
Ex-EU-Kommissar Fischler: Europa braucht starke christliche Stimme
Damit Europa auch künftig der lebenswerteste Kontinent bleibt, ist ein starker Beitrag der Kirchen bzw. der Christinnen und Christen unerlässlich. Davon hat sich der frühere EU-Kommissar und österreichische Landwirtschaftsminister Franz Fischler überzeugt gezeigt. Er hielt am Dienstagabend in Linz auf Einladung der Linzer "Pro Oriente"-Sektion und der Raiffeisenlandesbank OÖ einen Vortrag, in dem er die Bedeutung der christlichen Werte als Grundlage für Europa betonte und zugleich die christliche Botschaft als "prophetisches Korrektiv" gegen vermeintliche Heilsversprechungen bezeichnete. Im Anschluss an den Vortrag diskutierte Fischler mit dem Linzer Bischof Manfred Scheuer und Sigrid Burkowski, Vorstandsmitglied der Raiffeisenlandesbank, zum Thema.
"Pro Oriente"-Linz-Obmann Josef Pühringer stellte in seinen Eröffnungsworten die Frage nach der Rolle der christlichen Kirchen in einer zunehmend pluralen und multireligiösen Gesellschaft. Dabei warnte er vor nostalgischen Rückblicken und betonte: "Europa ist ein Zukunftsprojekt und wird es immer bleiben." Die christlichen Wurzeln Europas seien nicht bloß historisches Erbe, sondern Auftrag, aktiv an Frieden, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt mitzuwirken.
Im Mittelpunkt des Vortrags von Fischler standen die großen Herausforderungen, vor denen Europa gegenwärtig steht: Klimawandel, Künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologie und der demografische Wandel. Die Gleichzeitigkeit dieser Entwicklungen sei historisch neu und erfordere neue Formen politischer Steuerung und gesellschaftlicher Verantwortung, so Fischler.
"Diese großen Herausforderungen können wir nur mit neuen Governance-Modellen bewältigen. Dabei muss das Christentum ein prophetisches Korrektiv gegen die vermeintlichen Heilsversprechen der Musks und Thiels unserer Zeit sein, damit Europa auch künftig der lebenswerteste Kontinent der Welt bleibt", betonte Fischler.
In seinem historischen Rückblick erinnerte Fischler an die Anfänge der europäischen Integration und an das ursprüngliche Leitmotiv "Frieden durch Wohlstand". Der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Delors habe Anfang der 1990er-Jahre die Kirchen bewusst eingeladen, an der europäischen Idee mitzuwirken, damit Europa nicht nur wirtschaftliche Stärke, sondern auch "Herz und Seele" entwickle. Die europäische Sinnfrage müsse gestellt und vor allem auch praktisch beantwortet werden.
Plädoyer für mehr europäisches Selbstbewusstsein
Fischler plädierte für mehr europäisches Selbstbewusstsein. Die Europäische Union sei der größte Binnenmarkt der Welt, eine führende Handelsmacht und verfüge über eine hochgebildete Bevölkerung. Die Attraktivität Europas zeige sich auch daran, dass Länder wie Island, Albanien, Georgien und zunehmend auch Norwegen einen Beitritt anstreben oder darüber nachdenken. Gleichzeitig gelte für die Europäische Union wie für die Kirche: "Semper reformanda" - stets erneuerungsbedürftig.
Reformbedarf sah Fischler insbesondere bei den europäischen Institutionen. Im Sinne des Subsidiaritätsprinzips solle die EU jene Aufgaben übernehmen, die tatsächlich auf europäischer Ebene zu lösen seien. Zudem brauche es eine bessere Balance zwischen Kommission, Rat und Parlament, stärkere europäische Parteien sowie eine Überwindung des Einstimmigkeitsprinzips, das Entscheidungsprozesse zunehmend lähme.
Für die Zukunft Europas sei ein Wirtschafts- und Sozialmodell notwendig, das Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung in Einklang bringt. Ebenso entscheidend sei die Wiedergewinnung von Vertrauen in Politik und Demokratie. Mit Blick auf die jüngere Generation zeigte sich Fischler optimistisch und zitierte den Philosophen Peter Sloterdijk: "Wir sind zum Vertrauen in die Zukunft verdammt."
Abschließend rief er zum aktiven Engagement für Europa auf. Die Europäische Union sei nicht nur eine Wirtschaftsunion, sondern vor allem eine Werteunion, gegründet auf der Menschenwürde und der Europäischen Grundrechtecharta. Jede und jeder könne die europäische Idee im eigenen Umfeld leben und weitertragen.
Kultur, Sinn und Spiritualität
In der anschließenden Diskussion unterstrich Bischof Scheuer die Bedeutung von Kultur, Sinn und Spiritualität für die Zukunft Europas. Diese Bereiche dürften nicht losgelöst von wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Fragen betrachtet werden. Im Zentrum müsse die universale Menschenwürde stehen, die angesichts der Entwicklungen in Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie vor neuen Herausforderungen stehe.
Religionsgemeinschaften könnten dabei eine wichtige Brückenfunktion zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft übernehmen. Die Vorstellung von der unantastbaren Würde jeder Person sei wesentlich durch das Christentum geprägt worden und bilde bis heute ein fundamentales Fundament der europäischen Werteordnung, so Scheuer.
Fischler hob in der Diskussion hervor, dass Demokratie keineswegs selbstverständlich sei. Sie müsse durch Bildung, gesellschaftliches Engagement und den Dialog mit jenen Ländern gestärkt werden, in denen demokratische Strukturen unter Druck stehen oder noch nicht ausreichend entwickelt seien.
Sigrid Burkowski kam auf die Bedeutung einer wertebasierten und nachhaltigen Entwicklung Europas zu sprechen. Nachhaltigkeit dürfe kein Schlagwort bleiben, sondern müsse sich im konkreten Handeln zeigen. Mit Blick auf die Europäische Union plädierte Burkowski dafür, auch in Zeiten veränderter politischer Prioritäten an langfristigen Werten und Zielen festzuhalten.
Quelle: kathpress