
Polak: Christsein geht nicht ohne Bezug zum Judentum
Christsein geht nicht ohne Bezug zum Judentum. Das betont die neue Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Prof. Regina Polak, im Interview mit der Kooperationsredaktion der heimischen Kirchenzeitungen. Polak ist Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog an der Universität Wien. Im November wurde sie zur Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit gewählt. Sie äußerte sich anlässlich des "Tages des Judentums", den die Kirchen am 17. Jänner begehen.
Der interreligiöse Dialog sei "nicht nur ein Hobby, sondern eigentlich eine Verpflichtung für Gläubige. Man muss die eigene und die anderen Traditionen gut kennen", so Polak, die betonte, dass intensive Beschäftigung damit viel Freude bereiten könne. Die Theologin erinnere sich etwa an eine Veranstaltung mit einem Rabbiner, "in der wir gemeinsam Texte aus dem Alten Testament interpretiert haben". Es sei sehr bereichernd gewesen, die Fülle der Bedeutungen in den Texten wahrnehmen zu können. In der jüdischen Tradition gebe es eine große Liebe zur Vielfalt der Deutungen, "es hat mir eine enorme Vertiefung des eigenen Glaubens gebracht".
Polak räumte im Interview ein, dass antijüdische Traditionen tief in der Matrix der Kirche und Theologie stecken. Es sei wichtig, "sich dessen bewusst zu sein, damit sich Theologie und Glaube weiterentwickeln". Das Zweite Vatikanische Konzil habe diesbezüglich mit "Nostra Aetate" eine Kehrtwende im Verständnis des Judentums gebracht. Seither seien in dieser Richtung viele weitere Dokumente erschienen, würdigte Polak: "Das katholische Lehramt ist in diesem Punkt weiter als die global vorfindbare Theologie und wird oft zu wenig rezipiert."
Papst Johannes Paul II. könne man in dieser Hinsicht theologisch gar nicht hoch genug einschätzen. Die Kommission des Heiligen Stuhls für die religiösen Beziehungen zum Judentum habe bereits im Jahr 1985 das Dokument "Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche" veröffentlicht. In diesem würden sich grundlegende Punkte finden, weitere Dokumente "in Hülle und Fülle" auf der Vatikan-Homepage vatican.va.
Zunehmender Antisemitismus
Der in Österreich wie auch weltweit zunehmende Antisemitismus bereitet Polak große Sorgen. Die Studie "Was glaubt Österreich?", die ihr Institut 2024 gemeinsam mit dem ORF durchgeführt hat, belege, dass der Antisemitismus quer durch die Gesellschaft zunimmt. Eine Erinnerungskultur sei zum Beispiel nicht gern gesehen. Ganze 40 Prozent seien "dagegen, dass man immer wieder die Tatsache aufwärmt, dass im Zweiten Weltkrieg Juden umgekommen sind".
Am linken und am rechten Rand des politischen Spektrums sei der Antisemitismus besonders stark. "Rechts noch stärker als links, aber auch links." Polak: "Antisemitismus ist wie ein Chamäleon und ändert sein Erscheinungsbild in der Geschichte."
Eine der größten Herausforderungen sei sicher der israelbezogene Antisemitismus. Oft führten Stereotype dazu, dass Israel delegitimiert oder dämonisiert wird oder dass doppelte Standards angelegt werden. Dem hielt Polak entgegen: "Kritik an Regierungsentscheidungen in Israel soll - wie bei anderen Ländern auch - menschenrechtliche, völkerrechtliche oder politische Probleme adressieren, aber nicht das Existenzrecht des Staates Israel infrage stellen."
Im Blick auf eine auch künftig notwendige Erinnerungskultur sagte Polak: "Ich wünsche mir in Österreich ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Geschichte nicht vorbei ist. Nicht für die jüdischen Familien, deren Familien ausgerottet wurden. Und auch nicht für jene Familien, die sich zu wenig damit auseinandergesetzt haben, welche Rolle ihre Vorfahren in der NS-Zeit gespielt haben."
"Lebendiges Netzwerk"
Zur Frage nach den Schwerpunkten des Koordinierungsausschusses bezeichnete die Präsidentin diesen als "lebendiges Netzwerk". Vizepräsidentin Margit Leuthold ist evangelisch, Vizepräsident Willy Weisz jüdisch, Geschäftsführer Yuval Katz-Wilfing Jude. Polak: "Es geht uns um die Erneuerung der Kirchen aus dem Geist des christlich-jüdischen Dialogs. Das betrifft alle Bereiche wie Predigt, Schulen, Religionsunterricht."
Außerdem gehörten die Förderung der sachlichen Kenntnis des Judentums, die Auseinandersetzung mit christlicher Judenfeindschaft in der Geschichte, das Wachhalten der Erinnerung an die Schoa und die Bekämpfung von Judenfeindschaft bzw. Antisemitismus sowie jeglicher Form des Rassismus zu den Aufgaben des Koordinierungsausschusses. Fazit: "In unserer Arbeit stecken viele Möglichkeiten, nicht nur das Judentum, sondern durch den Dialog auch den eigenen christlichen Glauben besser kennenzulernen und zu vertiefen." Der Koordinierungsausschuss feiert 2027 sein 75-Jahr-Jubiläum.
Um die Verbindung zwischen Christentum und Judentum bewusster zu machen, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich im Jahr 2000 den 17. Jänner als "Tag des Judentums" eingeführt. An vielen Orten in Österreich gibt es Veranstaltungen und Gottesdienste zum "Tag des Judentums". Es ist der Auftakt zur "Gebetswoche für die Einheit der Christen" (18. bis 25. Jänner).
Quelle: Kathpress