
Moraltheologe Lintner: Kirche hat Probleme mit Gewissensfreiheit
Der Südtiroler Moraltheologe Martin Lintner plädiert weiter für eine Erneuerung der Sexualethik der katholischen Kirche. Anders als bei Religionsfreiheit habe die Kirche mit der Gewissensfreiheit in Fragen der Sittenlehre "bis heute gewisse Probleme", sagte Lintner im Interview dem Portal "religion.orf.at" (Mittwoch). Ansatz soll aus Sicht des Theologen sein, "dass man versucht, die Gewissen der Menschen zu bilden und nicht ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun haben".
Das Thema sei schon während des Pontifikats von Johannes Paul II. (1978-2005) ein "ganz großes Konfliktfeld" gewesen. Dieser habe argumentiert, dass ein Katholik oder eine Katholikin in den entscheidenden sittlichen Fragen, wo das Lehramt eine Lehre vorgibt, nicht davon abweichen kann, so Lintner. "Und das ist bis heute ein Knackpunkt."
Die Kirche könne alles tun, um Menschen zu befähigen, die Gewissensbildung zu unterstützen, könne aber niemandem diese Entscheidung abnehmen, sagte der Moraltheologe. "Und wenn jemand nach Prüfung aller Umstände und Kriterien entgegen der kirchlichen Lehre zu einer Entscheidung kommt, dann müssen wir die respektieren."
"Nihil obstat" verweigert
Zu Sommerbeginn hatte ein Nein aus dem Vatikan zur geplanten Bestellung Lintners zum Dekan der Philosophisch-Theologische Hochschule (PTH) Brixen auch international für Schlagzeilen gesorgt. Wie die PTH damals mitteilte, erkennt die vatikanische Bildungsbehörde die Wahl Lintners wegen dessen Veröffentlichungen über Sexualethik nicht an. Rom erteilte entsprechend nicht das notwendige "Nihil obstat" ("Nichts steht dagegen"), eine Art Unbedenklichkeitserklärung.
Lintners kirchliche Lehrbefugnis ist davon nicht betroffen. Der Theologe selbst sowie der Südtiroler Bischof Ivo Muser, der auch Großkanzler der PTH ist, verzichteten auf förmlichen Widerspruch gegen die Entscheidung. Stattdessen wurde die Amtszeit des bisherigen Dekans Alexander Notdurfter bis zum 31. August 2024 verlängert.
Der Vorgang sei "keine angenehme Sache", habe ihm aber insgesamt keine schlaflosen Nächte bereitet, meinte Lintner nun im ORF-Interview. Schon vor mehr als zehn Jahren habe die Glaubenskongregation ein damals von ihm veröffentlichtes Buch geprüft und sei zum Schluss gekommen, dass er der Glaubenslehre der Kirche nicht widerspreche, aber zu einigen Punkten seine Position geklärt werden müsste, schilderte Lintner: "Das haben wir dann in Folge gemacht über unseren Bischof in Südtirol. Und ich hätte dann gedacht, dass das Thema erledigt ist. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall."
"Moralisierender Spiegel"
In Kürze veröffentlicht Lintner ein neues Buch über "Christliche Beziehungsethik". Er fasse darin Forschungsergebnisse aus den vergangenen Jahren einmal zusammen, sagte der Theologe dem ORF. Das im Herder-Verlag erscheinende Buch verstehe sich aber auch als "ein Beitrag für einen offenen und konstruktiven Dialog zwischen Lehramt und Theologie im Bereich der Beziehungsethik".
Diesbezüglich stünde man "in einem Entwicklungsprozess, wo noch offen ist, in welche Richtung er geht", sagte Lintner. Thema in diesem Zusammenhang seien u.a. die Hintergründe der zahlreichen Fälle von Missbrauch im katholischen Umfeld, aber auch ganz andere, soziokulturelle Entwicklungen. "Menschen, die in Partnerschafts- und Familienformen leben, die eben der kirchlichen Lehre nicht entsprechen: Haben wir auch denen etwas zu sagen? Oder haben wir ihnen nur den moralisierenden Spiegel vorzuhalten?", fragte der Theologe. Nachsatz: "Ich behaupte ja nicht, dass das, was ich präsentiere, morgen die Lehre der Kirche sein muss. Aber einen konstruktiven Beitrag zu leisten, das nehme ich für mich in Anspruch."
Quelle: kathpress