
Bischofskonferenz: Grünwidl für veränderungsbereite Kirche
Für eine Kirche, die offen ist für Veränderungen, auch für die Änderung von kirchlichen Geboten und Gesetzen, um die Menschen noch tiefer in ein auf Gott hin ausgerichtetes Leben zu führen, hat der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl plädiert. Er hielt am Mittwochabend beim Festgottesdienst im Rahmen der Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz die Predigt. Der Gottesdienst in der Pfarrkirche Pischelsdorf war der liturgische Höhepunkte der viertägigen Sitzung der Bischöfe im Bildungshaus "Haus der Frauen" im oststeirischen St. Johann bei Herberstein, die am Donnerstag zu Ende geht. Den Vorsitz beim Gottesdienst hatte Erzbischof Franz Lackner, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, inne.
Dass es im Leben der Kirche Regeln, Gebote und Vorschriften braucht, sei unbestritten, so Erzbischof Grünwidl, doch sie dürften nicht Selbstzweck werden und sie dienten nicht einer bloßen Reglementierung, sondern dem "Heil der Seelen". Das bedeute: "Sie sollen helfen, dass Menschen Gott begegnen können und tiefer in ein Leben nach dem Evangelium geführt werden."
Er denke in diesem Zusammenhang etwa an geschiedene Wiederverheiratete oder an Partnerschaften, die nicht dem Ideal des katholischen Eherechts entsprechen. Für diese Menschen gebe es im Kirchenrecht Vorschriften und Verbote. Doch ein bloßer Dienst nach Vorschrift sei zu wenig, so der Erzbischof. Vielmehr gehe es darum, "mit dem konkreten Menschen seine Lebens- und Glaubenssituation zu besprechen und eine pastorale Lösung zu finden, die weiterhilft und heilt".
Mehr auf die Stimmen der Frauen hören
Grünwidl ging auch auf das neue vatikanische Dokument über die "Teilhabe der Frauen am Leben und an der Führung der Kirche" ein. Dieses Dokument erinnere an die großen Frauengestalten der Bibel und an das Verhalten Jesu, der in vielerlei Hinsicht nicht den damals üblichen patriarchalen Umgangsformen entsprochen habe. "Frauen waren in seinem Gefolge, eine öffentlich bekannte Sünderin durfte ihn berühren und nicht ein Apostel, sondern Maria von Magdala, eine Frau, war die erste Zeugin der Auferstehung", so der Erzbischof. Und er fügte wörtlich hinzu: "Ich vertraue darauf: Unsere Kirche wird jesuanischer und evangeliumsgemäßer, wenn wir synodal - gemeinsam auf dem Weg - sind, mehr auf die Stimmen der Frauen hören und sie in Entscheidungsprozesse einbeziehen."
Freilich müssten dafür kirchliche Vorschriften und jahrhundertealte Traditionen geändert werden. Aber der Blick auf Jesus, der sich - wenn notwendig - über jüdische Gebote und religiöse Traditionen hinweggesetzt habe, um den Willen Gottes erfüllen zu können, sein Umgang mit Frauen und die feste Überzeugung "Was vom Heiligen Geist kommt, kann das Kirchenrecht nicht aufhalten" machten ihm Hoffnung, sagte der Erzbischof.
Er wolle seine Predigt zudem mit einem Verweis auf seinen Namenspatron, den Heiligen Josef, schließen, von dem es im Evangelium heißt, dass er gerecht war. Grünwidl: "Wäre er nur gesetzesgerecht gewesen und hätte bloß das Gesetz erfüllt, dann wäre seine schwangere Verlobte durch Steinigung gestorben. Josef war gerecht, nicht weil er dem Gesetz, sondern weil er seiner Verlobten gerecht geworden ist." Und der Erzbischof fügte hinzu: "Wenn wir als Kirche auf die Forderungen der Bergpredigt hören und auf das Beispiel Jesu schauen, werden Aufbruch und Veränderungen möglich. Wenn wir in der Fastenzeit Tag für Tag versuchen, nicht nur Dienst nach Vorschrift zu machen, sondern die Liebe zu leben, dann wird es Ostern in uns."
Am Ende der Festmesse in Pischelsdorf ging Erzbischof Lackner auf die aktuelle Weltlage ein und sagte: "Beten wir für den Frieden in der Welt, die an allen Ecken und Enden brennt".
"Orientierung und Zuversicht"
Im Anschluss an den Gottesdienst luden die Spitzen des Landes, Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ) und seine Stellvertreterin Manuela Khom (ÖVP) zu einem Empfang mit den Mitgliedern der Bischofskonferenz. Anwesend waren zahlreiche Verantwortungsträger der Diözese Graz-Seckau, unter ihnen die steirische Caritas-Direktorin und österreichische Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler. Gekommen war auch der evangelische Superintendent Wolfgang Rehner, der von Erzbischof Lackner beim Gottesdienst ausdrücklich begrüßt wurde. Rehner ist auch Vorsitzender des Ökumenischen Forums Steiermark.
In seiner Ansprache betonte der Landeshauptmann die "gute und konstruktive Zusammenarbeit" von Land und Kirche in der Steiermark. Kirche und Politik seien unterschiedlich, "wir haben aber mehr gemeinsam, als uns trennt", weil Kirche und Politik die Aufgabe hätten, "Orientierung und Zuversicht zu geben", so Kunasek.
Über die Ergebnisse der Vollversammlung der Bischofskonferenz wird Erzbischof Lackner im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien am Freitag, 13. März, um 10 Uhr im "Club Stephansplatz 4" (1010 Wien, Stephansplatz 4) informieren.
Quelle: kathpress