
Theologin: Integralismus ist Gefahr für Demokratie und Kirche
Als eine "Gefahr für Demokratie und Kirche" hat die Innsbrucker Theologin Prof. Michaela Quast-Neulinger den Integralismus bezeichnet. Dieser stelle eine "Machtideologie" dar, die darauf ziele, die Gesamtheit des öffentlichen und privaten Lebens der katholischen Kirche zu unterwerfen. Damit stelle der Integralismus eine Spielart einer Politischen Theologie mit einer religiös-totalitären Stoßrichtung dar, führte Quast-Neulinger bei einem Vortrag an der Wiener "Akademie am Dom" aus. Der Integralismus stehe in einem "massiven Widerspruch zur Gesamtheit der katholischen Lehre" und stelle eine "antimodernistische Machtideologie" dar, "die sich eine eigene Version des wahren katholischen Glaubens zurechtzimmert, um auf dieser Grundlage dann ein totalitäres Regime zu errichten".
Die Gruppe, die diese Ideologie vertrete und politisch wie theologisch vorantreibe, sei zwar sehr klein, aber sehr gut vernetzt und verfüge über Kontakte bis in die aktuelle US-Regierung hinein. Dass auch Österreich in diesem Netzwerk eine wichtige Rolle spiele, sah die Theologin am Beispiel des Heiligenkreuzer Zisterziensers P. Edmund Waldstein, sowie der Franziskaner-Hochschule von Steubenville, die in der Kartause Gaming eine Niederlassung unterhält, bestätigt. Eine für die Entwicklung des Neo-Integralismus zentrale Tagung u.a. mit Waldstein, dem US-Rechtswissenschaftler Adrian Vermeule sowie dem Philosophen Thomas Pink fand laut Quast-Neulinger 2012 unter dem Titel "The Idea of Christendom" am International Theological Institute (ITI) in Trumau statt.
Dass der Integralismus, dessen historische Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert und die Zeit des katholischen Antimodernismus zurückreichen, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) wiederkehren und heute erstarken konnte, sei auf den ersten Blick überraschend, so Quast-Neulinger. Schließlich habe das Konzil ihm durch die Anerkennung der Religions-, Meinungs- und Gewissensfreiheit und des Wertes und der Würde anderer Religionen den Boden entzogen. Auch die Absage an totalitäre Herrschaftsformen, an ein Selbstverständnis als "societas perfecta", die Anerkennung der Demokratie und das Bekenntnis zur Kooperation von Staat und Kirche bei gleichzeitiger Trennung der Machtsphären habe dazu beigetragen.
Die Wiederkehr des Integralismus laufe heute über eine dezidiert antiliberale Lesart zentraler Konzilsdokumente wie "Dignitatis humanae" oder auch "Gaudium et spes" und Umdeutungen von Begriffen wie etwa dem Gemeinwohl, führte die Theologin weiter aus. Entfaltet würden sich diese Interpretationen u.a. über die von Waldstein 2014 gestarteten Blog "The Josias" und bei Konferenzen wie etwa einer großen Tagung 2022 in Steubenville/USA, wo u.a. US-Vizepräsident James David Vance eine Rede hielt. Verbindungsperson zwischen Integralismus und der US-Politik bzw. der MAGA-Bewegung sei Gladden Pappin, der - auch das kein Zufall - Präsident des "Hungarian Institute of International Affairs" in Budapest. Schließlich stelle Ungarn unter Viktor Orbán aus integralistischer Sicht eine Art "role model" für das angezielte katholische, "postliberale", von einer starken Herrschergestalt und Exekutive geleitete Staatswesen dar.
So sehr die theologischen Grundannahmen und Schlussfolgerungen abzulehnen seien, so sehr sollte man sie allerdings in ihren politischen Ambitionen ernst nehmen und auch sich immer wieder des eigenen theologischen Bodens versichern, auf dem man steht, so Quast-Neulinger weiter. Dazu zähle etwa die Frage, wie Lehrentwicklungen zu beurteilen sind - Entwicklungen, die die Integralisten in kirchlichen Fragen strikt ablehnen -, aber auch die unbedingte Verteidigung der Erträge des Zweiten Vatikanischen Konzils, d.h. der Religionsfreiheit, der Anerkennung der Würde aller Menschen und die Orientierung an einer "universellen Geschwisterlichkeit".
Quelle: kathpress