
Hilfsorganisationen präsentieren Umfrage zu sozialen Kürzungen
Fachkräfte aus Sozialberatung, Familien-, Arbeits- und Wohnungshilfe warnen vor den negativen Auswirkungen von staatlichen Einsparungen im Sozialbereich. Caritas und Volkshilfe veröffentlichten dazu am Mittwoch Ergebnisse einer Umfrage unter 590 Praktikerinnen und Praktikern sowie Expertinnen, die auf drohende Notlagen, Versorgungslücken und gesamtgesellschaftliche Folgekosten hinweisen. "Die Umfrage zeigt, dass die größte Last der Budgetkonsolidierung überproportional jene Menschen tragen, die ohnehin schon am Limit sind", betonte Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler bei einer Pressekonferenz in Wien. Sie sprach von einer "doppelten Schwächung" des Sozialstaats durch die Regierung, da auch bei jenen Einrichtungen gespart werde, die Menschen in Not unterstützen.
Die gesamtgesellschaftlichen Folgen von Kürzungen im Sozialbereich, Kürzungen bei Förderungen und auslaufende Förderungen seien bereits spürbar: "Hilfsangebote werden weniger, und Einrichtungen müssen schließen. 97 Prozent der Befragten erwarten hier weitere Verschärfungen und dass Menschen in Not künftig keine passende Anlaufstelle finden", zitierte Tödtling-Musenbichler Ergebnisse aus der Studie. Gleichzeitig rechnen 86 Prozent damit, dass sich Probleme in andere Bereiche wie das Gesundheits- oder Bildungssystem verlagern, in denen bereits jetzt viele Herausforderungen bestehen. 80 Prozent gehen davon aus, dass ihr Arbeitsbereich von Kürzungen betroffen ist oder sein wird. Mehr als ein Drittel hat bereits konkrete Informationen über Einsparungen, weitere 42 Prozent befürchten, dass es so weit kommt.
So wurde etwa das Sozialpsychiatrische Zentrum der Caritas in Wien oder eine Wohnraumvermittlung für Migranten in der Steiermark geschlossen, erklärte Tödtling-Musenbichler. "Damit wird der Druck auf Menschen in Not und auf das System, das sie stützt, erhöht. Das ist nicht nur sozialpolitisch problematisch, sondern auch ökonomisch kurzsichtig", warnte die Caritas-Präsidentin vor Folgekosten der Armut.
Zunahme an psychischen Erkrankungen und Obdachlosigkeit
Konkrete Zahlen, wie Kürzungen die Lebenslagen vieler Menschen laut Experten verschlechtern, nannte Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger. Am meisten betroffen seien Kinder, Jugendliche und Familien (66 Prozent), gefolgt von Menschen im Asylverfahren oder mit Schutzstatus (42 Prozent). 90 Prozent der Befragten geben an, dass staatliche Kürzungen jahrelange Integrations- und Stabilisierungsarbeit mit einem Schlag zunichtemachen. 60 Prozent erwarten steigende psychische und gesundheitliche Belastungen, 53 Prozent zunehmende Verschuldung und 52 Prozent wachsende Probleme bei grundlegenden Bedürfnissen wie Lebensmitteln. Fast die Hälfte rechnet mit mehr Wohnungs- und Obdachlosigkeit.
Kürzungen im Sozialbereich verschärften bestehende Ungleichheiten, destabilisierten Lebenslagen und führten langfristig nicht zu Einsparungen, sondern zu höheren Kosten in anderen Bereichen. "Das ist sozial ungerecht und kurzsichtig. Den Preis zahlen wir morgen in Form höherer Gesundheits- und Sozialausgaben, weil sich psychische Belastungen und Bildungsungleichheit heute verstärken", sagte Fenninger.
"Probleme werden von A nach B verschoben"
Tödtling-Musenbichler bediente das Bild eines "Verschiebe-Bahnhofs": "Probleme werden von A nach B verschoben und Nöte auf das Abstellgleis geschoben. Die Probleme werden damit nicht kleiner, sondern verstrickter, größer und teurer." Das Doppelbudget 2027/2028 lasse weitere Kürzungen befürchten, so die Caritas-Präsidentin, die drei Forderungen der Hilfsorganisationen an die Regierung präsentierte.
Erstens: "Schluss mit dem Sparen bei den Ärmsten." Für jede Budgetmaßnahme fordern die Hilfsorganisationen einen verpflichtenden Armutscheck, bei dem auch die Auswirkungen der Kürzungen auf armutsgefährdete und armutsbetroffene Menschen überprüft werden. Zweitens: Staatliche Verantwortung. Diese zeige sich in einem Sozialstaat daran, wie mit den Schwächsten in der Gesellschaft umgegangen werde. Drittens: "Eine verantwortungsvolle Budgetpolitik muss Existenzen sichern und nicht Existenzängste verstärken. Dazu braucht es eine echte armutsfeste und bundesweit einheitliche Reform der Sozialhilfe, keine Schnellschüsse oder Symbolpolitik." Armutshilfe sei für einen starken Sozialstaat kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in Stabilität, Gesundheit, Perspektiven und sozialen Frieden.
Quelle: kathpress