
"Pro Oriente": Einsatz für den Frieden ist Kernaufgabe der Ökumene
Der Mehrwert der Kirchen für die weltweite diplomatische Friedensarbeit wird vonseiten der Politik noch viel zu wenig wahrgenommen, geschweige denn eingemahnt und genutzt. Das betonte der heimische Spitzendiplomat Emil Brix am Dienstagabend bei einem Vortrag in Linz. Er sprach im Rahmen der Jahreshauptversammlung der Linzer "Pro Oriente"-Sektion zur "Rolle der Kirchen in der diplomatischen Friedensarbeit". Altlandeshauptmann und "Pro Oriente"-Vorsitzender Josef Pühringer wies in seinen einleitenden Worten darauf hin, "dass der Einsatz für den Frieden eine Kernaufgabe der Ökumene ist". Für die Kirchen "kann und darf es kein Vorbei an diesem Thema geben".
Unbestritten seien die Päpste eine wichtige und unverzichtbare Stimme für den Frieden, aber "noch wichtiger ist, dass die christlichen Kirchen gemeinsam glaubwürdige Zeichen für den Frieden setzen", so Pühringer und der "Pro Oriente"-Vorsitzende fügte hinzu: "Im Einsatz für den Frieden dürfen die Unterschiede zwischen den Kirchen keine Rolle spielen."
Die Kirchen müssten sich in der Friedensfrage positionieren und Verantwortung übernehmen, wenn sie relevant bleiben wollen, betonte Pühringer und griff die Ansprache von Papst Leo XIV. beim Angelusgebet am 1. März 2026 auf. Der Papst betonte, dass Frieden und Stabilität nicht durch Waffen, sondern nur durch Dialog zu erreichen seien.
Mangel an Gerechtigkeit
Botschafter Brix ging in seinem Vortrag einleitend der Frage nach, warum nach dem Ende des "Kalten Kriegs" vor 35 Jahren sich keine stabile Weltordnung etabliert habe. Er sah den Grund dafür in der fehlenden Gerechtigkeit, die sich in der stets größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich zeigt - in Europa und ganz besonders in den Ländern des Globalen Südens. Überdies hätten sich die Machtverhältnisse und -ansprüche zwischen USA, China und Russland verschoben, was an den derzeitigen Kriegen und globalen Auseinandersetzungen sichtbar werde.
"Nur durch die Diplomatie werden wir keine vernünftigen Wege zu Gerechtigkeit und Friede finden", betonte der frühere Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien. Es brauche dazu Partner. Und hier seien aus seiner Sicht die Kirchen zu einer solchen Partnerschaft prädestiniert, weil sie einen klaren Friedensauftrag hätten. Brix: "Warum verzichten wir in der Außenpolitik auf die Erfahrung der Kirchen, die selbst einen Weg von einer Gewalt ausübenden Rolle zum Frieden gegangen sind."
Der Diplomat räumte zugleich aber ein, dass der Einsatz der Kirchen für den Frieden weder in der Geschichte noch heute ungebrochen sei. So habe etwa die Serbisch-orthodoxe Kirche in den Jugoslawien-Kriegen zu Gewalt aufgerufen und das jüngste Negativbeispiel sei die bedingungslose Unterstützung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine durch die Russisch-orthodoxe Kirche. Im Blick auf diese Verfehlung des kirchlichen Friedensauftrags sagt Brix: "Keine Kirche der Welt kann allein einen Krieg beenden, aber es sollte keine dazu beitragen, dass Kriege begonnen werden."
Obwohl Kirchen ihren Friedensauftrag "das ein- oder andere Mal" pervertiert hätten, hielt Brix an der Bedeutung des Friedenspotenzials der Kirchen fest: "Wir müssen uns mit denen verbünden, die immer geopolitisch tätig waren: Das sind die Kirchen." Überdies könnten Kirchen "diskrete Räume des Dialogs schaffen", die für Friedensgespräche unverzichtbar seien. Der Botschafter riet den Kirchen, dass "sie sich offensiver für den Frieden einsetzen". Notwendig sei dabei freilich ein gerechter Friede.
"Das 21. Jahrhundert verlange nach mehr Dialogbereitschaft, nach mehr Friedenswillen, nach mehr Gerechtigkeit und - was zunehmend ein außenpolitisches Thema wird - nach mehr Bewahrung der Schöpfung", resümierte Botschafter Brix. Um diese Herausforderungen zu meistern, brauche es auch die Friedenskompetenz von Religionen.
Vielfältige "Pro Oriente"-Aktivitäten
Die Jahreshauptversammlung der Linzer "Pro Oriente"-Sektion fand bei den Elisabethinen in Linz statt. Vonseiten der Gesamtstiftung nahmen "Pro Oriente"-Präsident Clemens Koja und Generalsekretär Bernd Mussinghoff teil. Bischof Manfred Scheuer leitete im Rahmen der Jahreshauptversammlung in seinem Grußwort mit einem Friedensgebet zum Vortrag von Botschafter Brix über.
Vorsitzender Pühringer gab zudem bei der Sitzung auch einen Überblick über die Aktivitäten von "Pro Oriente" im Jahr 2025: Zu den zehn öffentlichen Veranstaltungen (Vorträge, Ausstellung, Symposium, Begegnungen) seien rund 1.800 Teilnehmende gekommen, zog Pühringer zufrieden Bilanz. Herausragend dabei sei der Vortrag des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx gewesen, zu dem allein schon 800 Besucher kamen.
Zu den besonderen Aufgaben der Linzer "Pro Oriente"-Sektion gehöre weiters die Begegnung mit den orthodoxen Gemeinden in Oberösterreich. Im Jahr 2025 hätten sich Vertreter der Sektion mit den rumänisch-orthodoxen Gemeinden in Braunau und Vöcklabruck zum Gebet, Kennenlernen und Erfahrungsaustausch getroffen, berichtete Pühringer.
Quelle: kathpress