
Wien: Venezolanische Gemeinde sammelt Hilfsgüter für Erdbebenopfer
Nach dem verheerenden Erdbeben in Venezuela mit bereits mehr als 2.200 bestätigten Todesopfern (Stand Donnerstag) organisiert die venezolanische katholische Gemeinde in Wien am Samstag eine Hilfsaktion für die Betroffenen. Von 10 bis 17 Uhr werden in der Karmeliterkirche St. Josef im 2. Wiener Gemeindebezirk (Karmelitergasse 10) vor allem Medikamente und Hygieneartikel gesammelt. Darüber hinaus wird zu Geldspenden an die Venezuela-Hilfe des internationalen Caritasverbandes aufgerufen.
Gesammelt werden dringend benötigte und logistisch gut transportierbare Hilfsgüter. Dazu zählen Schmerz- und Fiebermittel, Antibiotika in Tablettenform (keine kühlpflichtigen Präparate), Wunddesinfektionsmittel, sterile Kompressen, Verbandmaterial, Fixierbinden, Einweghandschuhe, medizinische Schutzmasken sowie Blutdruckmessgeräte und einfache Diagnostikgeräte. Ebenso erforderlich sind Artikel der Grundversorgung wie Windeln für Kinder und Erwachsene, Damenhygieneartikel, Seife, Shampoo, Zahnbürsten, Zahnpasta, Feuchttücher sowie haltbare Babynahrung und Milchpulver. Ergänzend werden lang haltbare Grundnahrungsmittel wie Reis, Nudeln, Hülsenfrüchte und Konserven gesammelt.
Von der Sammlung ausgeschlossen sind Kleidung, da davon bereits ausreichende Mengen vorliegen, sowie kühlpflichtige oder temperaturempfindliche Medikamente und Arzneimittel, die spezielle Lagerbedingungen erfordern und daher für den Containertransport ungeeignet sind.
Medizin vor Ort unleistbar
Die Koordinatorin Daniela Fierro aus der spanischsprachigen Pfarrgemeinde "Sagrada Familia" in Wien-St. Josef verwies im Gespräch mit Kathpress auf die dramatische Versorgungslage in ihrem Heimatland. Medikamente seien in Venezuela sehr teuer, vieles sei überhaupt nicht verfügbar. Schon vor dem Erdbeben hätten viele Menschen mit weniger als 100 US-Dollar im Monat auskommen müssen. "Heute gibt es zwar viele Dinge des notwendigen Bedarfs wieder zu kaufen, aber sie kosten oft sogar mehr als in Österreich und sind für viele Familien schlichtweg unbezahlbar", so die seit 2019 in Wien Lebende.
Mit Sorge blickt Fierro auf die kommenden Wochen. Absehbar werde sich die Versorgungslage und die Knappheit bei den Medikamenten noch weiter verschärfen. Gleichzeitig seien die Bedingungen in den Notunterkünften schwierig. Deshalb würden Hygieneartikel für die große Zahl obdachlos gewordener Menschen dringend benötigt.
Hilfe per Schiffscontainer und Benefizevents
Die Hilfsgüter sollen per Container nach Venezuela verschifft werden. Vor Ort arbeitet die Initiative mit der Caritas Venezuela zusammen. Den Sorgen vieler im Ausland lebender Venezolaner, ob Hilfslieferungen tatsächlich ankämen, begegnen die Organisatoren mit vertrauenswürdigen Ansprechpartnern vor Ort, die gemeinsam mit der Caritas die Verteilung begleiten. "Wir wollen den gesamten Weg der Hilfsgüter nachverfolgen und nach der Ankunft auch Fotos schicken. Die Menschen sollen sehen, dass ihre Spenden wirklich ankommen", sagte Fierro.
Getragen wird die Hilfe von mehreren Gruppen der venezolanischen Gemeinschaft in Österreich. Nach dem Sammeltag in der Gemeinde "Sagrada Familia" fungiert das Restaurant Aguacate in Wien-Landstraße als zentrale Sammelstelle, ebenso wie es auch Sammelpunkte bei einzelnen Freiwilligen sowie karitativen Einrichtungen gibt. Musiker und Kulturinitiativen organisieren darüber hinaus Benefizveranstaltungen zur Finanzierung des Transports, so war etwa bereits für Donnerstagabend (19 Uhr) in der Kirche Wien-St. Elisabeth ein Konzert angesetzt.
Diaspora erstmals geeint
Die seit 27 Jahren in Österreich lebende Venezolanerin Karla Heigl sprach gegenüber Kathpress von einer außergewöhnlichen Entwicklung innerhalb der Diaspora. Über viele Jahre sei die Gemeinschaft auch im Ausland politisch tief gespalten gewesen - zwischen Anhängern der jeweiligen Regierungen und jenen, die vor ihnen geflohen seien. "Zum ersten Mal arbeiten wir zusammen, um den Menschen in Venezuela zu helfen", so Heigl. Die Katastrophe habe viele politische Gegensätze in den Hintergrund treten lassen. Selbst Menschen, die das Regime lange unterstützt hätten, sähen nun angesichts der Zerstörung und der Erfahrungen der Rettungskräfte die Grenzen und Schwächen der staatlichen Strukturen.
Die Hilfsaktionen hätten die venezolanische Gemeinschaft in Österreich enger zusammengeführt. Während einige Sachspenden sammelten, organisierten andere Benefizkonzerte oder stellten Räumlichkeiten als Sammelstellen zur Verfügung. "Wir haben uns als Gemeinschaft wieder angenähert, weil wir das Leid unserer Landsleute mit Schmerz und Ohnmacht verfolgen", sagte Heigl.
Die vergangenen Jahrzehnte hätten Venezuela geprägt: politische Polarisierung, Verfolgung, wirtschaftlicher Niedergang und die Auswanderung von Millionen Menschen hätten Familien auseinandergerissen und das Land erschüttert. Dennoch hätten viele Venezolaner ihren Glauben und ihre Hoffnung nicht verloren. Für Heigl könnte die Katastrophe trotz allen Leids auch einen Wendepunkt markieren: "Wir sind ein kämpferisches und christliches Volk. Ich bin überzeugt, dass wir unser Land mit Liebe und Glauben wiederaufbauen können."
Für Venezuela wird derzeit in allen spanischsprachigen Gemeinden Wiens gebetet. Ebenso wie in der Gemeinde "Sagrada Familia" in der Karmeliterkirche (Samstag, 19 Uhr) wird am Wochenende auch in Maria-Namen in Wien-Ottakring (Sonntag, 12.30 Uhr) ein Gottesdienst für Venezuela gefeiert, geleitet vom venezolanischen Priester Francisco Frias in Anwesenheit der Botschafterin Venezuelas, Claudia Salerno Caldera, und Mitgliedern des diplomatischen Korps. Die Kollekte geht an Venezuela-Projekte der Päpstlichen Missionswerke (Missio). Auch in der Gemeinschaft "Santa Maria de Guadalupe" in der Kirche St. Florian in Wien-Wieden wird für Venezuela-Projekte gesammelt, kommenden Sonntag (11.30 Uhr) leitet dort mit Amaury Medina Blanco ein weiterer Priester aus Venezuela die Heilige Messe.
Auf Hilfe von außen angewiesen
Die Initiatorin der Sammelaktion, Daniela Fierro, hofft auf breite Unterstützung aus Österreich. "Heute sind wir diejenigen, die Hilfe anderer Länder brauchen - und werden darauf noch längere Zeit angewiesen sein. Unsere Heimat ist wirtschaftlich und politisch nicht in der Lage, die Folgen des Erdbebens aus eigener Kraft zu bewältigen", so die Venezolanerin. (Kontakt für Hilfsgüter-Annahme: danielafc02@gmail.com; Spendenkonto der Caritas Internationalis: Bank UniCredit S.p.A., IBAN: IT10 C 02008 05008 000400406198, BIC/SWIFT: UNCRITM1B88, Kennwort "Venezuela")
Quelle: kathpress