
Wiener Superintendent: Plädoyer für Karfreitag als Feiertag für alle
Der Karfreitag als Feiertag für alle wäre ein großer Gewinn für die Gesellschaft in Österreich; nicht nur für die Evangelische Kirche. Davon hat sich der Wiener evangelische Superintendent Matthias Geist überzeugt gezeigt. Geist sprach am Donnerstag im Interview mit Kathpress über den religiösen Aspekt hinaus auch von einem gemeinsamen Tag des Innehaltens und Zusammenhaltens, der für das Land wichtig wäre. Das Argument, dass ein solcher Feiertag wirtschaftlich nicht verkraftbar sei, wollte Geist nicht gelten lassen. Das überzeuge ihn nicht.
Die Einführung des Karfreitags als Feiertag für die protestantischen Kirchen erfolgte in den 1950er Jahren. Gleichsam auch als eine Art Anerkennung des Unrechts, das den Kirchen in der Vergangenheit bis ins 18. Jahrhundert angetan wurde. Vor allem die Gegenreformation war eine Zeit der Vertreibung und der Deportationen. Familien wurden zerrissen, Eltern deportiert, Kinder sollten in einem anderen Glauben erzogen werden.
Der Karfreitag ist seit 2019 für evangelische, methodistische und altkatholische Christen aber kein gesetzlicher Feiertag mehr - es sei denn, man macht ihn zum "persönlichen Feiertag", dann hat man einen Anspruch auf Urlaub an diesem Tag, der Arbeitgeber kann ihn nicht ablehnen. Einen zusätzlichen Urlaubstag gibt es dafür allerdings nicht. Der persönliche Feiertag muss drei Monate zuvor beim Arbeitgeber angemeldet werden.
"Tiefe Wunde"
In der Evangelischen Kirche habe die Abschaffung des Karfreitags 2019 eine tiefe Wunde hinterlassen, sagte der Superintendent: "Mein erster Karfreitag, den ich als Superintendent in Wien 2019 erlebte, war der erste gestrichene Feiertag. Und wir sind zu Recht, so denke ich, auf die Straße gegangen. Weil wir aufzeigen wollten, worum es uns eigentlich geht. Es geht uns um den Kernbestand unseres christlichen Glaubens. Wir Menschen haben von Gott in Jesus Christus die Erlösung zugesprochen bekommen, die nur in einem Gesamtzusammenhang mit diesem Kreuzesgeschehen zu sehen ist."
Gott sei nur dann ein wahrhaftig greifbarer Gott, "wenn er Mensch wird und wenn er alle Seiten des Lebens an sich erlebt und mit uns diese Wege geht, die wir selber erfahren". Insofern bedrücke es die evangelische Seele schon sehr stark, "wenn der Karfreitag nun ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag ist".
Am Karfreitag gehe es auch darum, in dieser Welt ein Zeichen zu setzen für jene Menschen, die leiden und in Not sind. Geist sprach von der Verpflichtung, innezuhalten, hinzuhören und hinzusehen und aufzuschreien, aber auch im Gebet ein weltweites Netz der Verbundenheit zu spannen. Deshalb brauche es so einen gemeinsamen Tag.
Er wolle optimistisch bleiben, so der Superintendent weiter: Mit vereinten Kräften verschiedenster Proponentinnen und Proponenten werde es gelingen, dass wir im Diskurs die Einsicht herstellen können, "dass der Karfreitag ein wesentlicher Tag im Jahreskreis ist, der uns als Gesellschaft guttut".
Kirche als Dienstleister
Ähnlich äußerte sich Superintendent Geist zum Karfreitag auch im Podcast "Die Milchbar" der Tageszeitung "Kurier". Im Podcast wurde Geist aber etwa auch darauf angesprochen, dass die Evangelische Kirche (wie die Katholische) beständig Mitglieder verliert. Dazu meinte der Superintendent, dass die institutionelle Anbindung an Vereine und politische Organisationen gesamtgesellschaftlich geringer geworden sei. Die Menschen wollten zudem heute "nicht mehr von der Wiege bis zur Bahre einer Glaubensgemeinschaft angehören, sondern suchen eher situativ nach religiösen Elementen - etwa wenn ein Kind geboren wird, die Oma stirbt oder die Uroma pflegebedürftig ist und man sich überlastet fühlt", so Geist. Nachsatz: "Das entspricht ganz unserer Dienstleistungsgesellschaft."
Insofern sei die Kirche auch längst schon zum Dienstleister geworden. Geist: "Früher mehr mit einem solidargemeinschaftlichen Ansatz. Mittlerweile ist es aber so, dass ich zum Beispiel allein heuer schon drei Begräbnisse für Menschen ohne Bekenntnis hatte, weil den Angehörigen diese Begleitung sehr wichtig war."
Man dürfe den Menschen nicht mehr vermitteln "Komm in die Kirche, dann geht es dir gut", sondern müsse auf sie zugehen - dann, wenn es den Menschen wichtig sei. Insbesondere an Orten, "die die Sensibilität unserer Gesellschaft aufzeigen - etwa im Krankenhaus, im Pflegewohnheim, im Gefängnis, aber auch in der Schule". Aber nicht, "um Menschen zu keilen", sondern "um das zu tun, was sie benötigen".
Das ist für den Superintendenten auch ein Unterschied zu evangelikalen Freikirchen, Sekten und esoterischen Bewegungen: "Wir haben im Unterschied zu diesen Strömungen nicht die schnellen Lösungen parat und degradieren uns nicht zu Menschenfängern. Wir wollen nicht manipulieren und missionieren im falschen Sinne, sondern die Menschen seelsorgerisch erreichen."
Keine Nähe zu Parteien
Auf parteipolitische Instrumentalisierungen des Christentums angesprochen meinte Geist: "Wir sind parteipolitisch nicht uninteressiert, haben aber keine Nähe zu irgendeiner Partei und lassen uns auch nicht vereinnahmen. Wir gehen vom gesamtgesellschaftlichen Wohl aus." Wenn sich der eine oder andere politisch Tätige christlicher Werte oder Grundhaltungen bedient, "werden wir aber schon hellhörig", denn: "Wie wir uns als Christen darstellen und deklarieren, das darf schon stark bei uns und unseren Schwesterkirchen liegen. Hier müssen wir Kante zeigen."
Mit anderen Worten: "Wir werden es sicher nicht anprangern, wenn sich politisch Tätige gemäß einem gewissen Wertekonsens verhalten. Aber wenn es um Menschen in ihrer sozialen Not geht, werden wir sehr wohl unsere Stimme erheben, wenn wir andere Sichtweisen haben. Oder wenn es Angriffe auf die muslimische oder jüdische Glaubensgemeinschaft gibt." Gerade die Evangelischen seien in Österreich 180 Jahre lang ausgegrenzt und verboten gewesen und seien entsprechend geprägt.
Forderung nach besserer Strafrechtspolitik
Geist war 18 Jahre lang Gefängnisseelsorger. Zur Frage, was er zu den zuletzt bekannt gewordenen Missständen in Justizanstalten sage, hielt er fest, dass er kein Verfechter einer gefängnislosen Gesellschaft sei, "aber die Insassenzahl in der aktuellen Höhe haben wir nicht nötig". Es könnte auf weniger Gefangene hinauslaufen, "wenn wir eine effizientere, wirksamere und humane Strafrechtspolitik verfolgten". Sowohl über den Richterspruch als auch über die bedingten Entlassungen könnte man die Häftlingszahlen reduzieren. Dann könnte man mit demselben Justizpersonalstand Sicherheit, eine bessere Betreuung und Nachsorge gewährleisten. Gesetzesforderungen für höhere Strafen in bestimmten Bereichen ließen hingegen die Häftlingszahlen weiter in die Höhe schnellen, ohne dass das Personal mehr wird, so der Befund des Superintendenten.
Zur Frage, was ihn persönlich motiviert habe, als Seelsorger in die Gefängnisse zu gehen, sagte Geist: "Menschen in einer Situation der Ohnmacht Begleitung anzubieten. Es geht um die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Deshalb bin ich mit den Straftätern in die Trauerbegleitung gegangen." Sie hätten in ihrem Leben viel Schmerz erfahren, vor allem aber selbst zugefügt. Es gehe darum, "dass sie sich im besten Fall wieder selbst in den Spiegel schauen können". Das könne Monate oder Jahre dauern. Aber es sei ein zentraler Prozess, "wenn man davon ausgeht, dass jeder Häftling das Recht darauf hat, das Gefängnis eines Tages wieder zu verlassen - wovon ich überzeugt bin".
Quelle: kathpress