
Tagung in Salzburg zu Armut und kirchlicher Verantwortung
Dem Spannungsfeld von Armut und Kirche hat sich eine Tagung im Salzburger Franziskanerkloster am Mittwoch, dem Gedenktag der heiligen Elisabeth (19. November), gewidmet. Experten und kirchliche Vertreter diskutierten unter dem Titel "Kirche, hör den Schrei! Armut zwischen Provokation und Auftrag" wegweisende Dokumente zur Anleitung christlichen und kirchlichen Handelns und Leitlinien für soziale und ökologische Gerechtigkeit. Im Mittelpunkt standen der "Katakombenpakt" von 1965, eine Selbstverpflichtung von ursprünglich 40 Bischöfen zu einem einfachen Lebensstil und zur Nähe zu den Armen am Rande des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie das Umwelt-Lehrschreiben "Laudato si" von Papst Franziskus von 2015.
Zur Tagung gekommen waren unter anderem von Armut betroffene Menschen, Seelsorgeamtsleiterin Lucia Greiner, Dechant und Sprecher des Erzbischofs in Flüchtlingsfragen Alois Dürlinger sowie Vertreterinnen und Vertreter der Armutsinitiativen, der Wohnungslosenseelsorge und der Caritas Salzburg, darunter Caritas-Direktor Kurt Sonneck. Zu den Vortragenden zählten Theologe Michael Ramminger und Pirmin Spiegel, Teilnehmer an der Amazonien-Synode 2019, die die Benachteiligung indigener Bevölkerungen und den Schutz ihrer Rechte zum Thema hatte.
Spiegel widmete sich in seinem Vortrag "Katakombenpakt und aktueller Bezug" der weitreichenden Wirkung des vor 60 Jahren unterzeichneten Dokuments, die bei der Amazonien-Synode 2019 spürbar geworden sei: "Im Heute treffen sich die Wurzeln von gestern mit Zweigen von morgen", so Spiegel über das anhaltende Versprechen der Kirche, an der Seite der indigenen Gemeinden zu stehen. Die Frage der Ungerechtigkeiten und der Gerechtigkeit sei wohl in der Verkündigung als auch in der Praxis des christlichen Glaubens auf dem Kontinent untrennbar geworden.
Auf die Amazonien-Synode folgte 2019 die Unterzeichnung eines neuen Katakombenpakts, der die Anliegen einer armen, dienenden und an den Randgruppen orientierten Kirche neu aufgriff. Daran schließt auch der kürzlich geschlossene "Pakt für das gemeinsame Haus" an, den am vergangenen Sonntag mehr als 40 Bischöfe aus dem Amazonasgebiet - darunter der österreichisch-brasilianische Bischof Erwin Kräutler - unterzeichneten. Das neue Dokument betont den Schutz der Schöpfung, die Rechte indigener Völker und die Verantwortung der Kirche für ein nachhaltiges Zusammenleben.
Christliche Hoffnung
Auch Ramminger, Mitbegründer des Instituts für Theologie und Politik Münster, der sich in seiner Forschung mit Fragen sozialer Gerechtigkeit und Menschen auf der Flucht beschäftigt, betonte den bleibenden Auftrag des Katakombenpakts und stellte die Frage, wie Theologie angesichts aktueller Herausforderungen buchstabiert werden solle, sowie nach einer aktuellen Standortbestimmung. "Unsere Hoffnung kann sich nicht aus den Gegebenheiten unserer Welt speisen, sondern aus der Flucht aus diesen Verhältnissen."
Ramminger zeigte sich überzeugt, "dass die Kirche und die Christinnen und Christen den Mut haben müssen, die Bedeutungslosigkeit zu riskieren, wenn sie ihrer eigenen Botschaft treu bleiben wollen". Bezüglich einer Idee des guten Lebens und dass Menschen in Freiheit, Gerechtigkeit und Autonomie leben können, sei es nicht so wichtig, wie Kirche gesellschaftlich Anerkennung finde oder Unterstützung in Politik und Institutionen. "Wichtig ist, dass wir uns selber auf unsere Botschaft besinnen und von da aus kämpfen."
In einer Gesprächsrunde diskutierten auch andere kirchliche Vertreterinnen und Vertreter über das Spannungsfeld Armut und Kirche. "Glaube geht nicht ohne Gerechtigkeit und diese muss verbunden sein mit Rechten", betonte Seelsorgeamtsleiterin Lucia Greiner. In der Nähe von heimatlosen und geflüchteten Menschen habe er am intensivsten erfahren, was Armut bedeuten müsse, erzählte Dechant Alois Dürlinger, Sprecher des Erzbischofs in Flüchtlingsfragen. Seine Hoffnung gründe darauf, dass das Pendel nie stillstehe - momentan schlage es politisch und kirchlich zu stark nach rechts aus.
"Armut ist in erster Linie eine geistliche Herausforderung für uns als Kirche, der wir uns stellen müssen. Dieses Thema gerät scheinbar zu schnell in Vergessenheit", sagte der Caritasdirektor der Erzdiözese Salzburg, Kurt Sonneck. Es sei wichtig, dass betroffene Menschen wissen, dass sie gesehen würden, denn dies gebe Hoffnung.
Katakombenpakt
Vor 60 Jahren, am 16. November 1965, unterzeichneten ursprünglich 40 Bischöfe in der Domitilla-Katakombe in Rom, am Rande des Zweiten Vatikanischen Konzils, eine Selbstverpflichtungserklärung. Das Dokument ist als "Katakombenpakt" in die Geschichte eingegangen. Es fordert auf, sich auf die Seite der Armen, Kranken und Ausgeschlossenen zu stellen, nach dem Vorbild des Jesus von Nazareth. Die Unterzeichner des Katakombenpakts setzten schon bald nach dem Konzil den Beschluss in die Tat um: Dom Helder Camara öffnete sein Bischofspalais für Obdachlose, Kardinal Giacomo Lercaro, einer der Konzilsmoderatoren, verwandelte sein Bischofshaus in ein Waisenhaus.
Am 20. Oktober 2019 wurde von Teilnehmenden der Amazonien-Synode in der Domitilla-Katakombe in Rom ein neuer Katakombenpakt unterzeichnet. Mit einem weiteren Pakt - "für das gemeinsame Haus" - haben sich nun am Sonntag in Rom erneut mehr als 40 Bischöfe aus dem Amazonasgebiet - unter ihnen der österreichisch-brasilianische Bischof Erwin Kräutler - zum Schutz der südamerikanischen Region und ihrer Bewohner, einer respektvollen Verkündigung des Evangeliums und einem einfachen Lebensstil verpflichtet.
Die Enzyklika "Laudato si" wurde vor zehn Jahren, am 24. Mai 2015, veröffentlicht. Papst Franziskus verfasste dieses Lehrschreiben "über die Sorge für das gemeinsame Haus". Die Fortsetzung des Schreibens war "Laudate Deum" von Papst Franziskus "an alle Menschen guten Willens über die Klimakrise", veröffentlicht am 4. Oktober 2023.
Quelle: kathpress