
Jazzmesse im Stephansdom gedenkt des Armenier-Genozids
Mit einem Gedenkkonzert im Wiener Stephansdom wird am Freitag (24. April) an den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 erinnert. Aufgeführt wird die Jazzmesse "Prayer Wheel" des armenischen Komponisten Karén Asatrián um 20.30 Uhr in Doppelchorbesetzung. Das Konzert bildet den Abschluss des mehrtägigen Festivals "Sounds of Armenia" und wird von einem Grußwort des Wiener Erzbischofs Josef Grünwidl begleitet. Die Klänge der Jazzmesse sollten jedoch "nicht die Schreie der sterbenden Kinder übertönen", sondern "die Hoffnung freilegen, die Gott uns gibt", so Grünwidl laut Redemanuskript. Zugleich verweist er auf das fortdauernde Sterben durch "Hass, Fanatismus, Krieg oder durch die Zerstörung ihrer Heimat".
Die Österreichische Bischofskonferenz hat wiederholt ihre Solidarität mit dem armenischen Volk betont. Grünwidl zitiert aus der Erklärung, in der es heißt: "Wir neigen uns - gemeinsam mit allen anderen Kirchen - in Ehrfurcht vor dem Zeugnis der armenischen und syrischen Märtyrer." Die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung bestehe "trotz aller dunklen Wolken über der Welt".
Eine Messe sei immer "ein Hoffnungszeichen, ein Lebenszeichen, denn wir feiern ja mit Tod und Auferstehung Jesu Christi, dass am Ende nicht Leid, Trauer und Sterben das letzte Wort haben, sondern der Friede, die Versöhnung und das Leben", so der Wiener Erzbischof weiter. Er verweist zudem auf die enge Verbundenheit zwischen Österreich und der armenischen Kirche, "die in Wien seit Alters her eine Heimat hat".
Musikfestival und Trauerglocken
Die Jazzmesse "Prayer Wheel" bildet den Abschluss des mehrtägigen Musikfestivals "Sounds of Armenia". Karén Asatrián verbinde in seinem Konzert Jazz mit armenischen Klangtraditionen und baut eine musikalische Brücke zwischen Orient und Okzident, hieß seitens der Veranstalter. Als Musikanten im Dom waren der Philharmonia Chor Wien und der Oberstufenchor des Mozart-Musikgymnasiums Salzburg unter der Leitung von Thomas Huber angekündigt.
Im Zeichen des Märtyrer-Gedenkens stehen auch zahlreiche andere Initiativen der Armenier in der Heimat und in der Diaspora. Um 12 Uhr Mittag läuteten in allen Kirchen Armeniens und in Exilgemeinden die Glocken, darunter auch in Wien. Die armenische Kirchengemeinde in Wien lädt zudem am Sonntag (26. April) im Anschluss an die Sonntagsliturgie in der Hripsime-Kirche im 3. Gemeindebezirk um 13 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung.
Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts
Zwischen 1915 und 1918 waren im damaligen Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Angehörige christlicher Minderheiten ermordet worden. Während Historiker vom "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts" sprechen, spricht die Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs lediglich von Massenvertreibungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit mehreren Hunderttausend Toten.
Begonnen hatten die Ereignisse am 24. April 1915 mit der Verhaftung von 235 armenischen Intellektuellen in Istanbul. Im von Krisen geschüttelten Osmanischen Reich hatten die Armenier seit 1900 eine autonome Gemeinde mit eingeschränkten Rechten gebildet. Erfolge in Landwirtschaft, Handwerk und Finanzwesen weckten Neid. Für viele Türken waren die unter westlichem Schutz stehenden Christen Schuld am Siechtum des Reichs.
Schon Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu Pogromen. Allein die Massaker von 1894 bis 1896 hinterließen zwischen 50.000 und 300.000 Tote. Als zwischen 1909 und 1912 auch die Balkanvölker auf Unabhängigkeit von den Türken drängten oder von den Großmächten annektiert wurden, spitzte sich die Situation zu: Die 1908 an die Macht gekommenen Jungtürken zielten auf ein einheitliches Reich, wollten Türkisch und den Islam als alleinige Basis durchsetzen.
Der Erste Weltkrieg lieferte die Gelegenheit, dieses Konzept umzusetzen. Auf Befehl des Innenministeriums wurde die Elite der Armenier zu Tausenden verhaftet und meist ohne Prozess hingerichtet. Zehntausende starben auf Todesmärschen.
Literarisch dokumentiert von Franz Werfel
Der Widerstand einer kleinen Gruppe ging in die Literaturgeschichte ein: In seinem Erfolgsroman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" schilderte Franz Werfel, wie sich im Herbst 1915 mehrere tausend Armenier am 1.700 Meter hohen Mosesberg verschanzten. Kurz bevor sie aufgeben mussten, wurden sie von einem französischen und einem britischen Kriegsschiff gerettet.
Die Gewalttaten hatten ein Nachspiel, das Rechtsgeschichte schrieb: Nach dem Krieg drängten die westlichen Siegerstaaten erstmals auf Kriegsverbrecherprozesse. Ein türkisch besetztes Kriegsgericht in Istanbul stellte fest, dass die Verbrechen zentral vorbereitet wurden und verurteilte 17 Angeklagte zum Tode. Die Haupttäter flohen, wurden aber teils von armenischen Attentätern ermordet.
Die historische Einordnung der Ereignisse hat seitdem immer wieder zu massivem Streit geführt. Eine klare Position hatte Papst Franziskus bezogen. In einem Gottesdienst zum 100. Jahrestag des Beginns der Armenier-Verfolgung im April 2015 bezeichnete er die Ereignisse als "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts". Er mahnte die Türkei, die Erinnerung an den Völkermord zu pflegen: "Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunde weiter offen", so Franziskus.
(Link: https://www.kunstkultur.com/konzerte3/392-jazzmesse-prayer-wheel-armenien-stephansdom)
Quelle: kathpress