenwürdigen Unterbringung, Versorgung und Ausbildung aufzulegen und den vielen ehrenamtlichen Helfern die entsprechende Anerkennung und Unterstützung zuteilwerden zu lassen.
Was die Zuwanderer tun können, sei, die Sprache zu lernen, die Arbeitsangebote wahrzunehmen und die rechtlichen und Anstandsregeln der Aufnahmegesellschaft zu beachten. Die Aufnahmegesellschaft müsse fremdenfeindliche Reaktionen und Aktionen ahnden und überwinden sowie Respekt und Empathie aufzubringen für die (Leidens-)Geschichte und Kultur der Einwanderer. Natürlich nur, soweit sie nicht - wie zum Beispiel Ehrenmorde, Mädchenbeschneidung oder Unterdrückung der Frau - geltende Regeln von Recht und Anstand verletzen.
Zu den Gründen befragt, weshalb sich Menschen mit einem Land und seiner Kultur nicht identifizieren, obwohl sie seit Jahrzehnten in diesem Land leben, meinte Assmann, dass der klassische Grund in religiösen Assimilationsverboten liege, die naturgemäß in Diaspora-Situationen ein schweres Problem darstellen können. Doch laut dem Religionswissenschaftler gibt es auch einen gangbaren Weg:
Im Judentum, das in dieser Hinsicht wohl die stärksten Regeln vorgibt, hat sich schon in der Antike das Prinzip 'Die Torah zusammen mit dem Weg (der Kultur und Lebensweise) des (Gast-)Landes' herausgebildet. Das sollte für alle Zuwanderer gelten, die sich heimischen Traditionen verpflichtet fühlen und auch im Gastland unter allen Umständen an ihnen festhalten wollen.
Zum viel strapazierten "Heimat"-Begriff angesprochen, meinte Assmann, Heimat sei ein Sehnsuchtsbegriff und keine Sache sicheren und unhinterfragten Besitzes. Der Begriff sei derzeit so präsent, "weil es so viele Menschen aus ihrer Heimat verschlagen hat. Heimat ist ein Begriff, der zu leuchten anfängt, wenn man ihn verloren hat."
Am Mittwoch ist Jan Assmann Gast in Salzburg beim Tag der Universität (Kapitelgasse 4/6). Er wird bereits um 9 Uhr den Eröffnungsvortrag im Unipark halten.
Quelle: kathpress