
Expertin: Enzyklika stärkt kirchlichen Hilfsorganisationen den Rücken
Die Leiterin der Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz (KOO), Anja Appel, sieht in der ersten Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. deutliche Worte zu sozialer Ungleichheit, globaler Ausbeutung und den Folgen neuer Technologien. Das Schreiben greife zentrale Anliegen katholischer Hilfswerke auf und verbinde die Kritik an wirtschaftlichen Machtstrukturen mit einer ethischen Reflexion über Digitalisierung und KI, so die Politikwissenschafterin am Dienstag gegenüber Kathpress. "Er stärkt damit katholischen Organisationen und Einrichtungen in der Entwicklungszusammenarbeit den Rücken, die wirtschaftliche Ausbeutung und strukturelle Benachteiligung von Ländern des Globalen Südens benennen und die Welt aus der Perspektive marginalisierter Menschen verändern wollen."
Besonders hob Appel hervor, dass die am Montag veröffentlichte Enzyklika auch die globalen Folgen neuer Technologien thematisiere. Papst Leo XIV. scheue "eine deutliche und ehrliche Tatsachenbeschreibung nicht", wenn es um die Herausforderungen gehe, "die mit der Nutzung von KI-Anwendungen auf uns als Individuen, als einzelne Gesellschaften sowie als Menschheitsfamilie zukommen". Besonders bemerkenswert sei, dass das Schreiben technische Entwicklungen der vergangenen Jahre "mit seinen Potentialen und Gefahren in einen internationalen Kontext setzt".
"Wir sind aufeinander zurückverwiesen"
Die Enzyklika sei "durchwoben von der Vision des Wohlergehens für alle Völker und die Abschaffung struktureller Ungleichheit", so die KOO-Leiterin. Gleich zu Beginn heiße es: "Nicht selten setzen wir unsere Hoffnung auf grenzenloses Wachstum, auf Formen des Fortschritts, die Ungleichheiten verschärfen, auf sofortige Lösungen, die nicht in der Lage sind, die Wunden der Völker zu heilen." Der Papst stelle zudem immer wieder die Verantwortung der Menschen füreinander in den Mittelpunkt. "Wir sind aufeinander zurückverwiesen und daher auch füreinander verantwortlich", fasste Appel zusammen. Technologische Entwicklungen müssten daran gemessen werden, ob sie "der sozialen Gerechtigkeit dienen anstatt nur einer ausgewählten Gruppe zu nützen".
Kritik an unsichtbaren Arbeitsbedingungen
Positiv bewertete die Expertin weiters, dass das Schreiben auch problematische Seiten der Digitalisierung anspreche. So würden die oft unsichtbaren Arbeitsbedingungen hinter der Entwicklung von KI-Systemen erwähnt - etwa Millionen Menschen weltweit, die in Bergbau, Datenmarkierung oder Content-Moderation tätig seien. Diese und andere Formen moderner Sklaverei müssten "durch Unternehmensverantwortung unterbunden werden".
Auch die Schwächung multilateraler Zusammenarbeit habe der Papst kritisch abgesprochen. In der Enzyklika heiße es, dass es am "gemeinsamen Willen mangelt, sie zu stützen, zu reformieren und ihre moralische Autorität anzuerkennen". Zugleich warne Leo XIV.: "In diesem Kontext ist der Friedensaufbau in den Hintergrund getreten: Entwicklungszusammenarbeit, Abrüstung, Konfliktprävention und der Aufbau gegenseitigen Vertrauens werden im Namen der Machtpolitik vernachlässigt." Trotz dieser kritischen Gegenwartsanalyse erkenne sie in dem Schreiben auch eine Ermutigung, "die Hoffnung nicht" zu verlieren, sagte Appel.
Quelle: kathpress