
Ordensfrau sieht "Spiritualitätsmangel" in der Kirche
Einen "Spiritualitätsmangel" in der Kirche ortet die Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz, Sr. Christine Rod. Spiritualität boome zwar gegenwärtig in der Gesellschaft, wie sie im Interview mit der "Furche" (aktuelle Ausgabe) einräumte, christliche Spiritualität spiele dabei aber nur selten eine Rolle, "und das ist schade", so Rod: "Bei all den Debatten über Strukturreformen und Organisation bemerke ich in Sachen Spiritualität oft eine gewisse Sprachlosigkeit." Sie sei überzeugt: "In unserer Kirche gibt es einen Spiritualitätsmangel." Nachsatz: "Wo kommt Gott vor, in der Kirche bis in die kleinste Gemeinde?" Die theozentrische Frage werde heute zu selten gestellt, so die Ordensfrau der Missionarinnen Christi.
Spiritualität werde mittlerweile von vielen als eine Komponente einer ausgeklügelten Selbstoptimierungsstrategie verstanden. Das sei auch in Ordnung, wenn es Menschen helfe. "In einem christlichen Sinne und in meinem Verständnis hat Spiritualität aber mit einer größeren Wirklichkeit zu tun", sagte Rod: "Ich kann eben ganz bewusst ein Stück loslassen, weil ich nicht für alles die Regie und die Verantwortung übernehmen muss. Die Ausrichtung auf eine größere Wirklichkeit hin, die mitreden darf in meinem Leben, führt mich im Endeffekt zu größerer Freiheit."
Christliche Spiritualität ist für Rod auch immer eine "Übung der Treue". Man stelle sich ganz bewusst in einen "jahrtausendealten Fluss der Gotteserfahrung hinein". Dass dies in einem gewissen vorgegebenen Rahmen abläuft, ist für die Ordensfrau kein Problem, im Gegenteil: Es braucht nicht jeder seine "eigene Spiritualität" zu entwickeln, sondern "wir folgen einer gemeinsamen Spur". Bei einer frühmorgendlichen Laudes etwa sei alles klar vorgegeben, dafür entstehe dabei ein Resonanzraum, der bei einer modernen Dankbarkeitsübung, die allein gemacht werde, fehle. "Ohne Gott fehlt mir die Resonanz", so Rod.
Ein gutes Beispiel für christliche Spiritualität ist für die Ordensfrau der Benediktinermönch David Steindl-Rast, der im Juli seinen 100. Geburtstag feiert. "Er wird von vielen, die mit dem Christentum an sich eigentlich gar nicht so viel anfangen können, bewundert und als eine Art Guru gesehen", so Rod. Dabei agiere auch Steindl-Rast auf einem "sehr klaren christlichen Fundament".
Aber auch die christliche Spiritualität sei gewissen Trends unterworfen. Die naturverbundene Spiritualität Franz von Assisis habe etwa ganze Generationen geprägt, nannte Rod als Beispiel. Heute sei das hingegen nicht mehr so sehr Thema.
Ambivalent sah Rod die Tendenz einer selbstbezogenen Sichtweise auf die christliche Spiritualität: "Wenn es darum geht, ein selbstgerechtes Bild auf das Christentum von selbsternannten religiös-spirituellen Eliten zu fördern, sehe ich das sehr kritisch. Es kann nicht darum gehen, ein Superchristentum zu forcieren." Allerdings: Die eigene Optimierung "im Sinne eines Wachsens, eines Entwicklungs- bzw. Reifungsprozesses mir und meinen Mitmenschen gegenüber zu sehen, eingebettet in die christliche Spiritualität - das kann ein fruchtbringender Weg sein", so Rod.
"Spuren und Wurzeln des Christlichen"
Die Ordenskonferenz bietet im kommenden Herbst bereits zum dritten Mal einen Lehrgang zu christlicher Spiritualität an. Unter dem Titel "glauben und leben - Spuren und Wurzeln des Christlichen" geht es darum, sich auf einen gemeinsamen Weg zu machen. Lehrgangsleiterin ist Sr. Rod.
In acht Seminareinheiten führt der Lehrgang von September 2026 bis Juni 2028 tiefer in das Christentum ein. Die jeweils dreitägigen Seminare finden abwechselnd im Geistlichen Zentrum der Franziskanerinnen in Vöcklabruck (OÖ) und im Exerzitienhaus der Kreuzschwestern in Hall (Tirol) statt.
Die Seminare beinhalten Vorträge und Gottesdienste, Meditationen und Reflexionen, Austauschgruppen und Geistliche Begleitung und vieles mehr. Behandelt werden Themen wie "Jesus und seine Quellen", "Glauben in der Kirche", "Leben lernen mit Leid und Scheitern", "Gebet und Liturgie", "Glaube ist mystisch und politisch" oder "Christliche Lebenskultur".
(Infos: ordensgemeinschaften.at)
Quelle: kathpress