
Grazer Bischof: Gesellschaft braucht ein Miteinander
Vor einer "tektonischen Plattenverschiebung" in der Gesellschaft, "hin zum Ego, auf den Einzelnen als Nabel der Welt", warnt Bischof Wilhelm Krautwaschl. Wenn alle nur auf sich selbst schauen, könne kein Miteinander funktionieren, sagte der Grazer Bischof im Jahresbilanz-Interview für die Steiermark-Ausgaben der "MeinBezirk"-Wochenzeitungen (31. Dezember). "Das ist das Eigenartige an dieser Zeit: Wir sind rund um die Uhr mit der ganzen Welt verbunden. Doch das, was zunimmt, ist die Einsamkeit. Das heißt, diese Verbindung mit der ganzen Welt hat mir möglicherweise die Verbindung zum Nächsten wegbrechen lassen", erklärte Krautwaschl. Dies sei "eine gefährliche Entwicklung".
Er stelle unter anderem mit Schrecken fest, dass viele Leute zwar überall dabei sein wollen, aber kaum jemand noch Verantwortung übernehmen wolle, zum Beispiel in Vereinen, die keine Obleute mehr finden, so der Bischof. "Papst Franziskus hat immer gesagt: Seid doch keine Couch-Potatoes, engagiert euch", zitierte Krautwaschl, das im April verstorbene Kirchenoberhaupt.
"Offen sein, füreinander da sein, wach sein - und zuhören": Dieses Rezept empfiehlt der Grazer Bischof. Die Kirche und zahlreiche Hilfsorganisationen versuchten, dass Menschen nicht nur bei sich selbst bleiben, sondern in einer Atmosphäre leben, in der sie sich angenommen fühlen, so Krautwaschl. "Man kann natürlich vieles über Gesetze regeln, aber die Grundfrage ist dennoch: Wie nehme ich den Nächsten, die Nächste neben mir an."
Papst kann zuhören und "in einer Stille führen"
Den neuen Papst Leo erlebe er als einen, "der zuhört, erfasst und gut argumentiert", so Krautwaschl an anderer Stelle des Interviews. "Papst Franziskus hat einiges aufgemacht und damit auch für Irritationen gesorgt. Es tut jetzt ganz gut, jemanden zu haben, der das, was wir geöffnet haben, in geordnete Bahnen bringt."
In jeder Führungsposition brauche es Managementfähigkeit, auch in der Kirche, erklärte der Bischof: "Bei Papst Leo geht es mehr um die Tiefe, aus der er seine eigenen Überlegungen speist. Und da erlebe ich ihn, gerade weil er zuhören kann, dass er in einer Stille führen kann - und das ist auch eine Qualität."
Quelle: kathpress