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Papst bei Friedensvigil im Petersdom
Vatican Media

Papst bei Friedensvigil: "Schluss mit der Selbstvergötterung!"

Leo XIV. mahnt Staats- und Regierungschefs zur Beendigung der Kriege in Nahost und weltweit und fordert "Vereinigung der moralischen und geistlichen Kraft aller, die heute an den Frieden glauben"

11.04.2026

Mit eindringlichen Worten hat Papst Leo XIV. die Staats- und Regierungschefs zur Beendigung der Kriege in Nahost und weltweit aufgerufen. "Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden!", rief er ihnen am Samstagabend im Petersdom zu. "Setzt euch an den Tisch des Dialogs und der Vermittlung, nicht an die Tische, an denen die Aufrüstung geplant und tödliche Maßnahmen beschlossen werden!"

 

Wortlaut der Ansprache

Liebe Brüder und Schwestern,

euer Gebet ist Ausdruck jenes Glaubens, der nach den Worten Jesu Berge versetzt (vgl. Mt 17,20). Danke, dass ihr dieser Einladung gefolgt seid und euch hier am Grab des heiligen Petrus wie auch an vielen anderen Orten der Welt versammelt habt, um für den Frieden zu beten. Der Krieg trennt, die Hoffnung verbindet. Die Selbstherrlichkeit tritt nieder, die Liebe erhebt. Götzendienst macht blind, der lebendige Gott erleuchtet.

Ein wenig Glaube, ein Krümelchen Glaube genügt, ihr Lieben, um gemeinsam, als Menschheit und mit Menschlichkeit, dieser dramatischen Stunde der Geschichte zu begegnen. Das Gebet ist nämlich kein Zufluchtsort, um uns unserer Verantwortung zu entziehen, es ist kein Betäubungsmittel, um den Schmerz zu vermeiden, den so viel Ungerechtigkeit auslöst. Es ist vielmehr die selbstloseste, umfassendste und wirkungsvollste Antwort auf den Tod: Wir sind ein Volk, das bereits aufersteht! In einem jeden von uns, in jedem Menschen lehrt der innere Meister nämlich den Frieden, er drängt zur Begegnung und regt uns zum Gebet an.

Lasst uns also den Blick erheben! Erheben wir uns aus den Trümmern! Nichts kann uns auf ein vorbestimmtes Schicksal festlegen, auch nicht in dieser Welt, in der es anscheinend noch nicht genug Gräber gibt, weil man weiter kreuzigt und Leben vernichtet, ohne Recht und ohne Gnade.

Der heilige Johannes Paul II., ein unermüdlicher Botschafter des Friedens, sagte im Zusammenhang der Irak-Krise im Jahr 2003 mit bewegter Stimme: "Ich gehöre der Generation an, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt hat, und habe daher die Pflicht, allen jungen Menschen, all jenen, die jünger sind als ich und diese Erfahrung nicht gemacht haben, zu sagen: "Nie wieder Krieg!" Eben dies betonte Paul VI. bei seinem ersten Besuch bei den Vereinten Nationen. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun! Wir wissen sehr wohl, dass ein Friede um jeden Preis nicht möglich ist. Aber wir wissen auch, wie groß diese Verantwortung ist" (Angelus, 16. März 2003). Seinen so aktuellen Appell mache ich mir zu eigen.

Selbstvergötterung beenden

Das Gebet lehrt uns zu handeln. Die begrenzten menschlichen Möglichkeiten verbinden sich im Gebet mit den unendlichen Möglichkeiten Gottes. Gedanken, Worte und Taten sprengen so die teuflische Fessel des Bösen und stellen sich in den Dienst des Reiches Gottes: eines Reiches, in dem es weder Schwerter noch Drohnen, weder Rache noch Verharmlosung des Bösen und auch keinen ungerechten Gewinn gibt, sondern allein Würde, Verständnis und Vergebung. Damit haben wir einen Damm gegen jene Allmachtsphantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden.

Das Gleichgewicht in der Menschheitsfamilie ist schwer erschüttert. Sogar der heilige Name Gottes, des Gottes des Lebens, wird für Todesreden herangezogen. So verschwindet eine Welt von Brüdern und Schwestern mit einem einzigen Vater im Himmel, und wie in einem nächtlichen Albtraum erscheinen allerorts Feinde. Überall sind Drohungen zu vernehmen, statt Aufrufe zum Zuhören und zur Begegnung. Brüder und Schwestern, wer betet, ist sich seiner Grenzen bewusst, er tötet nicht und droht nicht mit dem Tod. Dem Tod unterworfen ist hingegen, wer dem lebendigen Gott den Rücken gekehrt hat, um sich selbst und seine eigene Macht zum stummen, blinden und tauben Götzen zu machen (vgl. Ps 115,4-8), dem alle Werte geopfert werden und der verlangt, dass die ganze Welt vor ihm die Knie beugt.

Schluss mit der Selbstvergötterung und mit der Vergötzung des Geldes! Schluss mit der Zurschaustellung von Macht! Schluss mit dem Krieg! Wahre Stärke zeigt sich im Dienst am Leben. Johannes XXIII. schrieb in evangeliumsgemäßer Schlichtheit: "Der Friede [ist] von höchstem Wert für alle: für die einzelnen Menschen, für den häuslichen Herd, für die Völker und schließlich für die gesamte Menschheitsfamilie". Und in Wiederholung der markanten Worte Pius XII. fügte er hinzu: "Nichts ist mit dem Frieden verloren. Aber alles kann mit dem Krieg verloren sein" (Enzyklika Pacem in terris, 62).

Milliarden, die an den Frieden glauben

Vereinen wir also die moralische und geistliche Kraft von Millionen, ja Milliarden von Männern und Frauen, von Alten und Jungen, die heute an den Frieden glauben, die sich heute für den Frieden entscheiden, die die Wunden heilen und die Schäden beheben, die der Wahnsinn des Krieges hinterlassen hat. Ich erhalte viele Briefe von Kindern aus Konfliktgebieten: Wenn man sie liest, erkennt man angesichts ihrer Unschuld das ganze Grauen und die Unmenschlichkeit von Taten, mit denen sich manche Erwachsene stolz brüsten. Hören wir auf die Stimme der Kinder!

Liebe Brüder und Schwestern, gewiss tragen die Regierenden der Nationen eine nicht delegierbare Verantwortung. Ihnen rufen wir zu: Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden! Setzt euch an den Tisch des Dialogs und der Vermittlung, nicht an die Tische, an denen die Aufrüstung geplant und tödliche Maßnahmen beschlossen werden!

Es gibt jedoch auch eine nicht minder große Verantwortung von uns allen, Männern und Frauen aus vielen verschiedenen Ländern: einer riesigen Menge, die den Krieg ablehnt, und zwar mit Taten, nicht nur mit Worten. Das Gebet verpflichtet uns, das, was es in unseren Herzen und in unseren Köpfen noch an Verletzendem gibt, zu verwandeln: Bekehren wir uns zu einem Reich des Friedens, an dem Tag für Tag in den Häusern, in den Schulen, in den Stadtvierteln, in den zivilen und religiösen Gemeinschaften gebaut wird, indem wir durch Freundschaft und durch eine Kultur der Begegnung der Polemik und der Resignation den Boden entziehen. Lasst uns wieder an die Liebe, an Mäßigung und an gute Politik glauben. Bilden wir uns entsprechend und bringen wir uns persönlich ein, jeder entsprechend seiner Berufung. Ein jeder hat seinen Platz im Mosaik des Friedens!

Friedensstifter vonnöten

Der Rosenkranz hat uns heute Abend, wie andere altüberlieferte Gebetsformen auch, in seinem regelmäßigen, auf Wiederholung beruhenden Rhythmus vereint: So bahnt sich der Friede seinen Weg, Wort für Wort, Geste für Geste, so wie steter Tropfen den Stein höhlt, so wie das Gewebe im Webstuhl mit jeder neuen Reihe weiterwächst. Es sind die langsamen Zeiten des Lebens, ein Zeichen der Geduld Gottes. Wir dürfen uns nicht von der Beschleunigung einer Welt mitreißen lassen, die nicht weiß, wem oder was sie hinterherläuft, sondern müssen wieder dem Rhythmus des Lebens und der Harmonie der Schöpfung dienen und ihre Wunden heilen.

Wie Papst Franziskus gesagt hat, sind "Friedensstifter vonnöten, die bereit sind, einfallsreich und mutig Prozesse zur Heilung und zu neuer Begegnung einzuleiten" (Enzyklika Fratelli tutti, 225). Es gibt in der Tat "eine "Architektur" des Friedens, zu der die verschiedenen Institutionen der Gesellschaft je nach eigener Kompetenz beitragen; doch es gibt auch ein "Handwerk" des Friedens, das uns einbezieht" (ebd., 231).

Evangelium des Friedens

Liebe Brüder und Schwestern, kehren wir mit dem Vorsatz nach Hause zurück, stets und unermüdlich zu beten und eine tiefe Bekehrung des Herzens zu vollziehen. Die Kirche ist ein großes Volk im Dienst der Versöhnung und des Friedens, das ohne Zögern seinen Weg geht, auch wenn die Ablehnung der Kriegslogik ihr Unverständnis und Verachtung einbringen mag. Sie verkündet das Evangelium des Friedens und erzieht dazu, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, besonders wenn es um die unendliche Würde anderer Menschen geht, die durch fortwährende Verletzungen des Völkerrechts aufs Spiel gesetzt wird. "Weltweit ist es wünschenswert, dass jede Gemeinde ein "Haus des Friedens" werden soll, wo man lernt, Feindseligkeit durch den Dialog zu entschärfen; wo Gerechtigkeit praktiziert wird und Vergebung gelebt wird. Denn heute ist es mehr denn je nötig, [...] zu zeigen, dass der Friede keine Utopie ist" (Botschaft zum 59. Weltfriedenstag, 1. Januar 2026).

Brüder und Schwestern aller Sprachen, Völker und Nationen: Wir sind eine große Familie, die weint, die hofft und die wieder aufsteht. "Nie wieder Krieg, dieses Abenteuer ohne Wiederkehr, nie wieder Krieg, diese Spirale von Trauer und Gewalt" (Johannes Paul II., Gebet für den Frieden, 2. Februar 1991).

"Möge der Wahnsinn des Krieges ein Ende finden"

Liebe Brüder und Schwestern, der Friede sei mit euch allen! Es ist der Friede des auferstandenen Christus, die Frucht seines Liebesopfers am Kreuz. Darum wenden wir uns im Gebet an ihn:

Herr Jesus, du hast den Tod besiegt, ohne Waffen und ohne Gewalt: Du hast seine Macht durch die Kraft des Friedens zunichtegemacht. Schenk uns deinen Frieden, wie den verunsicherten Frauen am Ostermorgen, wie den versteckten und verängstigten Jüngern. Sende deinen Geist, den Atem, der Leben schenkt, der versöhnt, der Gegner und Feinde zu Brüdern und Schwestern macht. Erfülle uns mit dem Vertrauen Mariens, deiner Mutter, die mit gebrochenem Herzen unter deinem Kreuz stand, unerschütterlich im Glauben an deine Auferstehung.

Möge der Wahnsinn des Krieges ein Ende finden und mögen Menschen für die Erden Sorge tragen und sie bestellen, die noch wissen, wie man Leben hervorbringt, wie man es bewahrt, wie man es liebt. Erhöre uns, Herr des Lebens!

 

Die Friedensvigil, zu der der Papst am Ostersonntag eingeladen hatte, versammelte über 8.000 Gläubige im Petersdom, weitere warteten im Freien auf dem Petersplatz. Im Rahmen eines Rosenkranzgebets mit Meditationen aus der Tradition der Kirchenväter entzündeten Vertreter verschiedener Kontinente Kerzen als Zeichen der Hoffnung. Im Zentrum stand eine Statue der "Regina Pacis", der Friedenskönigin.

 

Erschüttertes Gleichgewicht

 

Leo XIV. zeichnete in seiner Ansprache ein alarmierendes Bild der Weltlage. Das Gleichgewicht in der Menschheitsfamilie sei "schwer erschüttert", sagte er. Überall seien Drohungen zu hören, während der Ruf nach Dialog und Begegnung verstumme. Sogar der Name Gottes werde missbraucht, "für Todesreden" herangezogen. Bereits zuvor hatte der Papst betont, dass Gott keine Konflikte segne und Gläubige nicht auf der Seite derer stehen könnten, "die Bomben abwerfen".

 

Besonders bewegend sprach der Papst über das Leid von Kindern in Kriegsgebieten. "Wenn man ihre Briefe liest, erkennt man angesichts ihrer Unschuld das ganze Grauen und die Unmenschlichkeit", sagte er und appellierte: "Hören wir auf die Stimme der Kinder!"

 

Mit scharfen Worten wandte sich der Papst gegen Machtstreben und Selbstüberhöhung. "Wer seine Macht zum Götzen macht, dient dem Tod", warnte er. "Schluss mit der Selbstvergötterung und mit der Vergötzung des Geldes! Schluss mit der Zurschaustellung von Macht! Schluss mit dem Krieg!" Wahre Stärke zeige sich hingegen im Dienst am Leben.

 

Gebet als "wirkungsvollste Antwort"

 

Zugleich hob Leo XIV. die Kraft des Glaubens hervor. Bereits "ein Fünkchen" oder "Krümelchen Glaube" genüge, um gemeinsam als Menschheit "dieser dramatischen Stunde der Geschichte zu begegnen". Das Gebet sei dabei kein Rückzug, sondern "die selbstloseste, umfassendste und wirkungsvollste Antwort auf den Tod". Es verbinde die begrenzten Möglichkeiten des Menschen mit den unendlichen Möglichkeiten Gottes.

 

Wie schon seine Vorgänger erinnerte Leo XIV. an die Verantwortung der politischen Entscheidungsträger und zitierte Johannes Paul II. mit dessen Mahnung "Nie wieder Krieg!". Zugleich betonte er, dass auch die Zivilgesellschaft gefordert sei. Es gelte, die "moralische und geistliche Kraft von Millionen, ja Milliarden von Männern und Frauen" zu vereinen, die an den Frieden glauben, Wunden heilen und den Folgen des Krieges entgegentreten.

 

Mosaik des Friedens

 

Das Gebet verpflichte dazu, auch das eigene Denken und Handeln zu verändern, so der Papst weiter. Jeder Mensch habe "seinen Platz im Mosaik des Friedens". Es brauche eine Kultur der Begegnung, die Polemik und Resignation überwinde.

 

Abschließend rief Leo XIV. dazu auf, neu an die Kraft von Liebe, Mäßigung und verantwortungsvoller Politik zu glauben und sich persönlich einzubringen. Die Kirche verstehe sich dabei als "Volk im Dienst der Versöhnung und des Friedens". Sein eindringlicher Schlussappell lautete: "Möge der Wahnsinn des Krieges ein Ende finden!"

 

Bei der gut einstündigen Feier im Petersdom wurde der Rosenkranz gebetet. Danach hielt der Papst seine Ansprache. Seiner Initiative zum Gebet für den Frieden parallel zu den Verhandlungen für ein Ende des Irankriegs hatten sich weltweit zahlreiche Kirchen und Organisationen angeschlossen, darunter auch in Österreich.

 

 

Quelle: kathpress

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