
Kirche und Volkshilfe warnen vor Entsolidarisierung und Armut
Armut ist in Österreich kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem: Darin waren sich der Gurker Bischof Josef Marketz und Sozialexpertin Judith Ranftler von der Volkshilfe am Dienstagabend beim KA-Salon "Brot, Wein und Armut" in Wien einig. Bei der Veranstaltung der Katholischen Aktion Österreichs (KAÖ) diskutierten sie mit Moderatorin Katharina Renner (Pfarrcaritas, KAÖ-Vizepräsidentin) über Ursachen, Folgen und notwendige Antworten auf Armut in einem der reichsten Länder der Welt.
Das Dasein der Kirche für arme Menschen liege "in der DNA der Kirche", betonte Marketz. Armut zu bekämpfen und in Not präsent zu sein, gehöre zum Kern christlicher Existenz. Zugleich müsse sich die Kirche auch für strukturelle Armutsbekämpfung einsetzen. In Anlehnung an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehe es darum, nicht nur konkret zu helfen, sondern auch zu fragen, warum jemand "am Straßenrand" liege, so der Kärntner Diözesanbischof.
Kirchliche Organisationen wie auch Sozialverbände müssten ihre Stimme im öffentlichen Diskurs gegen Armut und strukturelle Ungerechtigkeiten erheben, so Marketz, der von 2014 bis 2019 als Direktor des Kärntner Caritasverbands tätig war. Laut Marketz gibt es hierbei Aufholbedarf vonseiten der Bischöfe selbst, die das Thema häufig an Caritas und Katholische Aktion delegieren würden. "Zu viel machen wir nicht", sagte er selbstkritisch. Sparpakete dürften jedenfalls nicht die Ärmsten treffen. Ziel müsse eine Gesellschaft sein, in der Solidarität, Chancengerechtigkeit und ein gutes Leben für alle möglich sind.
Armut bedeute mehr als Geldmangel, betonte Renner. Sie verschließe Zugänge zu Bildung, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe. Eine Benachteiligung ziehe oft die nächste nach sich - etwa wenn chronische Krankheit Erwerbsarbeit und soziale Teilhabe einschränke. Armutsgefährdung sei messbar, merkte die KAÖ-Vizepräsidentin an: In Österreich gelten rund 1,28 Millionen Menschen als armutsgefährdet; 336.000 Personen können wichtige Grundbedürfnisse nicht befriedigen und gelten somit von manifester Armut betroffen. Besonders hoch ist das Risiko bei Langzeitarbeitslosen, Kindern sowie älteren Frauen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien. Betroffene könnten etwa eine kaputte Waschmaschine nicht ersetzen, ihre Wohnung nicht ausreichend heizen oder die Miete nicht bezahlen.
"Armut in einem der reichsten Länder der Welt ist ein Armutszeugnis", sagte Ranftler. Die Armutsgefährdungsquote verharre seit Jahren auf hohem Niveau. Sozialleistungen wie Familienbeihilfe oder Kinderabsetzbeträge wirkten zwar armutsdämpfend; gleichzeitig liege die Sozialhilfe mit rund 1.200 Euro unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.661 Euro monatlich für einen Einpersonen-Haushalt (zwölfmal jährlich). Ein Drittel der Sozialhilfebeziehenden seien Kinder, ältere oder chronisch kranke Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stünden. Verschärfungen träfen daher besonders Vulnerable, lösten aber kein Budgetproblem, so die Volkshilfe-Expertin.
Notwendig seien strukturelle Maßnahmen wie vermögensbezogene Steuern sowie eine eigenständige Absicherung von Kindern, so die Volkshilfe-Expertin. Sie warnte zudem vor einer zunehmenden Individualisierung des Armutsdiskurses. Die Erzählung, Armut sei selbst verschuldet, halte einer Faktenprüfung nicht stand. Entsolidarisierung - auch unter Betroffenen - gefährde letztlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Solidarität, Gleichberechtigung und ein gutes Leben für alle müssten daher Leitlinien von Politik, Zivilgesellschaft und Kirche sein, lautete der Tenor des Abends.
Die KAÖ startete im Mai 2025 mit dem "KA-Salon" ein neues Dialog-Format. Dabei werden jeweils Fachleute zu Themenbereiche eingeladen, in denen sich die Katholische Aktion gesellschaftspolitisch einbringen will.
Quelle: kathpress