Polak: Migration für gesellschaftlichen Fortschritt wichtig
Für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Migration, die ein wesentliches und konstantes Phänomen der Menschheitsgeschichte ist, hat sich die Wiener Pastoraltheologin Prof. Regina Polak ausgesprochen. Bei der Präsentation ihres neuen Buches "Migration, Flucht und Religion" am Donnerstagabend in Wien sagte sie, Migration gehöre zum Leben dazu und sei ein entscheidender Faktor für soziologische und ökonomische Fortschritte in einer Gesellschaft; Nachsatz: "Nur glauben tut einem das niemand".
Man könne jederzeit die positiven Effekte berechnen, die durch Migration entstünden. Außerdem betrage weltweit die Zahl jener Menschen, die ihr Land verließen, nur drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Die überwiegende Mehrheit von Migranten und Flüchtlingen, zwischen denen unterschieden werden müsse, seien nicht in Europa zu finden.
Polak versucht in ihrem Buch eine Antwort darauf zu finden, wieso Migration ein so starkes Politikum ist und so vielen Menschen Angst macht. Eine mögliche Antwort sei die im 19. Jahrhundert geschehene Bildung von Nationalstaaten. Diese seien als "ethnisch rein" verstanden worden, also als Einheit von Staat, Kultur und Sprache. Auch Historiker seien daran beteiligt, die Migrationsgeschichten dieser Staaten zu tilgen und vergessen zu machen.
Der Diskurs über Migration und Religion habe sich in einem sehr kurzen Zeitraum verändert, so Polak. "Ich habe 2008 begonnen, über Migration zu forschen. Da haben mich einige Kollegen erstaunt gefragt, was ich da tue."
"Migrationsblindheit" vor 2015
Für die Zeit vor 2015 konstatierte Polak eine Art "Migrationsblindheit". Mit Ausnahme der Missionswissenschaft und der Sozialethik, wo Migration Thema sein muss, habe es in der Theologie im deutschsprachigen Raum nichts zu dieser Thematik gegeben. "Dann kam 2015 und es wurde jedem klar, dass wir uns damit beschäftigen müssen. Mittlerweile gibt es fast eine Migrationshysterisierung."
Die Bezeichnung von Migranten und geflüchteten Menschen habe sich stark verändert: "In den 70ern hieß es noch 'Gastarbeiter', in der Hoffnung, die sind nur Gäste. Dann 'Ausländer', dann 'Türke', dann 'Migrant', der mit 'Muslim' synonym verwendet wird." Durch die Terroranschläge würden die Begriffe Migrant und Muslim verstärkt mit Terrorismus gleichgesetzt.
Bei der Frage der Integration habe man jahrzehntelang viel versäumt, so die Pastoraltheologin weiter. Es gehe bei Integration darum, wie möglichst alle Gruppen einer Gesellschaft an der Gestaltung derselben teilnehmen können. In dem Ausmaß, in dem das gefördert oder auch nicht gefördert wird, fänden in den Gruppen dann Abgrenzungsprozesse statt.
So gebe es in Wien nun verschiedene Parallelgesellschaften, auch innerhalb der autochthonen Bevölkerung, stellte Polak fest. Bei diesen Parallelgesellschaften spiele auch die Religion eine Rolle. So seien Migranten der ersten Generation oft weniger religiös als jene der zweiten oder dritten. Das betreffe nicht nur Muslime, sondern zum Beispiel auch orthodoxe Christen, da die Religion des Landes, in dem der Migrant seine Wurzeln hat, bei diesen Ab- bzw. Ausgrenzungsprozessen eine wichtige Rolle spiele.
(Regina Polak: "Migration, Flucht und Religion". Praktisch-theologische Beiträge. Band 2: Durchführungen und Konsequenzen. Grünewald-Verlag 2017)
Quelle: kathpress