
Olympiakaplan: Nach einem Sturz wiederaufzustehen ist urchristlich
Wie nah Freud und Leid im Sport beieinanderliegen, zeigt sich gerade bei den Olympischen Winterspielen: Österreichs Team hat bereits zwölf Medaillen geholt und auch die eine oder andere Enttäuschung erlebt. Überschattet wurden die Wettkämpfe allemal vom Ausschluss des ukrainischen Skeletonis Wladislaw Heraskewytsch und dem schweren Sturz Lindsey Vonns, der auch am österreichischen Team nicht spurlos vorüberging, wie Olympiaseelsorger Johannes Lackner im Kathpress-Interview am Freitag sagte. Der Unfall sei tragisch, aber Vonns Umgang mit der Tragödie vorbildhaft. "Sie hat gesagt, so ist das Leben, es geht weiter."
Im Leben könne man nicht immer nur gewinnen, "man muss wieder aufstehen. Das lehrt uns der Glaube und ist ja etwas Urchristliches. Jesus hat den Tod besiegt und ist am dritten Tag wiederauferstanden", fuhr der Olympiakaplan fort. "Es tut mir sehr leid für die Ausnahmeathletin. So ein Unfall macht uns alle betroffen - ob Konkurrentin oder Freundin." Der Respekt vor der Leistung anderer stehe im Zentrum von Olympia, betonte der Seelsorger. Zudem zeige sich die wahre Größe im Sport wie auch im Glauben nicht darin, ob man gewinnt oder verliert, sondern wie man mit Niederlagen umgeht.
Fingerrosenkränze
Der Glaube helfe, mit Niederlagen umzugehen, und gebe Kraft, im harten Wettkampf zu bestehen, sagte Lackner, der an die österreichischen Athletinnen und Athleten Fingerrosenkränze austeilte. "Sie sollen ihnen eine Erinnerung sein, dass Gott sie, ob Niederlage oder Sieg, bedingungslos liebt." Gerade bei den olympischen Wettkämpfen spiele der Glaube eine zentrale Rolle. "Bei einem Wettbewerb, der nur alle vier Jahre stattfindet und bei dem es auf diesen einen Tag besonders ankommt, rufen die Sportlerinnen und Sportler alle möglichen Kraftquellen an, und für viele ist das eben Gott."
Das mache sich auch im österreichischen Team bemerkbar, erzählte Lackner. "Nach seinem Goldsieg im Riesentorlauf hat Benjamin Karl ein Kreuzzeichen gemacht." Karl Ziesler, der Papa von Conny Hütter, habe "fest" für sie gebetet und ein Kerzerl für sie angezündet. "Sie hat sich so oft zurückgekämpft und jetzt im letzten Rennen Bronze gewonnen - dieser Erfolg ist das Zeichen dafür, dass man nie aufgeben sollte", freute sich Lackner über den Erfolg Hütters und mit allen anderen Olympiagewinnern. Im Österreich-Haus in Cortina werde ausgelassen gefeiert, verriet Lackner augenzwinkernd. "Wir haben ein tolles offenes Team. Ich bin ein großer Fan und bleibe bei meiner ersten Prognose: 18 Medaillen - sowie bei den Winterspielen in Peking 2022 - holen wir sicher."
"Grenzfall" Heraskewytsch
Neben aller Freude über die Erfolge des österreichischen Teams hat den Olympiakaplan der Ausschluss des ukrainischen Skeletonfahrers Heraskewytsch nachdenklich gestimmt. Der 27-Jährige wurde am Donnerstag und Freitag im Eiskanal von Cortina ausgeschlossen, da er darauf bestand, den Helm mit 20 Porträts von im russischen Angriffskrieg getöteten ukrainischen Sportlerinnen und Sportlern zu tragen. Das IOC sah darin einen Verstoß gegen die Olympische Charta, die politische Meinungsäußerungen im Wettbewerb untersagt.
"Ich stehe inhaltlich ganz hinter seinem Anliegen, zeigen zu wollen, wie grausam der Krieg ist, wie viel Leid er verursacht. Ich kann aber auch die Entscheidung des IOC nachvollziehen", erklärte Lackner. Es sei wichtig, politische Konflikte nicht in den Wettkampf mitzutragen. Auch religiöse Zeichen dürften nicht getragen werden.
Gleichzeitig seien die Olympischen Spiele nie völlig politisch neutral, so der Olympiakaplan weiter: "Die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, internationale Verständigung und Frieden zwischen den Völkern - das steckt hinter dem sogenannten olympischen Gedanken, inspiriert vom Dominikanerpater Henri Didon." So stehe auch das Entzünden des olympischen Feuers für ein Licht- und Hoffnungszeichen in einer Welt, die durch Kriege dunkel geworden sei.
Der Fall von Heraskewytsch, der zuvor in mehreren Trainingsläufen bereits mit dem Helm gefahren war, sei ein Grenzfall, sagte Lackner. Der Sportler habe betont, der Helm sei eine Hommage an seine Kollegen und Kolleginnen. "Insofern stellt sich die Frage, ob der Helm eine direkte politische Botschaft darstellt oder nicht auch als Gedenken verstanden werden muss. Es ist wichtig, an die Schrecken zu erinnern und die Toten nicht zu vergessen." Das IOC habe sich die Entscheidung aber sicher nicht leicht gemacht, so Lackner. Die Dachorganisation hatte Heraskewytsch als Kompromiss auch angeboten, anstatt des Helms ausnahmsweise einen Trauerflor am Arm zu tragen. Die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry vergoss Tränen über die Entscheidung.
Quelle: kathpress