
Druck, Klima, Ohnmacht: Pastoraltagung zu Jugend und Verwundbarkeit
Die psychische Verwundbarkeit von Kindern und Jugendlichen, die Folgen der Klimakrise sowie gesellschaftliche Reaktionen auf Ohnmacht und Verunsicherung sind am Donnerstagvormittag bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg thematisiert worden. Vorträge aus Psychologie, Sozialethik und Philosophie beleuchteten Erfahrungen aus der Telefonseelsorge, dem Klimaengagement sowie ethische Grundfragen im Umgang mit Verletzlichkeit. Der Tenor: Menschen könnten - egal ob alt oder jung - die eigene Verletzlichkeit nur schwer zeigen. "Opfer sein", werde bis heute eher als Abwertung und Schimpfwort verstanden anstatt als Konstante des Lebens, das von Verletzlichkeit und Verwundbarkeit geprägt sei.
Als einen "safe space" für die Ängste, Sorgen und Probleme von Kindern und Jugendlichen stellte "kids-line"-Leiterin Katja Schweitzer die Chat- und Telefonberatung der Salzburger Telefonseelsorge vor. Pro Jahr verzeichnet die kids-Line mehr als 40.000 Chatberatungen sowie über 10.000 Telefonate. Thematisch gehe es darin häufig um Freundschaften, Einsamkeit, schulische Probleme oder Suizidgedanken.
Das anonyme und vertrauliche Chatangebot werde von Kindern und Jugendlichen besonders stark genutzt und sei niederschwelliger als telefonische Beratung, erklärte Schweitzer. Es sei eine Möglichkeit für junge Menschen, über ihre Ängste und Traumata zu sprechen. Generell ortete die Notfall-Psychologin eine Tendenz zur Selbstoptimierung und dazu, "etwas darzustellen". Verletzlichkeit oder Gefühle seien für junge Menschen eher "heiße Kartoffeln", so Schweitzer.
Der Chat werde von den jungen Hilfesuchenden als geschützter Raum erlebt, in dem Nähe entstehen könne, ohne als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Für manche sei es dadurch erstmals möglich, belastende Erfahrungen zu formulieren. Viele hätten zudem Angst, dass ihnen nicht geglaubt oder ihre Sorgen bagatellisiert würden. "Die Beratung zielt darauf ab, wieder leichter leben zu können", auch wenn Beraterinnen und Berater nichts an der konkreten Situation der Kinder und Jugendlichen ändern könnten, so Schweitzer.
Jesuit Alt: Handlungsbereitschaft nimmt nicht zu
Auf die Folgen einer fehlenden Selbstwirksamkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen wies der Jesuit, Umweltaktivist und Sozialethiker P. Jörg Alt hin. So wirke sich nicht nur Klimawandel als zunehmende psychische Belastung für Jugendliche aus, sondern auch das Gefühl der Hilflosigkeit. Als Konsequenz verspürten Jugendliche verstärkt Erschöpfung, Depression oder Rückzug.
Zwar bestehe grundsätzlich Bereitschaft, sich zu engagieren, politischer Aktivismus - etwa im Umfeld von "Fridays for Future" - spiele jedoch nur noch für einen kleineren Teil eine Rolle, so Alt. Klimaangst und der Wunsch nach einer sozial-ökologischen Transformation sei nicht mehr so präsent wie vor der Corona-Pandemie. Bei Erwachsenen herrsche zudem eher eine "so schlimm wird es ja nicht"-Attitüde vor. "Die Handlungsbereitschaft nimmt nicht zu", so Alt, der online zur Tagung zugeschaltet war.
Zugleich nehme die Skepsis gegenüber demokratischen Modellen zu; vereinzelt komme es gar zur Radikalisierung aus dem Gefühl der Vergeblichkeit heraus. Der Jesuit nahm hier Bezug auf die jüngsten Anschläge auf das Berliner Stromnetz. Alt berichtete zudem von eigenen Erfahrungen bei der Begleitung von Straßenblockaden junger Klimaaktivistinnen und -aktivisten sowie seiner Haftstrafe. Unterstützung habe er zudem vonseiten des Jesuitenordens und des Provinzials erhalten, auch wenn sein ziviler Ungehorsam auch ordensintern kontrovers diskutiert worden sei.
Philosoph: Mensch mehr als Vernunftwesen
Der Innsbrucker Philosoph Martin Huth thematisierte in seinem Vortrag "Register der Verletzlichkeit" grundlegende Fragen einer Ethik der Leiblichkeit. Verletzlichkeit sei in der Philosophie lange wenig beachtet worden, da der Mensch vor allem als Vernunft- oder Bewusstseinswesen verstanden worden sei. Der eigene Körper und die leibliche Angewiesenheit seien häufig mit Scham besetzt, was zu Verdrängung, Schuldzuweisungen oder Abwehrreaktionen führe. Die ungleiche gesellschaftliche Anerkennung von Vulnerabilität zeige sich etwa darin, dass sie bestimmten Gruppen leichter zugeschrieben werde als anderen. Konkret nannte Huth Tiere oder Menschen mit Behinderungen; schwieriger sei es bei Obdachlosen oder Suchterkrankten, letztere seien gesellschaftlich an ihrer Verwundbarkeit "selbst schuld". Zugleich betonte Huth, Verwundbarkeit sei nicht nur Defizit, sondern ermögliche Lernen, Sensibilität und Verantwortung gegenüber anderen.
Quelle: kathpress