
Erstes Bündnis für Inklusion am Arbeitsmarkt präsentiert Forderungen
Das neu gegründete österreichweite "Bündnis für Inklusion am Arbeitsmarkt - Chancenreich" fordert mehr gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Behinderung: Am Montag haben führende Sozialorganisationen wie Caritas, Diakonie und Lebenshilfe gemeinsam mit Unternehmen ihre Forderungen an die Bundesregierung und Landesregierungen präsentiert, die diesen am 5. Mai, am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, übergeben werden. Das Bündnis fordert von Bund und Ländern u. a. eine stabile Finanzierung beruflicher Inklusion, die langfristige Absicherung des Ausgleichstaxfonds und gleiche Chancen für alle Menschen, auch mit höherem Unterstützungsbedarf. Inklusion am Arbeitsmarkt müsse zur Selbstverständlichkeit werden.
"Österreich ist von einem inklusiven Arbeitsmarkt noch ein gutes Stück entfernt", sagte Caritas-Österreich-Generalsekretärin Anna Parr bei einer Pressekonferenz in Wien. Über 17 Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention seien Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt immer noch klar benachteiligt, verwies Parr auf aktuelle Zahlen. "Ihre Beschäftigungsquote ist deutlich niedriger, sie sind etwa doppelt so häufig arbeitslos. 21,5 Prozent sind laut Statistik Austria armutsgefährdet. Das ist ein Alarmsignal." Der Handlungsdruck steige, doch der Ausbau inklusiver Strukturen stagniere seit Jahren, kritisierte die Caritas-Generalsekretärin.
Berufliche Inklusion - auch von Menschen mit höherem Assistenzbedarf - sei möglich, betonten die Organisationen. Doch es brauche entsprechende Unterstützung und Begleitung sowohl für die Arbeitnehmer als auch für die Arbeitgeber, denn aktuell seien nur 15 Prozent der Menschen mit Behinderungen in Österreich erwerbstätig. Der Übergang aus einer Tagesstruktur oder aus der Schule in den regulären Arbeitsmarkt gelinge vielen Menschen mit Behinderungen ohne eine solche in der Regel nicht. Dabei wollten Menschen mit Behinderungen selbstständig leben und arbeiten, und viele Unternehmen in Österreich hätten bereits bewiesen, dass Inklusion am Arbeitsmarkt gelingt, betonte Parr.
Kürzungen "volkswirtschaftlich kurzsichtig"
Kürzungen bei Qualifizierung, Vermittlung und Arbeitsassistenz seien nicht nur "sozial falsch - sie sind auch volkswirtschaftlich kurzsichtig und kosten uns als Gesellschaft mehr", appellierte Parr an Bund und Länder, angesichts der aktuellen Budgetpläne für 2027/28 keinesfalls bei Menschen mit Behinderungen zu sparen. Weniger Unterstützung bedeute weniger Chancen, mehr Arbeitslosigkeit - und letztlich höhere Folgekosten. Teilhabe dürfe nicht vom Budget abhängen.
"Jeder in berufliche Teilhabe und inklusive Berufsbildung investierte Euro schafft Chancen, fördert Selbstbestimmung und stärkt nachhaltig Wirtschaft, Gesellschaft und Menschen mit Behinderungen", betonte Philippe Narval, Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich und Mitinitiator des Bündnisses. "Ein inklusiver Arbeitsmarkt ist eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Statt Sonderstrukturen braucht es reguläre Beschäftigung", erklärte Andreas Jesse, Vorstand des Dachverbands Berufliche Inklusion-Austria (dabei-austria). NEBA-Angebote (Leistungen der Beruflichen Assistenz) und andere arbeitsmarktpolitische Projekte, finanziert durch Bund und Länder, zeigten, dass mit gezielter Unterstützung die Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt gelinge.
Forderungen
Konkret fordert das neue "Bündnis Chancenreich" eine von Konjunkturschwankungen unabhängige Finanzierung sowie den Stopp von Kürzungen bei Programmen zur Qualifizierung, Vermittlung und Begleitung von Menschen mit Behinderung. Dazu zähle die Absicherung und Stärkung des Ausgleichstaxfonds (ATF), ein zentrales Instrument zur Finanzierung beruflicher Inklusion und beruflicher Assistenz am Arbeitsplatz. Er sorge für 210 Projekte und rund 110.000 unterstützte Menschen pro Jahr, erklärte Caritas-Generalsekretärin Parr. Die Bundesregierung habe für ihre Budgetzuschüsse zum ATF zwar zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt, diese sollen aber laut aktuellem Budgetpfad drastisch abnehmen, kritisierte Parr: "Von 65 Millionen Euro in diesem Jahr auf nur mehr 15 Millionen im Jahr 2029. Das entspricht einem Rückgang um rund drei Viertel."
Zudem brauche es gleiche Chancen für alle. Viele Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf würden heute nur für ein Taschengeld arbeiten und hätten kaum Zugang zu regulärer Beschäftigung. Nur in vier Bundesländern gäbe es Angebote zur beruflichen Inklusion für diese Gruppe, so die Kritik der Organisationen. Diese Angebote müssten überall im Land zur Verfügung stehen. Auch bräuchten diese Menschen ein Rückkehrrecht in Tagesstrukturen, damit Arbeitsversuche und Übergänge in bezahlte Beschäftigung ohne Existenzangst möglich seien.
Inklusive Bildung
Außerdem brauche es eine politische Schwerpunktsetzung auf inklusive Bildung und Berufsausbildung. Sie sei die Grundlage für spätere Teilhabe am Arbeitsleben. Fehlende Ressourcen, unzureichender Zugang zu Schulassistenz und Ausgrenzung erschwerten den späteren Einstieg in die Erwerbsarbeit.
Unter dem Dach des neuen Bündnisses sind neben der Caritas, Diakonie und Volkshilfe der Dachverband Berufliche Inklusion-Austria (dabei-austria), KOBV Österreich, ÖZIV und Zero Project sowie Großkonzerne, KMUs und kleine Betriebe vertreten. Zu den beteiligten Unternehmen zählen etwa Ikea Österreich, Interspar, Post AG, Primark, Betonwerk Jungwirth, Rewe Group und Uniqa. (Info: www.chancenreich.at)
Quelle: kathpress