
Caritasexperte: Europas "wir zuerst" ist keine Lösung
Europas Politiker sollen gerade in Wahlkampfzeiten beim Thema "Flüchtlinge und Migration" auf offene Debatten und wahre Lösungen für die Grundursachen der Flucht von Menschen setzen statt auf Angstparolen. Dazu ruft der Geistliche Assistent der Weltcaritas-Dachorganisation "Caritas Internationalis", Pierre Cibambo Ntakobajira, auf. "Europa muss mehr bieten als zu sagen: 'Europäer zuerst!'", betonte der Priester und Afrika-Experte im Interview für die aktuelle Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag". Das bloße Verbreiten von Angst bringe keine Lösung. "Diese Botschaften sind nützlich für die Zeit des Wahlkampfs, aber was kommt danach?", so Cibambo.
Gläubige Christen sollten "Botschafter der Hoffnung sein und nicht Furcht und Hass säen", mahnte der Geistliche. Er habe Verständnis für die Angst vor Fremden, "weil wir einfach nur Menschen sind und das irgendwie in uns steckt". Die wirkliche Migrationskrise herrsche jedoch nicht in Europa, sondern in Afrika. Allein Uganda beherberge in einem der weltweit größten Flüchtlingscamps 300.000 Menschen, die vor dem Konflikt im Südsudan ins Nachbarland geflohen sind, schilderte der Caritas-Experte.
Europa könne als wesentlicher Akteur in der internationalen Gemeinschaft dafür sorgen, "dass zunehmend mehr afrikanische Länder oder Staaten auf der ganzen Welt eine gewisse Art von Stabilität, guter Verwaltung und sozialer sowie wirtschaftlicher Entwicklung genießen, so dass deren Einwohner gerne in ihrer Heimat bleiben", zeigte sich Cibambo überzeugt. Manchmal lägen die Ursachen auch in Europa selbst, forderte der Caritas-Experte einen Stopp von Waffenproduktion und Waffenlieferungen:
Papst Franziskus sagt, wir müssen die Kriegsherrn stoppen. Aber wir müssen auch den Verkauf von Waffen an diese Länder beenden.
Afrika sei "nicht verdammt zu Verzweiflung, Armut und Elend", hob Cibambo hervor. Der Priester stammt selbst aus der Demokratischen Republik Kongo und war über viele Jahre hinweg in der Afrika-Abteilung des in Rom ansässigen Dachverbandes von weltweit 162 Caritas-Organisationen tätig.
"Es ist nicht alles chaotisch, wir können positive Trends auch auf der wirtschaftlichen Seite beobachten", meinte er im Gespräch mit dem "Sonntag". Es gebe auch nicht das "eine" Afrika, der Kontinent bestehe aus vielen Staaten, von denen viele mit freien Wahlen, guter Wirtschaftspolitik und Investitionen in die Bildung in die Richtung unterwegs seien, blickte Cibambo hoffnungsvoll in die Zukunft: "Wenn es für einen Kontinent wie Afrika keine Hoffnung gibt, kann ich mir auch keine Zukunft für die ganze Welt vorstellen."
Quelle: kathpress