
Scheuer: 2019 "unter dem Aspekt der Versöhnung betrachten"
Die "Strategie, das Jahr 2019 unter dem Aspekt der Versöhnung zu betrachten", hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer empfohlen. Vergebung und Versöhnung seien langfristig erfolgversprechender als "das Pochen darauf, recht zu haben", und der oft zitierte "gesunde Egoismus", schrieb Scheuer am Silvestertag in einem Kommentar für die "Oberösterreichischen Nachrichten" (OÖN) zum Jahreswechsel. Das gelte für persönliche Beziehungen in Ehe, Familie und Freundschaft ebenso wie für politische und wirtschaftliche Konstellationen.
Der Bischof erwähnte in seinen Überlegungen unter dem Titel "War 2019 ein gutes Jahr?" politische Beziehungen, die jahrzehntelang von Feindschaft und gegenseitigem Misstrauen geprägt seien. Angesichts von Konkurrenz und Wirtschaftsembargos, von Feindbildern, Verachtung und Hass, die sich "im Kopf und im Herzen festgesetzt" hätten, sei Versöhnung umso dringlicher.
Scheuer verwies auf den auch von Papst Franziskus und dem Psychiater Reinhard Haller kritisierten Narzissmus in der Gesellschaft. Kennzeichnend dafür sei "das Kreisen um sich selbst, das Starren auf das eigene Spiegelbild, die Fixierung auf die eigenen Probleme, das Verliebtsein in die eigene Traurigkeit". Ein verengtes Sicherheitsdenken führe oft dazu, die Nöte anderer nicht an sich heranzulassen, bedauerte der Linzer Bischof. Er warnte auch vor "Übertribunalisierung", bei der es darum gehe, die Fehler anderer anzuprangern und sie "auf Defizite festzunageln".
Zugleich gebe es im Kleinen - in der Familie - wie im Großen - in der Gesellschaftsgestaltung - auch eine Sehnsucht, Brücken zu bauen und Zusammenarbeit zu suchen. "Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, eine Haltung an den Tag zu legen, die Heilung und Versöhnung offenhält", zeigte sich Scheuer optimistisch.
Die Verweigerung der Versöhnung mit sich selbst, die Unfähigkeit zur Annahme der eigenen Grenzen und Enttäuschungen, das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein und deshalb anderen ebenfalls nichts zu gönnen - all das zerstört nach den Worten des Bischofs Lebensfreude und Aufmerksamkeit. Umgekehrt schenke ein versöhnter Umgang mit den eigenen Schwächen und "offenen Baustellen" die Akzeptanz für die Unzulänglichkeiten anderer und könne einen konstruktiven Weg des Miteinanders eröffnen.
Scheuer riet dazu, Erinnerungen - gerade auch die nicht so angenehmen - bei der Rückschau auf das Jahr nicht achtlos beiseite zu schieben. Dies könne helfen, 2020 das Positive des Lebens wahrzunehmen und dankbar aufzugreifen. Dankbarkeit befreie von selbstbezogener Enge und Ängsten, so Scheuer, sie öffnet den Blick auf andere. Nachsatz: "Dankbarkeit auf Zukunft gerichtet ist Hoffnung."
Quelle: kathpress