
Österreichs Bischöfe rufen zu Hoffnung und Gemeinsinn auf
Viele Tausend Katholiken haben zu Silvester in den heimischen Domkirchen an den traditionellen abendlichen Jahresabschlussgottesdiensten teilgenommen. Die österreichischen Bischöfe riefen in ihren Predigten zu von christlicher Hoffnung getragener Zuversicht, Gemeinsinn und gesellschaftlichem Engagement auf, gingen aber auch auf die zahlreichen Herausforderungen in Kirche, Politik und Gesellschaft ein. So rief Erzbischof Franz Lackner bei der traditionellen Jahresschlussandacht im Salzburger Dom erneut zum Gebet für Frieden in der Ukraine auf. "Der Krieg ist der Vater der Armut. Es muss uns zuinnerst treffen, wenn so nah bei uns Menschen stets mit der Angst zu Bett gehen, dass ihnen Bomben nicht nur den Schlaf rauben, sondern auch das Leben", mahnte er.
Zuvor beklagte Lackner in seiner Silvesterpredigt unter anderem die "Fragmentierung der Gesellschaft, in der Gemeinsames immer weniger eine Rolle spielt". Überall zeichne sich ein Hang zum Individualismus ab, bei Vereinen und Gemeinschaften, der Politik, aber auch im religiösen Bereich. So werde der weiterhin vorhandene Bezug zu etwas Transzendentem heute in stark individualisierter Form über Ersatzpraktiken befriedigt.
Für die Kirche tue die Erinnerung Not, "dass unser Glaube nicht allein ein Ich-Glaube ist", erinnerte der Salzburger Erzbischof. Schon beim Konzil von Nicäa vor 1.700 Jahren sei formuliert worden "Wir glauben"; und in der Tat, so Lackner, "kommt diesem 'wir' in der Kirche größte Bedeutung zu, es trägt uns als Gemeinschaft durch alle Herausforderungen".
Lackner ging auch auf den Pontifikatswechsel und das noch von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr 2025 ein. Der neue Papst Leo XIV. handle "mit großer Sorgfalt, großer Besonnenheit, bisweilen Zurückhaltung, aber mit Entschiedenheit in Bezug auf den Glauben und seine Herausforderungen in unseren Zeiten", sagte der Bischofskonferenz-Vorsitzende. Dankbar äußerte sich der Salzburger Erzbischof auch über das zu Ende gehende Jubiläumsjahr, das unter dem Leitwort "Pilger der Hoffnung" stand.
Glaube und Werke gehörten untrennbar zusammen, betonte er. Heilig sei das Jahr daher auch durch das viele Gute gewesen, das in der Kirche für Arme, Kranken und heimatlos Bedrängten getan worden sei. "Unsere Gemeinschaft, mögen manche einwenden, ist in diesem Jahr erneut kleiner geworden - doch sie verliert dadurch nicht an Wichtigkeit. Wir haben in der Kirche wirklich heiligmäßige Mitarbeitende, die Not sehen und bereit sind zu helfen. Ihr vielen Helfenden, ich danke euch aufrichtig!", so Lackner.
Grünwidl: Menschen der Hoffnung sein
Im Wiener Stephansdom feierte Josef Grünwidl am Mittwochabend erstmals als ernannter Erzbischof die Vesper zum Jahresschluss. In seiner Silvesterpredigt rief er dazu auf, 2026 "nicht als Unheilspropheten und Schwarzseher unterwegs zu sein, sondern als Menschen der Hoffnung, als Menschen guten Willens, die bereit sind, sich zu beteiligen und einen Beitrag für das Miteinander für Versöhnung und Frieden zu leisten".
Seine Vision für Österreich sei das Miteinander statt eines Gegeneinanders der Menschen, betonte Grünwidl. "Lassen wir uns nicht auseinanderdividieren", wandte sich der künftige Erzbischof von Wien gegen ein Ausspielen von Jung und Alt, Österreichern und Ausländern, Reichen und Armen, Christen und Andersgläubigen. "Ein Miteinander in Solidarität und Frieden können wir nur gemeinsam umsetzen. Die Probleme und Herausforderungen unserer Zeit können nur bewältigt werden, wenn jede und jeder Einzelne erkennt, auf mich, auf uns kommt es an. Nicht als Zuschauer, die von außen alles kritisieren und besser wissen, sondern als Beteiligte, die sich engagieren."
In allen verständlichen Sorgen und Zukunftsängste angesichts von Krisen, Probleme und Herausforderungen der Zeit gelte es, bewusst das Gute im Leben wahrzunehmen, sich darüber zu freuen und dafür zu danken, forderte Grünwidl auf. "Ich bin überzeugt, da fällt uns allen vieles ein. Liebe Menschen, Beziehungen, die uns Halt geben und tragen, Begegnungen, Erlebnisse, unsere Erfolge im vergangenen Jahr, positive Überraschungen. Es gibt so vieles, das gut ist und gut geht und von uns oft gar nicht mehr wahrgenommen wird."
Glettler: "Nähe macht uns menschlich"
"Worin besteht das Glück und was zählt in einer bedrängten und von toxischer Gereiztheit getränkten Zeit?" Diese Frage beantwortete auch Bischof Hermann Glettler zum Jahresschluss im Innsbrucker Dom unter anderem mit dem Hinweis auf die nötige Empathie und Solidarität unter den Menschen. "Nähe macht uns menschlich", sagte Glettler und rief dazu auf, "mit Überzeugung und Herzblut für ein größeres Wir zu kämpfen".
Die Menschen bräuchten einander, um die Spannung von Besorgnis und Zuversicht im Leben auszuhalten und zu bestehen, so der Bischof, und: "Abgesehen davon bleibt ein entscheidender Schlüssel in jeder anspruchsvollen Lebensphilosophie die Dankbarkeit. Sie lässt uns trotz allem die konstruktiven und liebevollen Momente des Lebens wahrnehmen, die - Gott sei Dank - immer noch viel zahlreicher sind als alle zerstörerischen Gewaltakte zusammen."
Zur Hoffnung in einer "in unzählige Turbulenzen verstrickten Welt" verwies Glettler auf Robert Schuman (1886-1963), einen der Väter der europäischen Einigung. Der französische Staatsmann sei als bekennender Christ überzeugt gewesen, dass die Einheit Europas auch nach zwei Weltkriegen und deren fatalen Verwüstungen möglich sei. Diese Ermutigung brauche es auch heute, sagte der Innsbrucker Bischof: "Wir dürfen nicht zwischen den globalen Mächten und deren egomanen Dealmakern aufgerieben werden. Und im Inneren der Gemeinschaft nicht den nationalistischen Tendenzen Raum geben", so Glettler.
Ein Dauerauftrag bleibt aus Sicht des Innsbrucker Bischofs die von Papst Leo XIV. oft genannte "Entwaffnung des eigenen Herzens" und eine kompromisslose Orientierung an der Person des "armen Christus". Glettler erinnerte diesbezüglich daran, dass 2026 der 800. Todestag des Heiligen Franz von Assisi begangen wird. Wolle man den "Poverello" wirklich feiern, müsse man neben dem Einsatz für die Armen auch "mit einer neuen Ernsthaftigkeit die ökologischen Herausforderungen angehen", mahnte der Bischof.
Krautwaschl: "Vieles aus den Fugen geraten"
Im Zusammenleben der Gesellschaft sei in den vergangenen Jahren "vieles aus den Fugen geraten", betonte Bischof Wilhelm Krautwaschl bei der Jahresschluss-Vesper im Grazer Dom. Menschen würden auseinander und in die Vereinzelung getrieben, und "eher Macht verteidigt, statt das Gemeinsame zu suchen bzw. sich am gemeinsamen Ziel zu orientieren", mahnte der Bischof am Silvestertag zu mehr Einsatz für ein gutes Miteinander.
Ausdrücklich rief Krautwaschl, der auch österreichischer "Medienbischof" ist, unter anderem zum Bemühen um eine "entwaffnende Sprache" auf. Bildungseinrichtungen, Medienhäuser und digitale Plattformen seien hierbei "genauso gefordert, wie jede und jeder einzelne von uns", sagte der steirische Bischof. Die wahre Stärke nicht nur der Christen bestehe nicht in "verbaler Dominanz", sondern in einer "Verletzlichkeit des Zuhörens" und dem Mut zum Ansprechen der Wahrheit.
Die Gläubigen forderte Krautwaschl zudem auf, die Grundsätze des Christentums wieder neu kennen- und tiefer einschätzen zu lernen, den Glauben zu leben und auskunftsfähig über den Kern der eigenen Religion zu werden. "Vieles von dem, was uns auszeichnet und was uns als Schätze unseres Glaubens erhalten ist, können wir nicht mehr nur einfach als Kulturgut weitergeben", hielt der Bischof fest, und: "Uns bloß auf gesetzliche Absicherungen zu verlassen oder darüber zu lamentieren, dass es auch Menschen gibt, die einer anderen Religion angehören oder keiner religiösen Weltanschauung anhängen, reicht in einer globalen Welt nicht."
Gleichzeitig gelte es, "Gott Gott und damit die Welt Welt sein zu lassen". Schon zu Zeiten der Geburt Christi habe es Flucht, Armut, Unterdrückung und Verunsicherung der Menschen gegeben. "Situationen also, die uns heute in anderer Ausgestaltung auch bekannt sind", nannte Krautwaschl etwa Krieg und Terror sowie Fragen rund um die Herausforderungen des Klimawandels. "Unser Glaube hilft uns, alledem mit wachem Geist entgegenzutreten und uns zu engagieren, eben weil wir nicht selbst uns in den Mittelpunkt stellen, sondern Gott", erinnerte der Bischof: "Weil wir um Gott wissen, können wir die Sorgen unbeschwerter betrachten, ohne uns all dem zu verschließen."
Marketz: Hoffnung verwirklicht sich in Taten
Die Diözese Gurk feierte beim Jahresschlussgottesdienst mit Bischof Josef Marketz im Klagenfurter Dom zu Silvester gleichzeitig den Abschluss des Heiligen Jahres 2025. Die von Kriegen, Unsicherheiten, persönlichen Sorgen, Müdigkeit und Polarisierungen geprägten vergangenen zwölf Monate seien für viele Menschen keine leichten gewesen, sagte Marketz in der Predigt. In eine herausfordernde Situation hinein habe Papst Franziskus ein Heiliges Jahr unter dem Motto "Pilger der Hoffnung" ausgerufen. "Dieses Jahr der Hoffnung wollte uns nicht sagen: 'Alles wird gut', sondern vielmehr: 'Gott ist da, auch wenn nicht alles gut ist'", betonte der Kärntner Bischof. Christlich verstandene Hoffnung sei nämlich "keine Verdrängung der Realität, sondern die Weigerung, die Realität ohne Gott zu betrachten".
Hoffnung bleibe auch nicht abstrakt. "Sie will Gestalt annehmen in Taten, Begegnungen, Solidarität", sagte Marketz. Deshalb sei das Heilige Jahr in der Diözese Gurk nicht nur gefeiert, sondern in vielen Projekten und Initiativen konkret gelebt worden. Gleichzeitig verwies der Kärntner Bischof darauf, dass "nicht unsere Erfolge das Fundament der Hoffnung sind, sondern Christus selbst, das menschgewordene Wort". Hoffnung lasse sich nicht abschließen; entsprechend ende zwar das Heilige Jahr, aber nicht die Gegenwart Gottes, erinnerte Marketz: "Wir gehen nicht hoffnungslos ins neue Jahr, sondern hoffnungsvoll, weil wir nicht allein gehen."
Elbs: Christliche Hoffnung ist nicht blind für das Leid
Hoffnung als die "vielleicht wichtigste Haltung, die wir heute pflegen können", betonte auch der Vorarlberger Bischof Benno Elbs zum Jahreswechsel. In einer Zeit, in der das Vertrauen in die Demokratie bröckle, Radikalisierung und Polarisierung das Feld bestimmten, Opfer von Kriegen als Kriegstreiber diffamiert und auch bisher als stabil und unerschütterlich geltende politische Allianzen und Bündnisse plötzlich brüchig würden, treffe das Heilig-Jahr-Motto "Pilger der Hoffnung" den "Nerv unserer Zeit", sagte Elbs beim Jahresdankgottesdienst im Feldkircher Dom. Christinnen und Christen seien in einer solchen Situation als "Hoffnungsboten" gefragt, die nach dem Vorbild Jesu "Worte der Hoffnung weitersagen, Orte der Hoffnung schaffen und mit Taten der Hoffnung anderen Menschen Freude und Zukunft schenken".
Hoffnung weite den Blick und helfe, auch die größten Lasten des Lebens zu tragen: am Kranken- oder Sterbebett, in Trauer und Verzweiflung und "in all den schwierigen Momenten, in denen wir nicht mehr weiterwissen". Dabei sei christliche Hoffnung nicht blind für das Leid in der Welt, hob der Feldkircher Diözesanbischof hervor. "Aber sie vertraut darauf, dass jedes gute Wort, jede helfende Geste und jede aufrichtige Begegnung ein Stück Veränderung bewirken kann."
Hoffnung zeige sich im Tun, betonte auch Elbs - sei es in der Aufmerksamkeit für die Einsamen, in der Versöhnung nach einem Streit oder in der Beharrlichkeit, sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen. "Christliche Hoffnung ist kein leeres Wort, sondern eine Haltung, die unser Leben prägt und sich auf andere auswirkt", sagte der Bischof.
Quelle: kathpress