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Josef Grünwidl
Kathpress/Paul Wuthe

Grünwidl: "Meine Vision für 2026: miteinander, nicht gegeneinander"

Ernannter Wiener Erzbischof in ORF-Silvesteransprache aus dem Wiener Stephansdom: "Es kommt auf uns alle an, denn jeder von uns kann in seinem Gestaltungs- und Einflussbereich etwas beitragen, dass die große Vision des Miteinanders Wirklichkeit wird"

31.12.2025

Mit einem Aufruf zu einem neuen Miteinander im Jahr 2026 hat der designierte Wiener Erzbischof Josef Grünwidl in seiner ersten ORF-Silvesteransprache aufhorchen lassen. "Die Vision für 2026 soll für uns alle heißen: miteinander, nicht gegeneinander. Nicht Junge gegen Alte, Österreicher gegen Ausländer und auch nicht Christen gegen Andersgläubige, sondern nur gemeinsam und miteinander werden wir Krisenzeiten bewältigen und Probleme gut lösen können", sagte Grünwidl in seiner am Silvesterabend in ORF 2 ausgestrahlten Ansprache aus dem Wiener Stephansdom. Jeder könne etwas zu diesem neuen Miteinander beitragen: "Es kommt auf uns alle an" - sei es in der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein oder im Ehrenamt. "Das neue Jahr soll ein Jahr des Miteinanders werden."

 

Die Ansprache im Wortlaut

In den letzten Stunden des zu Ende gehenden Jahres begrüße ich Sie sehr herzlich hier aus dem Wiener Stephansdom, und ich lade ein zu einem kleinen geistlich-spirituellen Rückblick auf das Jahr 2025 und Ausblick auf 2026:

Ein erster Gedanke: Am 6. Jänner wird Papst Leo in Rom die Heilige Pforte schließen, das Heilige Jahr der katholischen Kirche wird beendet. Es stand unter dem Motto "Pilger der Hoffnung". Aber auch wenn das Heilige Jahr zu Ende geht: Das Motto bleibt aktuell, besonders auch für 2026. Pilgern heißt ja: Ich bin unterwegs im Vertrauen, dass Gott mich begleitet und führt. Laut einer Umfrage glaubt nur jeder Fünfte in Österreich, dass es ein gutes Jahr wird. Nur wenige schauen optimistisch und hoffnungsvoll nach vorne. Der Großteil schaut sorgenvoll, vielleicht sogar mit Zukunftsängsten ins Jahr 2026.

Für mich als Christen ist es wichtig, mir bewusst zu machen: Am 1. Jänner beginne ich nicht bei Null, ich stehe nicht da mit leeren Händen und ich schleppe auch nicht nur die Probleme und Sorgen des Altjahres mit ins neue Jahr, sondern ich darf beginnen mit einer großen Zusage Gottes. Wir haben zu Weihnachten gefeiert, dass die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen ist. Das Fest der Geburt des Herrn ist ja nicht nur der Anfang einer neuen Zeitrechnung, sondern auch ein positives Vorzeichen für unseren Lebensweg und für das Jahr 2026. Ich wünsche uns allen, dass es gelingt, das neue Jahr als ein Jahr der Güte, der Menschenfreundlichkeit und der Hoffnung zu gestalten.

Ein zweiter Gedanke: 2025 war nicht nur ein Heiliges Jahr für die Weltkirche, sondern für uns in Österreich auch ein trauriges Gedenkjahr: Im April 1945, also vor 80 Jahren, stand der Stephansdom in Flammen; das Dach ist abgebrannt und auch im Inneren des Domes gab es verheerende Brandschäden. Der Wiederaufbau des Domes war ein gemeinsamer Kraftakt: Alle Bundesländer haben mitgeholfen und dazu auch sehr viele sogenannte "Kleine Leute" mit ihren Spenden. Legendär ist die Dachziegel-Aktion, bei der man einen oder mehrere bunte Dachziegel für das Dach des Domes spenden konnte.

Für mich ist der wiederaufgebaute Stephansdom ein Stein gewordenes Hoffnungszeichen für das Miteinander und auch für den Glauben der Menschen in Österreich. Und dieser wiederaufgebaute Dom zeigt mir, was möglich ist, wenn viele sich von einer gemeinsamen Vision leiten lassen und dazu auch einen Beitrag leisten wollen.

Die Vision für 2026 soll für uns alle heißen: miteinander, nicht gegeneinander. Nicht Junge gegen Alte, Österreicher gegen Ausländer und auch nicht Christen gegen Andersgläubige, sondern nur gemeinsam, miteinander werden wir Krisenzeiten bewältigen und Probleme gut lösen können. Es ist immer leicht zu sagen, die anderen sollten doch, die Regierung könnte, die in Brüssel müssten doch... - oder vielleicht auch: der neue Papst oder der neue Wiener Erzbischof, die sollten doch endlich... Ja sicher, aber das ist zu wenig!

Es kommt auf jeden und jede einzelne an. Es kommt auf uns alle an, denn jeder von uns kann in seinem Gestaltungs- und Einflussbereich etwas dazu beitragen, dass die große Vision des Miteinanders Wirklichkeit wird. In der Familie, am Arbeitsplatz, in einem Verein, im ehrenamtlichen Engagement, es gibt so viele Möglichkeiten. Das neue Jahr soll auch ein Jahr des Miteinanders werden.

Und mein dritter und letzter Wunsch: Das neue Jahr soll ein gesegnetes Jahr werden! Als am Tag nach dem Dombrand Menschen hier hereinkamen, fanden sie in den rauchenden Schuttbergen einen aus Holz geschnitzten Christuskopf, der vom gotischen Lettnerkreuz, das leider verbrannt ist, heruntergefallen und unbeschädigt geblieben ist. Das Lettnerkreuz hängt jetzt wieder im Dom. Es wurde rekonstruiert. Der Christuskopf ist original. Er hängt hoch über den Köpfen der Besucher des Domes und schaut segnend auf uns herab.

Und das ist mein Wunsch für 2026: dass wir alle darauf vertrauen können, ein guter Gott begleitet uns und schaut auf uns - auch in Katastrophen und Krisenzeiten, auch wenn es eng wird im Leben. 2026 wird gut werden, wenn wir nicht als Unheilspropheten und Schwarzseher unterwegs sind, sondern als Menschen Menschenfreundlichkeit, Güte und Hoffnung ausstrahlen; wenn wir nicht Beobachter oder Zuschauer bleiben, sondern Beteiligte werden und uns einbringen - jeder und jede am je eigenen Platz und nach den Möglichkeiten. Ich wünsche Ihnen allen ein frohes, ein friedliches und gesegnetes neues Jahr.

 

Grünwidl nutzte seine Ansprache für einen Rück- und Ausblick aus kirchlicher Perspektive. So bleibe auch im neuen Jahr das Motto des ausklingenden Heiligen Jahres - "Pilger der Hoffnung" - aktuell: Schließe besage es, dass man im Leben mit Vertrauen und Hoffnung unterwegs sei; gerade angesichts jüngster Umfragen, denen zufolge nur jeder Fünfte in Österreich glaube, dass 2026 ein gutes Jahr werde, seien Botschaften der Hoffnung wichtig. Der Advent und Weihnachten, mit denen das Kirchenjahr beginnt, seien solche Botschaften der Hoffnung, die dem Leben ein "positives Vorzeichen" geben könnten. "Ich wünsche uns allen, dass es gelingt, das neue Jahr als ein Jahr der Güte, der Menschenfreundlichkeit und der Hoffnung zu gestalten".

 

Zuversicht schenke ihm auch der Blick zurück in die Geschichte. So traurig etwa der Brand des Stephansdomes vor 80 Jahren gewesen sei, so sehr zeuge der "gemeinsame Kraftakt" aller Österreicherinnen und Österreicher zum Wiederaufbau davon, was alles möglich ist, wenn man gemeinsam anpacke. Grünwidl: "Für mich ist der wiederaufgebaute Stephansdom ein Stein gewordenes Hoffnungszeichen für das Miteinander und auch für den Glauben der Menschen in Österreich. Und dieser wiederaufgebaute Dom zeigt mir, was möglich ist, wenn viele sich von einer gemeinsamen Vision leiten lassen und dazu auch einen Beitrag leisten wollen."

 

So sei er überzeugt, dass 2026 allen Unkenrufen zum Trotz ein gutes Jahr werde, "wenn wir nicht als Unheilspropheten und Schwarzseher unterwegs sind, sondern als Menschen Menschenfreundlichkeit, Güte und Hoffnung ausstrahlen; wenn wir nicht Beobachter oder Zuschauer bleiben, sondern Beteiligte werden und uns einbringen - jeder und jede am je eigenen Platz und nach den Möglichkeiten."

 

 

Quelle: kathpress

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