"Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz"
Josef Grünwidl ist am Samstag im Stephansdom von Kardinal Christoph Schönborn und zahlreichen weiteren Bischöfen durch Handauflegung zum 33. Erzbischof von Wien geweiht worden. In der Predigt vor der Weihe wünschte Kardinal Schönborn dem neuen Erzbischof ein "hörendes Herz" und die "Gabe der Weisheit und Unterscheidung". Die Bischofsweihe verleihe keine weltliche Regierungsvollmacht und keinen entsprechenden Auftrag, sehr wohl aber den Auftrag, die Gemeinschaft der Gläubigen der Erzdiözese Wien zu leiten. Kathpress dokumentiert im Folgenden den Wortlaut der Predigt von Kardinal Schönborn:
Liebe Familie Grünwidl! Sehr geehrter Herr Bundespräsident, hochwürdigster Herr Apostolischer Nuntius, sie alle, Schwestern und Brüder hier im Dom und über ORF und radio klassik Stephansdom verbunden, lieber Josef!
Du hast bewusst die erste Lesung ausgewählt. Sie sagt viel über das, was du von Gott für deinen Dienst als Bischof erbittest. Eines steht klar in der Mitte: die Bitte: '"Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz". Was ist ein hörendes Herz? Wozu erbittest du es von Gott? Salomon, der König von Israel, erbittet es, "um dein Volk zu regieren". Die Bischofsweihe gibt dir, Josef, keine weltliche Regierungsvollmacht und keinen entsprechenden Auftrag, sehr wohl aber den Auftrag, die Gemeinschaft der Gläubigen der Erzdiözese Wien zu leiten. Es war genau diese Aufgabe, die dich erschreckt hat, so dass du dem Papst durch den Apostolischen Nuntius mitgeteilt hast, du seist bereit, einstweilen Administrator zu sein, aber nicht Erzbischof zu werden. Die Aufgabe schien dir einfach zu groß, zu vielfältig. Dein Nein war klar, und ebenso klar war es, dass du dieses Amt, zu dem du heute die Weihe empfängst, wirklich nicht angestrebt hast.
Mich hat das an unseren gemeinsamen Anfang erinnert, als ich 1995 dieses Amt übernahm, in dem du mir heute nachfolgst. Ich hatte dich damals gebeten, mein Sekretär zu werden, wozu du Ja gesagt hast. Nach drei Jahren hast du mich dringend gebeten, in die Pfarrseelsorge zurückgehen zu dürfen. Du wolltest bei den Leuten sein. Eines ist sicher: An einer kirchlichen "Karriere" hattest du kein Interesse. So habe ich dich zuerst zum Pfarrer von Kirchberg am Wechsel ernannt. Bald schon hattest du drei weitere Pfarren dazu. Schließlich habe ich dir die große Pfarre Perchtoldsdorf anvertraut. Ein Vierteljahrhundert warst du sozusagen einfacher Pfarrer. Was ein hörendes Herz für dich bedeutet, das bezeugen so viele Menschen aus den Pfarren, in denen du tätig warst. Zwei Jahre lang hast du als mein Vikar dann den ganzen Süden der Erzdiözese Wien mitgeleitet, bis Papst Franziskus dich vor einem Jahr zum Administrator ernannt hat.
Ein hörendes Herz hört auf dreierlei: auf Gott, auf das eigene Gewissen, auf die Menschen. Mich hat beeindruckt, wie klar und entschieden du auf dein Gewissen gehört hast. Es hat Nein zum Bischofsamt gesagt. Das hast du auch als Gottes Wort an dich gehört. Du hast aber auch auf Menschen gehört. Viele haben dich gebeten: "Josef, bitte sage Ja, wenn du gerufen wirst!" So kam es, dass dein klares Nein einer inneren Bereitschaft gewichen ist. Als Papst Leo dich ernannt hat, hast du, wie du sagtest, "aus ganzem Herzen Ja gesagt". Ein Wort von dir hat mich beeindruckt: "Gott braucht mich nicht perfekt, sondern verfügbar".
Wozu erbittet König Salomon ein "hörendes Herz"? Um sein Volk gut zu regieren. Was braucht er dazu? Dass er das "Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht". Er bittet um die Gabe der Unterscheidung! Nach 30 Jahren im bischöflichen Dienst kann ich sagen, dass das bei weitem die wichtigste Gabe in jedem Amt der Leitung ist, von den Eltern ihren Kindern gegenüber bis zu allen Formen von Leitung. Man nennt diese Gabe auch Weisheit. Gott verspricht König Salomon ein "weises und verständiges Herz". Und das erbitten wir auch dir, lieber Erzbischof Josef.
Ich will dir und uns allen nicht viele Ratschläge mitgeben, zumal ich selber nicht immer auf solche genügend gehört habe. Drei sind mir trotzdem besonders wichtig:
Höre auf die Menschen, die dir ehrlich die unangenehmen Dinge sagen! Wenn dem "Chef" nur "gute Nachrichten" gemeldet werden, ist der Schmeichelei Tür und Tor geöffnet!
Habe ein hörendes Herz für die sogenannten "einfachen Menschen". Als langjähriger Pfarrer hast du das gelebt. Deshalb haben mir so viele Menschen von dir als Mensch und Priester gesprochen. Du hast so viele begleitet, wirklich von der Wiege bis zur Bahre. Sie haben gespürt, dass du sie magst.
Theresia von Avila hat gesagt: "Ob wir Gott lieben, den wir nicht sehen, kann man nicht sicher sagen, aber ob wir den Nächsten lieben, das merkt man". Man merkt es untrüglich, ob wir füreinander Wertschätzung haben.
Lieber Josef! Der Herr hat dir die Gabe der klaren, kurzen, ansprechenden Predigt geschenkt. Dafür haben dir deine Gemeinden immer gedankt. Deine Gabe kommt nicht von irgendwo. Sie ist geschult an dem, was wir durch das Evangelium lernen können. Jesus war und ist ein unvergleichlicher Prediger. Er spricht einfach, lebensnahe, berührend und anspruchsvoll ansprechend.
Du hast dir die Worte des Paulus zu eigen gemacht, der heute in der Lesung sagt, er habe den Auftrag, den Menschen "mit dem Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi zu verkünden". Das tust du in einfachen, klaren Worten, aus denen man spürt, dass der Reichtum des Evangeliums Jesu dein eigenes Herz erreicht und erfüllt hat.
Das wiederum hat damit zu tun, dass das Wort des heutigen Evangeliums für dich der tragende Grund deines Lebens ist: das, was Jesus dir geschenkt hat: "Ich habe euch Freunde genannt." Dass du den Weg gegangen bist, der dein Lebensweg geworden ist, hat damit zu tun, dass du ein hörendes Herz hattest und hast für den, der gesagt hat: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt". Diese Bitte Jesus machen wir heute zur Bitte für dich. Amen.
Quelle: kathpress