
Theologinnen: Frauen von Kirchenvätern systematisch vergessen
Frauen haben in allen Zeiten die Bibel gelesen und interpretiert, was in der traditionellen Lehre bis heute noch immer übersehen wird: Darauf haben die lutherische Bischöfin Cornelia Richter und die Grazer Bibelwissenschaftlerin Irmtraud Fischer am Mittwoch bei einer Präsentation der 21-bändigen Forschungsreihe "Die Bibel und die Frauen" in der Lutherischen Stadtkirche hingewiesen. Das Kernproblem sei nicht die Abwesenheit von Frauen, "man hat nur vergessen, sie zu überliefern; das ist das Problem", so Fischer. Die Forschungsergebnisse stellten zudem traditionelle katholisch-kirchliche Argumentationen infrage, etwa gegen die Frauenordination. "Die Tradition, die sie gerne hätten, die gibt es nicht", so die emeritierte Professorin für Alttestamentliche Bibelwissenschaft.
Die 21 Bände des internationalen Publikationsprojekts rekonstruieren erstmals systematisch die Auslegung biblischer Texte durch Frauen vom frühen Judentum bis ins 21. Jahrhundert. Mehr als 300 Forschende aus 30 Ländern haben daran mitgearbeitet. Die viersprachig auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Italienisch erschienene Publikation sei zugleich "forschungseröffnend", betonte Fischer: Die Bücher zeigten, "wo es noch so viel zu holen gäbe und dass längst nicht alles gehoben ist".
Obwohl feministische Exegese seit den 1980er Jahren universitär verankert sei, sei das Wissen darüber bis heute nicht in die kirchliche Basis vorgedrungen, so Fischer. "Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass man uns ignoriert hat", obwohl die Forschungsergebnisse grundlegende Korrekturen der Kirchengeschichte ermöglichen würden.
Bis heute seien viele Exegetinnen, Mystikerinnen und Denkerinnen unsichtbar, da sie von klassischen Frauenbildern - etwa Mutter, Witwe, Jungfrau - überdeckt seien. Was heute als Tradition behauptet werde, gehe vielfach auf die Kirchenväter zurück, erklärte Fischer, emeritierte Professorin für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Graz. Andere Möglichkeiten weiblicher Lebensgestaltung seien damit aus dem Blick geraten. Die 21 Bände belegten hingegen, dass Frauen die Bibel in unterschiedlichen Epochen eigenständig ausgelegt und dabei neue Interpretationen entwickelt hätten.
Als Beispiel nannte Fischer die Frauenordination: "Eine der Motivationen war auch, dass in meiner Kirche immer noch die Amtsfrage völlig negativ beantwortet wird, und zwar mit der Weiheunmöglichkeit bzw. Weiheunfähigkeit der Frauen." Während sich biblische Argumente gegen Frauen im kirchlichen Amt angesichts der exegetischen Forschung kaum noch aufrechterhalten ließen, werde nun mit der Tradition argumentiert. Doch gerade deren vermeintliche Eindeutigkeit widerlege die Forschungsreihe. "Und da kann man wirklich sagen, dass wir durch diese Reihe nachweisen konnten, dass es diese Tradition, die sie gerne hätten, nicht gibt", so die katholische Theologin.
Vielfalt an Gottesbildern
Gott mit weißem Rauschebart als Mann dargestellt? Richter, seit 2025 Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, verwies auf vielfältige Gottesbilder. Neben der Vaterfigur kenne die Bibel Natur- und Tierbilder sowie weibliche Vorstellungen. Aus systematisch-theologischer Sicht mache es aber "eigentlich wenig Sinn, überhaupt irgendein Geschlecht in Gott hineinzulesen", so die Bischöfin, die jedoch die "Sehnsucht nach einer Offenheit von Gottesbildern" nachvollziehen könne.
Die biblischen Texte seien zudem aus unterschiedlichen historischen und kulturellen Zusammenhängen entstanden. Wer sie interpretiere, müsse sich mit den damaligen Sprachwelten, gesellschaftlichen Verhältnissen und Denkweisen auseinandersetzen. "Man muss die zugehörigen Denkwelten, Sprachwelten dieser Kulturkreise kennen. Man muss wissen, wie die sozialpolitische Stellung von den jeweiligen Akteurinnen und Akteuren war."
Richter warnte zudem davor, Texten eine einzige, vermeintlich eindeutige Wahrheit zu geben. So könnten - mit Blick auf neu-rechte christliche Strömungen - auch nicht einzelne Bibelstellen zur Begründung traditioneller Geschlechterrollen herangezogen werden. Solche Ansätze verzichteten häufig auf eine Hermeneutik - also eine differenzierte Auseinandersetzung mit den historischen Voraussetzungen der Texte - und gingen mit vorgefassten Annahmen an die biblischen Texte heran.
Gegen das Vergessen
Dass die Ergebnisse dauerhaft in Theologie und Kirche ankommen, sei allerdings keineswegs sicher, warnte Fischer. Bei einer wissenschaftlichen Veranstaltung mit Nachwuchsforschenden habe sie beobachtet, dass weiterhin zahlreiche Männer, aber nur wenige Frauen zitiert würden. "Wenn die Jugend so weiter tut, dann wird sie nichts ändern", konstatierte die Theologin. Frauen müssten die Arbeiten anderer Frauen stärker wahrnehmen und zitieren. Sonst drohe sich die Geschichte zu wiederholen: "Ich rechne nicht damit, dass wir da jetzt nicht groß vergessen werden."
Die gesamte, im Kohlhammer-Verlag erscheinende Reihe "Die Bibel und die Frauen: Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie" wird herausgegeben von Irmtraud Fischer (Graz), Mercedes Navarro (Madrid), Adriana Valerio (Napoli) und Charlotte Methuen (Glasgow). Zuletzt ist der Band "Feministische Bibelwissenschaft im 21. Jahrhundert" erschienen. (Infos: https://www.bibleandwomen.org)
Quelle: kathpress