
P. Schörghofer wirbt für Sensibilität für Kunst im Kirchenraum
In der aktuellen Ausgabe der Podcastreihe "Orden on air" ist der Jesuit, Künstlerseelsorger und Rektor der Wiener Jesuitenkirche, P. Gustav Schörghofer, zu Gast. Im Gespräch erzählt er von seinem Lebensweg und seiner Arbeit im Spannungsfeld von Kunst und Glaube. Er erklärt, weshalb für ihn Künstler "Seismographen der Gesellschaft" sind, wie er die Entfremdung zwischen Kirche und moderner Kunst wahrnimmt und er warnt auch vor religiöser Instrumentalisierung von Kunst. Wahre Kunst steht und fällt für Schörghofer mit der Qualität: "Eine starke Arbeit kann provozieren, ohne Schaden anzurichten. Eine schwache Arbeit richtet Schaden an, ohne zu provozieren." Zugleich plädiert Schörghofer für Sensibilität im kirchlichen Raum.
Aufgewachsen ist Schörghofer in der Festung Hohensalzburg, wo sein Vater als Verwalter arbeitete. Künstlerinnen und Künstler gehörten dort früh zu seiner Welt. Zunächst entschied er sich für ein Studium der Kunstgeschichte und Archäologie. Doch während eines Italienaufenthalts begann sich sein Blick zu verändern. "Dort ist mir die Bibel aufgegangen", so Schörghofer. Besonders Franz von Assisi habe ihn fasziniert: ein Mensch, der alles aufgegeben hatte und dennoch eine große Lebensfreude ausstrahlte. Die Frage nach der eigenen Berufung ließ ihn danach nicht mehr los.
Der Gedanke, ins Kloster zu gehen, löste zunächst Zweifel aus. Schörghofer prüfte sich lange und entschied sich schließlich für den Jesuitenorden. Ausschlaggebend sei vor allem dessen Haltung zur Welt gewesen: "Ich wollte in die Wirklichkeit hinein. Die Jesuiten gehen in die Welt." - Mit dieser Entscheidung habe er eigentlich seiner eigenen Neigung widersprochen. Die Gemeinschaft habe ihn aus einer rein ästhetischen Betrachtung herausgeführt und stärker mit den konkreten Fragen des Lebens konfrontiert.
Kunst darf nicht bloß Mittel zum Zweck sein
Zur Kunst fand Schörghofer später auf Umwegen zurück. Nach seiner Priesterweihe arbeitete er zunächst für eine Zeitschrift, knüpfte Kontakte zu Künstlerinnen und Künstlern und übernahm schließlich offiziell die Künstlerseelsorge des Ordens. Heute verbindet er beides: die Arbeit in der Kirche und den Austausch mit der zeitgenössischen Kunst, durch Ausstellungen, Gespräche und eine eigene Galerie.
Ein Grundsatz zieht sich dabei durch alles, was er tut: Kunst dürfe nicht instrumentalisiert werden. "Wenn man sie nur als Illustration für Glaubensinhalte verwendet, verfehlt man sie oft", befindet Schörghofer. Kunst verliere ihren eigenen Charakter, sobald sie bloß einer Funktion diene, sei es religiöser Verkündigung oder politischer Ideologie.
Auch im kirchlichen Raum brauche es deshalb Sensibilität. Manche Werke mit stark sexuellen Darstellungen lehne er ab; nicht aus persönlicher Abneigung, sondern aus Rücksicht auf den sakralen Raum und die Menschen, die ihn aufsuchen. Entscheidend bleibe jedoch die Qualität eines Werkes. "Eine starke Arbeit kann provozieren, ohne Schaden anzurichten. Eine schwache Arbeit richtet Schaden an, ohne zu provozieren."
Die Entfremdung zwischen Kirche und moderner Kunst bezeichnet Schörghofer als historische Wunde. Bis etwa 1800 seien beide eng miteinander verbunden gewesen. Erst im 19. Jahrhundert habe sich die Kirche zunehmend von der zeitgenössischen Kunst entfernt und dadurch wichtige Entwicklungen übersehen. Künstler wie Van Gogh oder Cezanne seien von kirchlichen Kreisen kaum wahrgenommen worden, obwohl ihre Werke durchaus spirituelle Dimensionen hätten. Statt nur nach ausdrücklich religiösen Motiven zu suchen, plädiert Schörghofer deshalb für einen offeneren Blick. Auch die Hinwendung zu Randgruppen, die Aufmerksamkeit für das Alltägliche oder die Erfahrung von Stille und Leere könnten eine religiöse Tiefe besitzen, ohne ausdrücklich so benannt zu werden.
Spiritualität in einer säkularen Gesellschaft
Dass die Bindung an die Kirche abnimmt, bedeutet für Schörghofer nicht, dass Spiritualität verschwindet. "Sie wird individueller", sagt er. Viele Menschen suchten Sinn heute in personalisierten Formen von Spiritualität, etwa in Engelwesen oder energetischen Steinen. "Aber von Steinen kommt die Erlösung auch wieder nicht." Gleichzeitig erkennt der Jesuit auch außerhalb religiöser Institutionen spirituelle Kräfte. Im Sozialstaat, in der Sorge um Schwächere oder im Einsatz für andere wirke oft ein "guter Geist", selbst wenn dieser keinen religiösen Namen trage.
Künstlerinnen und Künstler beschreibt Schörghofer als "Seismographen der Gesellschaft". Sie nähmen gesellschaftliche Veränderungen oft früher wahr als andere. Historisch zeige sich zudem, dass autoritäre Systeme die Kunst fast immer unterdrücken. Für ihn ist das kein Zufall, sondern ein Warnsignal.
Seine eigene Arbeit als Künstlerseelsorger beschreibt Schörghofer vergleichsweise schlicht: als ehrliches Interesse am Gegenüber. Künstlerinnen und Künstler kämen mit ihren Arbeiten, Gespräche entwickelten sich aus der Begegnung. Nicht Bekehrung stehe im Mittelpunkt, sondern Austausch.
Auch die Jesuitenkirche versteht er als lebendigen Ort. Barocke Architektur und zeitgenössische Kunst sind für ihn kein Gegensatz. Entscheidend sei vielmehr, den Raum mit Leben zu füllen: durch Liturgie, Musik, Gemeinschaft und Begegnung. Die Zukunft von Kirche und Kunst sieht Schörghofer deshalb nicht in einer einfachen Verschmelzung. Sie liege im offenen Dialog, respektvoll, neugierig und bereit für Überraschungen.
Der Podcast "Orden on air" der Ordensgemeinschaften Österreich ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt. (Infos: www.ordensgemeinschaften.at)
Quelle: kathpress